Kriegsende 1945 (1): Der Deserteur Kühle Begegnung mit Adenauer

"Mir war sofort bewusst: Ich darf dort nie ankommen, sonst werde ich wegen Fahnenflucht abgeurteilt. Es galt, so viel Zeit wie möglich zu gewinnen. Ich bin erst mal zu meiner Mutter heim, habe dann noch Abstecher hier und dorthin gemacht - aus heutiger Sicht unglaublich leichtsinnig. Dann hatte ich eine Idee: Ich fuhr immer dorthin, von wo Bombenangriffe gemeldet worden waren. So konnte ich behaupten, die Zerstörungen hätten meine Weiterfahrt behindert.

Lebt in Münster: Rainer Schepper

(Foto: agenda Verlag)

Also bin ich in den Ruhrpott, und habe mich nach den Bombenangriffen gerichtet. Meinen Fahrschein, einen DIN-A4-großen Zettel, habe ich vor Ort beim Bahnhofsvorsteher abstempeln lassen. Lückenlos konnte ich die Unmöglichkeit meiner Weiterfahrt nachweisen. Im Zug nach Kassel, wo ich bei einer Cousine unterkommen wollte, hatte ich dann Pech: Eine Feldjäger- Streife, nach meiner Erinnerung waren es SS-Kettenhunde, fing mich ab.

Da half erst mal nichts: Ich wurde nach Kassel vors Standgericht gebracht. Dort wollte man mich aburteilen, mir drohte die Todesstrafe. Ich berief mich auf meinen Fahrschein mit den Stempeln. Das war nun mal nicht zu widerlegen. Ungern und nach langer Verhandlung haben sie mich dazu verknackt, ins Strafkommando nach Frankfurt am Main gebracht zu werden. Bei der Einheit nahe Frankfurt ging es inzwischen chaotisch zu. Der zuständige Offizier sagte irgendwann: 'Beim nächsten Fliegeralarm haut ihr ab. Hier gibt es nichts mehr zu verteidigen, Frankfurt ist umzingelt.'

So kam es denn auch. Es war etwa der 27. März. Ich wollte bald meine Uniform loswerden. In einem Stall habe ich zivile Kleidung hängen sehen, die Uniform habe ich in die Jauchegrube geschmissen. Danach suchte ich in einem Straßenbunker Schutz, was unvorsichtig war: So wurde ein NSDAP-Ortsgruppenleiter auf mich aufmerksam. Der erkannte gleich, dass ich desertiert war. Ich stritt alles ab und erfand eine Geschichte.

Außerdem sagte ich, ich sei kein Wehrmachtsangehöriger, sondern bei der Musterung immer zurückgestellt worden - ich war ja auch mager wie ein Gerippe. Der Nazi blieb hartnäckig. Da setzte ich wieder auf die Reflexe, die ich schon bei dem Arzt gezogen hatten: Ich bat den Nazi, ihn mal alleine sprechen zu können. Und schnauzte ihn dann an (brüllt): 'Was fällt Ihnen eigentlich ein? Ich werde Sie anzeigen. Natürlich bin ich Soldat! Wir haben Befehl, die Uniform wegzuwerfen und uns durch die feindlichen Linien zu unserer Truppe durchzuschlagen. Sie zersetzen durch Ihre Fragerei die moralische Wehrkraft!'

(Schepper lacht) Da wurde der blass und ließ sich ins Bockshorn jagen. Ich ließ mir den Weg in Richtung Front zeigen und war weg mit 'Heil Hitler'.

Schließlich landete ich in einem Gottesdienst - es war Gründonnerstag 1945 und damals war ich noch ein frommer Katholik. Bei der Gelegenheit habe ich einen mir als vertrauenswürdig erscheinenden Mann angesprochen. Er und seine Frau, die Eheleute Gräff, nahmen mich auf, bis die Amerikaner Frankfurt befreit hatten. Am 31. März machte ich mich auf nach Hause.

Auf meinem Heimweg traf ich allerlei Menschen, man fragte 'Woher, wohin?' Einmal kam ich mit einem Pärchen mit Kindern ins Gespräch. Ich schilderte meinen Weg und sie sagten: 'Da kommen sie ja auch durch Rhöndorf. Dann besuchen Sie doch unseren Freund, den Doktor Adenauer. Hier, geben Sie ihm unsere Karte, und sagen Sie ihm, dass es uns gutgeht. Er wird Sie bestimmt eine Nacht bei sich aufnehmen.' Ich wusste damals nicht, wer Adenauer war.

Mittags kam ich nach Rhöndorf, setzte mich erst mal auf eine Bank und wartete, weil ich nicht beim möglichen Mittagsschlaf stören wollte. Um drei ging ich zum Haus und schellte. Konrad Adenauer öffnete die Tür. Die Grüße nahm er kühl entgegen, fragte nach Woher und Wohin. Dann wünschte er mir eine gute Weiterwanderung und machte die Tür zu."

Rainer Schepper wandert am Rhein entlang in Richtung Norden. Mehrfach gerät er in riskante Situationen mit aufgebrachten, soeben befreiten Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen aus Polen und der Sowjetunion - er übersteht sie mal mit Glück, mal mit dem Trick, plattdeutsch zu reden und sich als Niederländer auszugeben.

Schepper kehrt wohlbehalten nach Hause zurück. Nach dem Krieg studiert er Germanistik und Pädagogik, arbeitet als Journalist und Lehrer, dann als Schriftsteller, Publizist und Rezitator insbesondere von niederdeutscher Sprache. Spät und auf Drängen seiner Tochter schreibt er seine Kriegserinnerungen auf. 2009 erscheint im Agenda-Verlag sein Buch Ich war Deserteur - Reminiszenzen aus dem Jahre 1945(ISBN 978-3896883865).

Rainer Schepper lebt in Münster.

Zweiter Weltkrieg 1945

Das blutige Ende des Weltenbrandes