Süddeutsche Zeitung

Kriegsgefangene der Nazis:Rotarmisten in wahren Höllenlagern

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Millionen Soldaten sind von 1939 bis 1945 in Gefangenschaft gegangen. Deutsche, die in sowjetische Hände gerieten, erwartete jahrelange Zwangsarbeit. Das härteste Los aber traf die Rotarmisten in den Lagern des NS-Regimes.

Von Cord Aschenbrenner

Jakow Dschugaschwili war einer von mehr als drei Millionen. Drei Millionen Soldaten. So viele Rotarmisten starben bis 1945 in deutscher Gefangenschaft; etwa 5,7 Millionen Sowjetsoldaten hatte die Wehrmacht von 1941 an gefangen genommen. Dschugaschwili, ein Artillerieoffizier, fiel den Deutschen bereits im Juli 1941 in einer Kesselschlacht in die Hände, und als sie herausfanden, dass dieser Artillerist Stalins Sohn war, versuchten sie natürlich Nutzen daraus zu schlagen.

Sie ließen Fotografien mit dem prominenten Gefangenen zwischen deutschen Offizieren aus Flugzeugen über sowjetischem Gebiet abwerfen; später wollten sie ihn gegen den Generalfeldmarschall Paulus austauschen, den Verlierer von Stalingrad. Stalin lehnte ab. Zu Vertrauten sagte er, sein Sohn wäre besser nie geboren worden.

"Nur ein Wunder kann mich jetzt noch retten"

Im Konzentrationslager Sachsenhausen, wo die NS-Machthaber ihn als Geisel hielten, warf sich Dschugaschwili 1943 gegen den elektrisch geladenen Lagerzaun; die Wachen erschossen ihn.

Stalin betrachtete seinen Sohn erst, als er 1945 von dessen selbst gewähltem Ende erfuhr, etwas milder. Wer sich gefangen nehmen ließ und am Leben blieb, war in den Augen des Diktators ein Deserteur, zudem feige und ein Verräter. Dabei war es Stalins verfehltes Vertrauen in Hitler gewesen, das 1941 zum militärischen Desaster beim deutschen Angriff führte.

Gleich bei der Gefangennahme erschossen die Deutschen an die 10 000 Politoffiziere der Roten Armee, die sogenannten Kommissare; so hatte es die NS-Führung angeordnet, und die meisten Befehlshaber machten willig mit. Ermordet wurden auch jüdische Soldaten und, in den ersten Wochen, 100 000 Sowjetsoldaten bei den Märschen in die Lager hinter der Front.

Und zwei Millionen der gefangenen "bolschewistischen Untermenschen" ließen die Deutschen innerhalb von zehn Monaten nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 einfach im Freien eingezäunt verhungern. So wie den Soldaten F. Koshedub , der im Oktober 1941 in einem Brief an seine Familie aus Litauen schrieb: "Ich befinde mich unter freiem Himmel in einer Grube oder in einer Höhle. Zu essen bekommen wir pro Tag 200 g Brot, einen halben Liter gekochten Kohl und einen halben Liter Tee mit Minze. Alles ist ungesalzen, damit wir nicht aufquellen. Wir werden mit Stöcken und Stahlruten zur Arbeit getrieben, bekommen aber keine Zusatzkost. Wir haben Millionen Läuse. Ich habe mich zwei Monate nicht rasiert, nicht gewaschen, nicht umgezogen . . . Jeden Tag sterben 200 bis 300 Mann. Retten kann mich nur ein Wunder."

Das Wunder blieb aus, vielmehr gab wenig später, im November 1941, der Generalquartiermeister des Heeres die Weisung aus, dass die Lagerkommandanten nicht arbeitende Kriegsgefangene verhungern lassen sollten. Lebensmittel sollten allein den deutschen Soldaten zur Verfügung stehen.

Und so geschah es, in Hunderten "Russenlagern" nicht nur hinter der Front, sondern überall in Ost- und Mitteleuropa, wohin die sowjetischen Soldaten gebracht wurden. Auch nach Bergen-Belsen, das Konzentrationslager, in dem Anne Frank sowie Zehntausende weitere Menschen aus ganz Europa starben.

