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Beginn des Zweiten Weltkriegs:"Wir haben funktioniert"

Bachs nationalkonservative Eltern hatten beide studiert. Mutter Venator war eine der ersten promovierten Juristinnen Deutschlands. Der Vater betrieb eine Steuerberatungskanzlei in Starnberg.

Lieselotte Bach liest ihre Tagebuch-Eintragungen vom Kriegsbeginn 1939

Lieselotte Bach liest ihre Tagebuch-Eintragungen vom Kriegsbeginn 1939

(Foto: Oliver Das Gupta)

Bach räumt ein, dass sie und die anderen "RAD-Kameradinnen" 1939 "fast alles" geglaubt hätten, was die Nazi-Propaganda ihnen eintrichterte. "Wir haben funktioniert." Kurz vor Kriegsausbruch seien sie einmal ins nahe Hindelang gefahren, um der Nazi-Größe Rudolf Heß ein Ständchen zu singen. Doch der "Stellvertreter des Führers" hatte keine Zeit für die jungen Frauen. Er müsse jetzt nach Berlin, habe Heß gesagt, erzählt die 94-Jährige.

Der Krieg wirkte sich sofort auf Lieselotte Bach und ihre Familie aus:

"Im Mai '39 hatte ich meinen späteren Mann Ernst bei einem Tanzabend während einer Dampferfahrt auf dem Starnberger See kennengelernt. Er war Fahnenjunker und musste nun nach Polen. Ihm passierte nichts. Aber zwei junge Männer - beide hießen Helmut - von einem nahen Kemptener RAD-Männerlager kamen nicht zurück. Sie sind gleich in den ersten Kriegswochen gefallen. Da ist uns der Krieg plötzlich ganz nah gekommen. Kurz zuvor hatten wir mit beiden noch Volkstänze eingeübt.

Meine Mutter vermisste meine Arbeitskraft auf dem heimischen Hof. Denn unser Verwalter war von der Wehrmacht eingezogen worden. Dafür nahmen drei Soldaten Quartier in unserem Haus. Sie bauten eine Flugabwehrstellung am Ortsrand."

Lieselotte Bach (mit Blume im Haar) inmitten ihrer RAD-Kameradinnen bei einer Feier.

Lieselotte Bach (mit Blume im Haar) inmitten ihrer RAD-Kameradinnen bei einer Feier.

(Foto: Oliver Das Gupta)

Bachs Zeit in Kempten endete im November 1939. Sie zog nach München und begann, Agrarwissenschaften zu studieren. Ihr Vater, der Weltkriegsveteran, meldete sich 1940 nach dem Sieg über Frankreich freiwillig, "weil er glaubte, dass sie ohne ihn den Krieg nicht gewinnen". Bald musste er erkennen, dass die Deutschen einen Vernichtungskrieg im Osten führten (hier mehr dazu). Als der Wehrmachtsoffizier ins sowjetische Smolensk kommt, erfährt er, dass alle Juden der Stadt ermordet oder deportiert worden waren.

Der Vater überlebt den Krieg, doch Lieselotte Bach verliert zwei andere geliebte Menschen: Ihr einziger Bruder Ludwig fällt beim Vormarsch auf Stalingrad, ihr Ehemann wird im Herbst 1944 auf dem Balkan als vermisst gemeldet. Wenige Wochen zuvor hatte er die Studentin Lieselotte Venator geheiratet.

Im Frühjahr 1945 erreicht der Krieg ihr Heimatdorf Wangen. Es kommt zu einem letzten Gefecht, bei dem drei Männer der Waffen-SS im Garten der Venators sterben.

Wie die Zeitzeugin das Kriegsende erlebt hat, schilderte sie SZ.de in diesem Protokoll.

© SZ.de/gal
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