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Krieg in Syrien:Syrien und Russland schulden der Welt eine Erklärung

Der Angriff auf einen UN-Hilfskonvoi entspricht der Strategie des Assad-Regimes: Wenn Rebellen ein Gebiet erobern, lässt Damaskus die Zivilbevölkerung bezahlen.

Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Russland war um starke Worte nicht verlegen, nachdem Flugzeuge der von den USA geführten Koalition gegen die Terrormiliz Islamischer Staat am Samstag Stellungen der syrischen Armee bombardiert hatten. "Wenn den Luftangriffen ein Irrtum bei den Zielkoordinaten zugrunde liegt, wäre dies eine direkte Folge der Weigerung der USA, ihre Einsätze gegen die terroristischen Gruppen in Syrien zu koordinieren", erklärte das Verteidigungsministerium in Moskau.

Wie aber erklären das russische Militär oder das nicht minder empörte syrische Regime dann den Angriff, der in der Nacht einen Hilfskonvoi der Vereinten Nationen und des Roten Halbmonds getroffen hat? Die Helfer berichten, sie seien aus der Luft attackiert worden. In dem fraglichen Gebiet bei Aleppo fliegt nur die Luftwaffe des Regimes und die Russlands. Bislang nur dröhnendes Schweigen. In vorangegangenen Fällen folgte fast immer das Leugnen, verbunden mit Schuldzuweisungen an die Rebellen.

Schon wahr: Russland und Syrien haben ein Recht, Aufklärung von den Amerikanern zu fordern, warum sie die syrischen Truppen bombardierten. Aber die Welt hat mindestens ebenso großen Anspruch auf eine Erklärung, warum Nothelfer bombardiert werden, eine neutrale Organisation, die alle Kriegsparteien respektieren müssen.

"Unsere Wut über diesen Angriff ist enorm"

Der Transport war von Damaskus genehmigt, seine Route und seine Koordinaten den Syrern und den Russen bekannt. Gleiches gilt für das Lagerhaus des Roten Halbmonds, einer staatlichen syrischen Institution, vor dem die Lastwagen parkten. "Deconfliction" heißt im Militärjargon dieser bis in jedes Detail festgelegte Prozess, der sicherstellen soll, dass Hilfstransporte auch durch Kriegsgebiet fahren können.

"Unsere Wut über diesen Angriff ist enorm. Der Konvoi war das Ergebnis eines langen Verhandlungsprozesses mit dem Ziel, eingeschlossenen Menschen zu helfen", ließ der UN-Sondergesandte Staffan de Mistura mitteilen. Sollte sich der Angriff vorsätzlich gegen die Helfer gerichtet haben, "dann läuft dies auf ein Kriegsverbrechen hinaus", sagte der Chef der UN-Hilfseinsätze, Stephen O'Brien.

Der Angriff ist die direkte Folge der Weigerung des Regimes von Baschar al-Assad und Russlands, die unterschiedslose Bombardierung ziviler Gebiete zu stoppen. Er ist nur der traurige Höhepunkt in einer langen Folge von Obstruktion und Verhinderung der Hilfe für Gebiete, die von Rebellen gehalten werden. Es ist die Strategie des Regimes, die Zivilbevölkerung dafür bezahlen zu lassen, wenn Rebellen ihre Gebiete in Besitz nehmen. Nachdem die ersten Angriffe 18 Lastwagen zerstört und etliche Helfer getötet hatten, folgte eine zweite Welle. Sie galt jenen, die den Opfern zur Hilfe eilten.

Städte sind zu Ruinenfeldern aus Betongerippen geworden

Es ist diese Strategie, die für die große Mehrzahl der Toten in Syrien verantwortlich ist und für den größten Teil der Zerstörung, für jahrelange Belagerungen, in deren Verlauf die Regierungsarmee und ihre Verbündeten Städte zu Ruinenfeldern aus Betongerippen zusammenschießen. Dutzende Luftangriffe trafen in der Nacht wieder den Ostteil von Aleppo, wo 275 000 Zivilisten eingeschlossen sind.

Es ist wohlfeil, dem amerikanischen Außenminister John Kerry vorzuwerfen, er gebe sich Illusionen hin, wenn er trotz allem die Zusammenarbeit mit Russland in Syrien sucht. Sieben Tage Waffenruhe, auch wenn sie brüchig ist, ist für die Menschen in Syrien besser, als sieben Tage Dauerbombardement. Eine bessere Idee, wie dieser Krieg nach fünfeinhalb Jahren zu stoppen ist, hat bislang niemand vorgelegt. Es nicht zu versuchen, wäre sträflich, auch wenn die Erfolgsaussichten nicht sonderlich rosig sind.

© SZ.de/pamu
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