Ursprünglich befand sich hier, am Rande eines Truppenübungsplatzes, ein Lager für belgische und französische Kriegsgefangene (welche die Wehrmacht meist mehr oder weniger human behandelte, so wie andere westliche Kriegsgefangene auch). Das Lager wurde 1941 für sowjetische Kriegsgefangene erweitert, zwei andere Lager kamen hinzu. Durch Hunger, Erschöpfung und Epidemien starben allein hier bis Ende März 1942 41 000 sowjetische Soldaten. Erst seit einigen Jahren wird ihr Schicksal im Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Bergen-Belsen detailliert gezeigt.

"Wahre Höllenlöcher" seien die Lager für die gefangenen Rotarmisten gewesen, wie der Historiker Christian Hartmann schreibt: "Menschen, die vor Hunger weinten; Menschen, die vom Fleisch ihrer verendeten Kameraden aßen; Menschen, welche die deutschen Wachen baten, sie zu erschießen."

Die deutschen Soldaten, viele ideologisch verblendet, behandelten ihre sowjetischen Gegner oftmals nicht wie Menschen, sondern wie das Ungeziefer, von dem in Goebbels' Propaganda die Rede war. Dabei befanden sich die Gefangenen doch in ihrer Obhut - auch wenn die Sowjetunion die Genfer Kriegsgefangenenkonvention nicht unterzeichnet hatte.

Ein Rotarmist war eben "kein Kamerad", das hatte Hitler selbst noch vor dem Beginn des Feldzuges gegen Russland betont. Der Historiker Christian Streit bezog sich mit dem Titel seiner Dissertation auf diese Worte Hitlers - "Keine Kameraden".

Als das Buch 1978 erschien, wurde zum ersten Mal über die Fachöffentlichkeit hinaus darüber geredet, wie die Wehrmacht mit ihren sowjetischen Gefangenen umgegangen war. Was viele Deutsche zwar gewusst hatten, etwa wenn sie in der Nähe eines "Russenlagers" wohnten, worüber sie aber schuldbewusst schwiegen - das wurde nun, zögerlich noch, in den "Erinnerungsdiskurs" aufgenommen, wie die Historiker es nennen.

"Sehr langsam nur", sagt Peter Jahn, der ehemalige Direktor des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst, habe in den späten Siebzigerjahren in der Bundesrepublik eine Entwicklung begonnen, die sowjetischen Gefangenen als Opfer wahrzunehmen, Opfer der Ideologie der Nazis und ihres Vernichtungskrieges gegen die slawische Bevölkerung. Wie auch die "Wehrmachtausstellung" 1995 belegte, waren die Rotarmisten eben nicht nur "normale Kriegsgefangene", die nicht überlebt hatten, weil Krieg eben Krieg sei, wie es lakonisch oft hieß.

Im allgemeinen Bewusstsein aber, so Jahn, "gehören die sowjetischen Gefangenen noch nicht zu den großen Opfergruppen, derer gedacht wird". Bundespräsident Gauck hat es kürzlich im Gespräch mit der SZ so formuliert: "Diese Männer befinden sich, was das kollektive Gedächtnis angeht, in einer Art Erinnerungsschatten. Das wird ihnen nicht gerecht."

"Unsereiner ist doch nur der 'Iwan'"

An diesem Mittwoch hat sich Gauck in der Gedenkstätte Stukenbrock vor diesen Opfern verneigt. Und der Historiker Jahn hat die "Initiative Gedenkort für die Opfer der NS-Lebensraumpolitik" gegründet, die sich für ein Mahnmal im Berliner Tiergarten einsetzt. Es soll an den millionenfachen Mord der Deutschen an der Zivilbevölkerung in Polen, Weißrussland, in der Ukraine und Russland erinnern, aber auch an die ermordeten und verhungerten Rotarmisten.

