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Kriegsgefangenschaft:Nach neun Tagen wieder das erste Brot

Paul Bäurle, Ende 1944 zur Wehrmacht eingezogen, erlebte den 8. Mai 1945 drei Tage vor seinem 17. Geburtstag im amerikanischen Kriegsgefangenenlager Heilbronn.

Für mich war zunächst der Krieg am 20. April 1945 (Hitlers Geburtstag) bei meiner Gefangennahme zu Ende. Ich dachte, jetzt kann mir nichts mehr passieren.

Zur Wehrmacht wurde ich im Dezember 1944 nach Füssen (Allgäu) eingezogen. Anfang April kam die Kompanie an die Front. Als 16-Jähriger wurde ich nicht an die Front mitgenommen.

Ich wurde deshalb auf einen Unteroffizierslehrgang nach Kempten abkommandiert. Wenige Tage später wurde die Kaserne bombardiert und total zerstört.

Auf eigene Faust sollte ich mich zur Truppe zurückschlagen, was nicht möglich war, weil der Feind schon in unmittelbarer Nähe war. Bei meiner Gefangennahme kam es zu einer vollkommen unnötigen Schießerei, bei der ich knapp dem Tode entgangen bin.

Starkes Gefühl von Freiheit

Dankbar, unverletzt davongekommen zu sein, hatte ich für einen Moment ein starkes Gefühl der Freiheit. Als Kind, Jugendlicher und junger Soldat war ich in keiner Weise von einer Nazi-Ideologie geprägt.

Die Uniform wollte ich so schnell wie möglich ausziehen, musste sie jedoch noch ein halbes Jahr Tag und Nacht tragen.

Über mehrere Zwischenlager, wir wurden auf Sattelschleppern zu je 100 Mann transportiert, kamen wir am 6. Mai 1945 im berüchtigten Lager PWTEC 3 in Heilbronn an.

Mit Knüppelschlägen wurden wir ins Lager getrieben. Man stolperte über Gefangene, die sich zum Schlafen in Morast gelegt hatten.

Durch den anstrengenden Transport, seit Tagen kein Essen, kein Trinken, waren wir alle gereizt und nervös.

Gewehrschüsse peitschten durch die Nacht, gespenstisches Scheinwerferlicht zuckte über das Gelände. Am nächsten Morgen sah ich mit Entsetzen viele Zehntausende Gefangene auf einem Acker, der mit hohem Stacheldraht eingezäunt war.

Tagelang in nassen Kleidern

Es gab keine sanitären Einrichtungen, keine Toiletten, auch kein Wasser. Weil der Boden durch Regen und Schlamm aufgeweicht war, mussten wir tagelang in unseren nassen Kleidern stehen.

Nach neun Tagen gab es das erste Brot, zwei Wochen später die erste warme Mahlzeit, eine dünne Wassersuppe. Im Mai 1945 war die allgemeine Ernährungslage im Raum Heilbronn sehr schlecht, trotzdem brachten uns Frauen und Kinder Lebensmittel an den Stacheldraht.

Es war strikt verboten, die Wachmannschaften schossen sofort. Die unzureichende qualitative und quantitative Ernährung, die bis Herbst 1945 anhielt, führte zu Abmagerung, Schwäche, Gleichgewichtsstörungen und Apathie.

Als 17-Jähriger war ich nicht fähig, vom Liegen in die Sitzposition und zum Stehen zu kommen, ohne dass es mir schwarz vor den Augen wurde.

Wie Kriegsverbrecher behandelt

Von den Wachsoldaten wurden wir wie Kriegsverbrecher behandelt, es waren aber unter uns auch Gefangene, die Regimegegner waren und von den Nazis verfolgt wurden.

Zum Beispiel der große Grafiker und Holzschnitzer H.A.P. Grieshaber. Er fertigte im Lager Heilbronn mit unzureichendem Werkzeug einen Holzschnitt an, der später aus Amerika dem Künstler wieder zurückgegeben wurde.

Nach acht Wochen erfolgte die erste und einzige ärztliche Untersuchung während meiner Gefangenschaft. Im offenen Viehwagen wurden wir wie Tiere ins Lager La Fléch nach Südfrankreich transportiert, vier Tage und fünf Nächte waren wir unterwegs.

Drei Monate war ich in diesem Lager und von dort aus wieder im Viehtransportwagen an die Kanalküste nach Cherburg. Im September 1945 kam ich zur Entlassung in das Lager Heilbronn zurück.

Der erste Weg in der Freiheit führte mich durch die zerstörte Stadt Heilbronn, überall waren Menschen, vor allem Frauen, dabei, die Folgen des Krieges zu beseitigen. Dieser Elan und die Schaffensfreude gaben auch mir Kraft und Zuversicht für die Zukunft.

© Paul Bäurle, Bad Liebenzell
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