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Krieg:Zwang oder sozialer Druck machen aus Kindern Soldaten

Wenn Kinder freiwillig für ihre Gemeinschaft kämpfen wollen, sei dies oft falsch interpretierte Familienloyalität, sagt Christian Herrmanny von der Kindernothilfe. Manchmal steckt auch der Wunsch dahinter, genauso heldenhaft zu sein wie der große Bruder. Denn Anerkennung und Liebe bekämen sie - wie überall - für sozial erwünschtes Verhalten: In diesem Fall für Gehorsam und die Bereitschaft, auf Befehl zu töten. Häufig werden sie aber auch schlicht gezwungen, von den eigenen Eltern oder von Rebellenführern.

Ob jemand freiwillig oder unter Zwang Kindersoldat geworden ist, spielt nach der Definition der Vereinten Nationen keine Rolle. Kindersoldaten sind demnach "alle Personen unter 18 Jahren, die von Streitkräften oder bewaffneten Gruppen rekrutiert oder benutzt werden oder wurden, egal in welcher Funktion oder Rolle, darunter Kinder, die als Kämpfer, Köche, Träger, Nachrichtenübermittler, Spione oder zu sexuellen Zwecken benutzt wurden".

Aus dem Krieg ins Asylverfahren

Nach dem Tod seiner Eltern und seines Bruders war Jamal plötzlich das Familienoberhaupt, mit 13 Jahren. Mit seinen Geschwistern floh er in einen anderen Teil Afghanistans. Mit 15 wurde er festgenommen, erst nach Monaten kam er wieder frei. Nach Deutschland kam er über die Route, die auch viele andere afghanische Flüchtlinge nehmen, die seit dem vergangenen Sommer kommen: von Afghanistan über Iran in die Türkei, mit dem Boot nach Griechenland und schließlich in einem Lastwagen versteckt über den Balkan.

Ehemalige Kindersoldaten hätten in Deutschland nach Rechtslage Anspruch auf Asyl: Sie sind individuell politisch verfolgt, fliehen also nicht nur vor einer allgemeinen Gefährdungslage. Oft werden sie sogar von zwei Seiten verfolgt: Von denen, die sie bekämpft haben, und von der Gruppierung, der sie entkommen sind. In der Realität sehe es jedoch häufig anders aus, sagt Ralf Willinger von Terre des Hommes. Er habe immer wieder erlebt, dass ehemalige Kindersoldaten im Asylverfahren gar nicht als solche anerkannt werden. Manchen Sachbearbeitern mangele es an Sensibilität im Umgang mit traumatisierten Jugendlichen, manche seien schlicht misstrauisch. "Selbst wenn Kindersoldaten ihr Schicksal im Detail erzählen können, wird ihnen oft nicht geglaubt", sagt Willinger.

Viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge stellen keinen Asylantrag. Denn die Chancen, individuelle Verfolgung nachweisen zu können, sind gering. Dem Bundesinnenministerium zufolge wurden im vergangenen Jahr von 14 439 Asylanträgen unbegleiteter Minderjähriger nur 2922 bewilligt. Die Mehrzahl erwirkt, oftmals auf Anraten von Helferverbänden, nur eine Duldung, wodurch die Abschiebung vorübergehend ausgesetzt wird.

Dass Jugendliche eine Vergangenheit als Kindersoldat vortäuschen, um in Deutschland bleiben zu dürfen, hält Willinger für unwahrscheinlich. "Dafür ist das Stigma einfach zu groß." Häufiger begegne ihm das gegenteilige Problem: Dass Jugendliche nicht zugeben wollen, Kindersoldaten gewesen zu sein. Selbst dann nicht, wenn das ihrem Asylantrag helfen könnte. Bis heute hat Jamal Angst, dass sein Aufenthaltsort über die Behörden oder die Öffentlichkeit an den afghanischen Geheimdienst gelangen könnte. Andere fürchten, für die Mitgliedschaft in einer illegalen Gruppierung behördlich verfolgt zu werden, auch in Deutschland. "Das ist gar nicht so absurd", sagt Willinger. In Bayern habe es schon polizeiliche Ermittlungen gegen Minderjährige aus Kriegsgebieten gegeben.

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