Krieg in Syrien "Homs sieht aus wie Berlin 1945"

Die zerstörte Altstadt von Homs, aufgenommen am 19. Januar 2017

(Foto: DRK)

Mindestens 700 000 Menschen in Syrien leben unter Belagerung und sind von humanitärer Hilfe abgeschnitten. Christof Johnen vom Roten Kreuz schildert die dramatische Situation.

Interview von Benjamin Moscovici

Christof Johnen, Jahrgang 1966, ist beim Deutschen Roten Kreuz zuständig für die internationale Zusammenarbeit und reist regelmäßig nach Syrien.

SZ: Herr Johnen, der Krieg in Syrien dauert inzwischen bald sechs Jahre. Wie hat der Waffenstillstand, den Russland, die Türkei und der Iran ausgehandelt haben Ihre Arbeit verändert?

Christof Johnen: Bislang hält der Waffenstillstand in weiten Bereichen. Das ist auf jeden Fall gut und erleichtert uns die Arbeit. Aber unsere größte Schwierigkeit ist nach wie vor, die Menschen in den belagerten Gebieten zu erreichen. Wir gehen davon aus, dass auch nach der Evakuierung von Ostaleppo im ganzen Land noch rund 700 000 Menschen unter Belagerung leben. Diese Menschen sind nahezu vollständig von humanitärer Hilfe abgeschnitten. Es gibt zwar Schmuggel, aber damit kann man keine ganze Bevölkerung versorgen.

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Es gibt noch einen anderen Weg: Das Welternährungsprogramm versorgt die von der IS-Miliz eingeschlossene Stadt Deir ez-Zor aus der Luft.

Das ist richtig. Die Stadt im Osten des Landes wird von der Regierung kontrolliert. Aber seit die Dschihadisten in den vergangenen Wochen ihren Belagerungsring enger gezogen haben, sind diese Hilfslieferungen nicht mehr möglich. Die Hilfsorganisationen werfen die tonnenschweren Paletten an Fallschirmen aus dem Flugzeug ab. Das kann man nicht einfach so über der Stadt abwerfen, dafür braucht man freies Gelände. Und das gibt es seit dem Vorrücken des "Islamischen Staats" nicht mehr. Wie gefährlich es ist, die belagerten Gebiete zu versorgen, sieht man auch daran, dass seit Beginn des Konflikts 57 Helfer von unserer Schwesterorganisation vom Roten Halbmond bei diesen Einsätzen ums Leben gekommen sind.

Wie ist die Situation in Ostaleppo gut einen Monat nach der Evakuierung?

Die ersten Menschen sind bereits in die ehemals belagerten Teile der Stadt zurückgekehrt, sie wollen einfach nach Hause. Aber da ist alles zerstört, die Situation ist furchtbar. Und es sind nur relativ wenige Hilfsorganisationen vor Ort. Trotzdem dürfen wir nicht vergessen: Auch wenn sich derzeit zu Recht alle Augen auf Aleppo richten: Im ganzen Land leiden die Menschen unter dem anhaltenden Bürgerkrieg.

Wie ist Ihr Gesamteindruck von Syrien?

Die Realität ist zweigeteilt: Teilweise liegen nur wenige Straßenzüge zwischen einer gewissen Normalität und absoluter Zerstörung. Auf der einen Seite gibt es Menschen, denen man nicht ansieht, dass sie seit Jahren in einem Bürgerkrieg leben. Und auf der anderen Seite, insbesondere in den ehemals von Rebellen besetzten Stadtteilen und bei den unzähligen intern Vertriebenen, da sieht man den Menschen an, dass sie seit Wochen schutzlos Regen und Kälte ausgesetzt sind: Die Haut wird rau und spröde, die Menschen ziehen alles an, was sie haben. Die Häuser sind zerstört, es gibt weder Wasser noch Strom. Die Szenen sind infernalisch.

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An welche Orte denken Sie konkret?

Naja, wir waren unter anderem auch in der Altstadt von Homs. Die Gegend wurde, ähnlich wie Ostaleppo lange von den Regierungstruppen belagert und nahezu vollständig zerstört. Ich habe davon schon vorher unendlich viele Bilder gesehen. Aber wenn man dann drin steht - das ist einfach unvorstellbar. Erst wenn man zwischen den Ruinen herumläuft, kann man das Ausmaß der Zerstörung begreifen: Das ist eine Totalzertrümmerung. Homs sieht aus wie Berlin 1945.

Ist Homs überhaupt noch bewohnbar?

Immerhin kehrt so langsam wieder das Leben in manche zerstörte Stadtteile zurück. Zwischen den Trümmern spielen wieder Kinder und die Erwachsenen versuchen sich eine neue Existenz aufzubauen. Aber an einen echten Wiederaufbau ist zurzeit nicht zu denken. Momentan gibt es keine Anzeichen für Versöhnung und das wäre die Voraussetzung für einen echten Neuanfang.

Und wie sieht das Leben in den Teilen des Landes aus, in denen eine "gewisse Normalität" herrscht?

Die Situation ist auch in diesen Teilen dramatisch. Die gesamte syrische Wirtschaft ist de facto zum Erliegen gekommen. Die Menschen haben keine Arbeit und es gibt nur noch wenig Lebensmittel. Selbst in der Hauptstadt Damaskus ist inzwischen das Trinkwasser knapp geworden. Überall auf der Straße sprechen die Menschen über Wasser. Es gibt Tanklaster, die auf der Straße stehen - davor Menschenschlangen, die warten, um sich sauberes Wasser in Kanister abzufüllen. Mein Kollege in Damaskus hat mich vor meinem Besuch gebeten, ihm so viel Wasser mitzubringen wie möglich.

Was brauchen die Menschen sonst noch besonders dringend?

In Syrien ist Winter. Die Menschen brauchen geschlossene Räume, um sich vor der Kälte zu schützen. Deshalb ist eines der ersten Dinge, die unsere Partner vom Syrischen Arabischen Roten Halbmond z.B. in Homs machen, Fenster zu bauen.

Wie läuft die Kooperation mit ihren Partnern?

Sehr gut. Das sind alles Freiwillige, die das aufgebaut haben. Auf der einen Seite ist es toll zu sehen, wie professionell die Syrer die Hilfslieferungen inzwischen organisieren. Es gibt große Lagerhallen, mit aufwändiger Logistik und einem ausgeklügelten Informationsmanagement, 25 davon vom DRK finanziert. Es ist einfach toll zu sehen, dass der Laden funktioniert.

Und die andere Seite?

Es ist schlimm, dass die Menschen das inzwischen schon so lange machen müssen, dass sich das so eingespielt hat. Aber man merkt den Helfern an, dass sie erschöpft und traumatisiert sind. Manchmal frage ich mich: Wie lange halten die noch durch? Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht.

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