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Kriminalität:Simsen statt schießen

Handys machen US-Städte sicherer. Im Drogenmilieu zücken Kriminelle heute eher das Smartphone als die Waffe.

Von Claus Hulverscheidt

Seit sich das Mobiltelefon vor etwa 25 Jahren als alltäglicher Gebrauchsgegenstand zu etablieren begann, sind ihm viele Einflüsse auf die Gesundheit nachgesagt worden, zumeist schlechte. Mal wurde geargwöhnt, der Gebrauch verursache Krebs oder ein weiches Hirn, dann hieß es, das Fernsprechgerät - ausgerechnet - töte die menschliche Kommunikation, weil nur noch schriftlich Mitteilungsschnipsel ausgetauscht würden. Dass Handys Mord und Totschlag verhindern können, hat dagegen noch keiner behauptet. Bis jetzt.

Die Ökonominnen Lena Edlund und Cecilia Machado haben in einer Studie untersucht, ob die Einführung tragbarer Telefone beim deutlichen Rückgang der Mordraten in US-Großstädten eine Rolle spielte. Dazu stellten sie die Zahl der Mobilfunkmasten und die der tödlichen Gewaltdelikte zwischen 1970 und 2009 einander gegenüber. Mit eindeutigem Ergebnis: Allein in den Neunzigerjahren, in denen die meisten Masten errichtet wurden, sackte in den Metropolregionen die Mordrate je 100 000 Einwohner von durchschnittlich 17,3 auf 9,5 Opfer ab. Das Minus war dort am deutlichsten, wo sich die Mobilfunkversorgung am schnellsten verbesserte.

Dass ein Bezug besteht, zeigt sich unter anderem daran, dass die Zahl der Beziehungstaten unverändert blieb, während die der Morde im Drogen- und Gang-Milieu drastisch sank. Zwar mag es weitere Ursachen gegeben haben, neue Polizeitaktiken oder strengere Waffengesetze etwa. Edlund und Machado zufolge veränderte aber nichts das Drogengeschäft so sehr wie die Verbreitung des Handys. Vor dessen Erfindung wurden Rauschmittel auf der Straße verkauft. Dealer und Kunde trafen sich an Orten, die die Polizei nur schlecht überwachen konnte, etwa in Unterführungen oder in den Eingängen von Sozialbauten. Da viele von ihnen Waffen trugen, konnte jeder Streit ums Geld oder die Qualität der Ware tödlich enden. Hinzu kamen Revierkämpfe zwischen Gangs oder einzelnen Händlern.

Mit dem Handy veränderte sich die Situation vollkommen. Händler und Kunde müssen ihr Geschäft seither nicht mehr an einem festen, öffentlichen Ort abschließen, vielmehr können Preis und Übergabestelle telefonisch festgelegt werden. Damit geht der Verkauf weniger spannungsgeladen über die Bühne, zudem sank die Zahl der Überfälle auf Kleindealer und deren Geldbeutel. Auch gewaltsame Gang-Konflikte um einzelne Straßenzüge wurden obsolet. "Das Revier verlor seine Bedeutung und damit auch der Revierkampf", heißt es in der Studie, die vom renommierten Forschungsinstitut NBER veröffentlicht wurde. In ländlichen Regionen, wo das Prinzip des "Reviers" nie eine große Rolle gespielt hatte, änderten sich die Tötungsraten entsprechend weniger.

Im Jahr 2000 wurden in den USA etwa 10 000 Morde weniger verübt als 1990. Edlund und Machado schätzen, dass allein das Mobiltelefon bis zu 2900 Menschenleben rettete. Eine reine Erfolgsstory ist die Einführung des Handys aus ihrer Sicht dennoch nicht, denn es hat Drogen zugleich auch billiger und leichter verfügbar gemacht: In dem Maße, in dem Morddelikte zurückgingen, schoss die Zahl derer, die an einer Überdosis starben, in die Höhe.

© SZ vom 17.08.2019
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