Von den Soldaten, die damals die deutschen Lager überstanden, leben wohl höchstens noch 2000. Nach dem Krieg in ihre Heimat zurückgekehrt, wurden dort viele von ihnen gleich wieder in Lager gesteckt - als "Diversanten" oder Feiglinge. Die Opposition aus Linken und Grünen im Bundestag setzt sich dafür ein, diesen alten Männern eine Entschädigung zu zahlen - es wären maximal 15 Millionen Euro.

Auch deutsche Soldaten in sowjetischer Gefangenschaft verhungerten, starben an Erschöpfung und Dystrophie oder wurden, oft unmittelbar nach dem Kampf, einfach erschossen. Allerdings stand dahinter kein Plan, keine Ideologie. Wohl aber spiegelt der Zuruf eines russischen Arbeiters an gefangene Deutsche in einer vorbeimarschierenden Kolonne die Gemütslage vieler Russen wider: "Unsereiner ist nur der ,Iwan'. Aber doch besser als ihr!"

Als "Iwan" hatten die Deutschen die Russen zuvor, meist abfällig, bezeichnet.

Als Zwangsarbeiter erarbeiteten Kriegsgefangene von 1945 an bis zu zehn Prozent des Bruttosozialprodukts der Sowjetunion. In dem zerstörten, ausgebluteten Land gab es weder für die Bevölkerung noch für die insgesamt 3,3 Millionen deutschen Gefangenen genug zu essen.

Aber trotz der Erinnerung an die Untaten der Wehrmacht und der "Einsatzgruppen" gab es immer wieder Menschen, die den nun machtlosen Deutschen ein Stück Brot zusteckten und sie menschlich behandelten. Manche ließ dies nicht unberührt, und wenn sie später davon berichteten, so trug dies ein wenig zu einem Wandel des Bildes bei, das die Deutschen sich von den Russen machten.

Bewegt von der Aufmerksamkeit der Russen

In Sibiriens Gefangenenlagern überlebte bis 1944 nur etwa jeder zehnte deutsche Insasse. Knapp zwei Millionen kehrten heim, die letzten noch Anfang 1956, nach Konrad Adenauers Besuch in Moskau im Vorjahr.

Auch die Erinnerung daran hat sich gewandelt: Gab es noch Jahrzehnte Erbitterung und Hass gegen "den Russen", der Millionen Deutsche, die "doch nur Befehle befolgt hätten", in Lagern eingesperrt hatte und viele umkommen ließ, so ist dies der Einsicht gewichen, dass die Schuld der Deutschen um ein Vielfaches größer war. Deutsche Besucher in Russland sind bewegt, wenn sie deutsche Soldatenfriedhöfe sehen, sorgsam gepflegt von alten russischen Frauen, oder wenn sie - als Deutsche! - ohne Vorbehalte herzlich empfangen werden.

Bis Sommer 1944, als die westlichen Alliierten in Frankreich landeten, waren auch etwa 200 000 Wehrmachtssoldaten in die Hände der Engländer und Amerikaner gefallen, bald darauf waren es eine Million. Es war meist ein vergleichsweise glückliches Schicksal, das auch der 20-jährige Oberfähnrich der Marine Ernst Happel teilte, dessen U-Boot 1941 im Mittelmeer versenkt worden war.

Happels Gefangenschaft in England und Kanada dauerte bis 1947, sie war nahezu komfortabel. Es gab genug zu essen, der junge Mann spielte im Lager am Ontariosee Querflöte im Gefangenenorchester und belegte Kurse in Pädagogik. Demokratieschulung, "Reeducation", gab es in amerikanischen und kanadischen Lagern seit etwa 1943 ohnehin.

Nach seiner Entlassung wurde Happel Lehrer. Auch wenn Amerikaner und Briten nach dem Kriegsende 1945 und dem Bekanntwerden dessen, was in den Konzentrationslagern geschehen war, die Deutschen mit erheblich größerer Härte behandelten - es lagen Welten zwischen der Gefangenschaft am Ontariosee und der in Sibirien.

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Quelle:
SZ vom 08.05.2015
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