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Kriegsende 1945 (3): Der KZ-Überlebende:Neun Höllen entronnen

Mit 22 wird Isak Wasserstein ins KZ deportiert. Er wird gefoltert, muss Morde mitansehen. In Auschwitz wird er selektiert - und hat Glück, dass die SS etwas an ihm übersieht.

Zum 65. Jahrestag des Kriegsendes in Europa lässt sueddeutsche.de Zeitzeugen zu Wort kommen.

KZ Auschwitz

Der Weg in den Tod für Millionen: Zufahrt zum KZ Auschwitz.

(Foto: AP)

Isak Wasserstein, 1920 als Sohn polnischer Juden geboren, wächst in Warschau auf. Der Vater verdient als Schuster gerade genug, um seine Frau, Isak und dessen beide Brüder zu ernähren und eine Wohnung in Warschau zu bezahlen.

Mit 19 Jahren erlebt Isak Wasserstein, wie die ersten deutschen Bomben auf Polen fallen, mit 20, wie das Warschauer Ghetto errichtet wird. Zwei Jahre überlebt Isak Wasserstein mit seiner Familie dort unter katastrophalen Bedingungen. Bis ihn die Deutschen verhaften. Es ist der Anfang eines Schreckens, den er bis heute nicht vergessen kann, eines Grauens, das er bis heute nicht begreifen kann.

"Die großen Eisentore sind geöffnet, als würden sie schon auf uns warten. Der Zug fährt vor eine Rampe und bleibt dann langsam stehen. Die Waggons werden aufgerissen und ich mit ungefähr 1000 weiteren Häftlinge herausgetrieben.

"Arbeit macht frei" steht über der Einfahrt.

Jetzt also Auschwitz.

Ich hatte von dem Lager gehört, aber dass dort Menschen massenweise vergast und maschinell verbrannt werden, war für mich unvorstellbar. Dabei hatte ich schon viel erlebt, hatte am eigenen Leib einen Sadismus erfahren, wie ich ihm keinem Menschen zugetraut hätte.

Ich hatte gesehen, wie die Nazis Menschen bestialisch zugerichtet und umgebracht haben.

Doch irgendwie habe ich überlebt. Irgendwie bin ich dem Tötungsapparat der Nazis entkommen.

Nach meiner Festnahme im Warschauer Ghetto deportierten die Deutschen mich in ein Waldlager in Weißrussland nahe der Stadt Bobruisk. Nach unserer Ankunft wurden wir Häftlinge in Berufsgruppen eingeteilt. Als kaufmännischer Angestellter war für mich keine Verwendung.

Folter mit eiskaltem WasserIm letzten Moment folgte ich einer Eingebung und stellte mich zu den Köchen. Vom Kochen hatte ich keine Ahnung, aber ich hatte mir schnell überlegt, dass man hier keine aufwendigen Gerichte zubereiten würde. Meine Rechnung ging auf: Am Anfang war ich für das Brotschneiden zuständig. Aber ich lernte schnell und machte mich in der Küche unentbehrlich.

Doch auch die Arbeit als Koch war im Lager nicht einfach. Der deutsche Küchenchef hatte es eine Zeitlang auf mich abgesehen. Jeden Tag musste ich mich in der Küche nackt ausziehen. Dann nahm er einen Wasserschlauch und bespritzte mich mit eiskaltem Wasser so lange, bis ich ohnmächtig wurde und zu Boden fiel.

Die Bedingungen im Lager waren jenseits jeder Menschenwürde. Es gab keine sanitären Einrichtungen und wir hatten kein Wasser, um uns zu waschen. Im Winter froren wir bitterlich und mussten nackt durch den Schnee laufen. Viele Häftlinge mussten tagein, tagaus, ohne richtige Schuhe, ihre Füße nur durch Säcke geschützt, im Schnee arbeiten.

Als ob dies alles nicht genug wäre, suchte die SS jede Gelegenheit, um die Häftlinge zu schikanieren. Mit Hieben, Fußtritten oder der Peitsche.

Jeden Morgen, noch bei Dunkelheit, standen wir stundenlang beim Zählappell. Es wurde gezählt und wieder gezählt. Nach Brot und Tee ging es zur Arbeit. Kehrten die Häftlinge ins Lager zurück, wurden sie schon beim Eingangstor gezählt. Dann ging es wieder zum Zählappell. Alle mussten wieder antreten und stillstehen.

Die Appelle dauerten manchmal stundenlang. Häftlinge wurden dabei grundlos ausgepeitscht - 25 Mal auf den nackten Rücken.

Jeden Tag verhungerten Menschen, andere starben an Krankheiten - oder wurden erschossen. Das Todeskommando im Lager sammelte die Kranken und Alten und trieb sie in den Wald. Die Todeskandidaten mussten sich in ihr frisch geschaufeltes Grab legen und wurden erschossen. Ich habe mehrmals solche Exekutionen gesehen.