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Kriegsverbrecher Slobodan Praljak:Kroatiens Regierungschef lobt Praljak als Patrioten

Der Schock über Praljaks Tod ist in der internationalen Justiz groß, allerdings nicht so gewaltig wie damals bei Milošević. Der war als Stratege der Jugoslawienkriege bedeutsamer, und ihm war es - zumindest sofern man der Suizidthese folgt - tatsächlich gelungen, sich seinem Urteil zu entziehen. Er starb als Unbestrafter, kein Richter hat ihn je schuldig sprechen können. Das hat nun Praljak nicht einmal versucht. Stattdessen hat der Kroate erst den letztinstanzlichen, damit rechtskräftigen Schuldspruch gegen sich angehört.

In Kroatien allerdings geht sein vermeintliches Kalkül auf, sich mit dem Gifttod zum Märtyrer zu stilisieren. Praljak habe eine Botschaft an das UN-Tribunal senden wollen, dass seine Verurteilung ungerecht sei, sagte Ministerpräsident Andrej Plenković. In seiner Kondolenzadresse an die Familie lobte er den General als Patrioten, der immer das getan habe, "von dem er glaubte, es war das Beste für sein Volk". Das Haager Urteil bezeichnete er als "große moralische Ungerechtigkeit".

Flaggen auf Halbmast im kroatischen Teil von Mostar

Der Regierungschef trifft damit den Nerv eines Großteils der politischen Klasse und der Bevölkerung einschließlich der kroatischen Gebiete in Bosnien. Im kroatischen Teil von Mostar wurden zu Ehren Praljaks die Flaggen auf Halbmast gesetzt, Hunderte Menschen zündeten Kerzen an und beteten für den Toten. Dragan Čović, der kroatische Vertreter im dreiköpfigen bosnischen Staatspräsidium, sagte, das Urteil sei "ein Verbrechen gegen alle Kroaten in Bosnien-Herzegowina". In Zagreb kam am Donnerstag das Parlament zu einer Schweigeminute zusammen.

Kritik aus der Opposition gegen solche Ehrbezeugungen für einen verurteilten Kriegsverbrecher gab es nur verhalten. Žarko Puhovski, Professor für Politische Philosophie an der Universität Zagreb, sieht darin "eine primitive nationalistische Homogenisierung". Er beklagt im Gespräch mit der SZ die Rückbesinnung auf den Nationalismus im EU-Mitgliedsland Kroatien.

Der Publizist Nenad Popović kritisiert den "Zynismus des politischen Alltags". Vor zehn Tagen noch habe ganz Kroatien über das Haager Urteil gegen den bosnisch-serbischen General Ratko Mladić gejubelt, nun werde das gleiche Gericht verdammt. Es sei überdies "moralisch unvertretbar", wenn eine persönliche Tragödie wie eine Selbsttötung nun "vordergründig ausgenutzt" werde für politische Interessen.

© SZ vom 01.12.2017/spes/cat
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