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Krieg in Syrien:Heldin für alle

Bana Alabed

Auf Twitter folgen ihr fast 350 000 Menschen, internationale Medien nennen Bana Alabed die "Anne Frank von Aleppo".

(Foto: Adem Altan/AFP)

Bana Alabed hat aus dem umkämpften Aleppo getwittert, Fotos toter Kinder und zerstörter Häuser. Seitdem ist sie weltberühmt. Begegnung mit einer Neunjährigen, von der viele profitieren wollen.

Von Moritz Baumstieger

Es ist ein Kind, das da auf der Bühne von Tod und Zerstörung spricht. "Krieg ist nichts für Kleine", sagt das Mädchen mit dem hüftlangen braunen Haar, "wie sollen sie denn da groß werden?" Dann erklärt es in einfachen englischen Sätzen die Logik des Tötens: Bomben fallen, aber weglaufen ist unmöglich. Häuser stürzen ein, aber es gibt keine Krankenhäuser für die Opfer. Das Mädchen hat die Sätze auswendig gelernt, sie holpern.

Als Bana Alabed ihren Vortrag mit einem Chor beenden will, stimmen die Zuhörer nicht ein. So muss das Mädchen mit seinen neun Jahren die Situation alleine meistern. "We shall overcome", singt es mit dünner Stimme und manchmal etwas schief, "we shall ovecome". Vielleicht sind die Zuhörer zu überrascht, vielleicht noch zu berührt, niemand hilft dem Kind. Aber Bana kürzt nicht ab, singt Strophe um Strophe.

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Bana Alabed hat schon Schlimmeres durchgestanden als die paar Minuten Ende Juni, in denen ihr Lied nicht zündete. Das Mädchen hat eine der heftigsten Schlachten der vergangenen Jahrzehnte überlebt, den Kampf um die syrische Stadt Aleppo. Hunderte Zivilisten starben, als regimetreue Truppen erst den Belagerungsring um den von Aufständischen gehaltenen Osten der Stadt zuzogen und dann mit der russischen Luftwaffe Straßenzug um Straßenzug zu Schutt bombten. Auch Bana hungerte, auch ihr Haus wurde zerstört, auch Freundinnen von ihr wurden in einstürzenden Häusern zerquetscht.

Von all dem hat das Mädchen berichtet. Im September 2016 hatte sie mit ihrer Mutter ein Twitterkonto eingerichtet, "I need peace" war ihr erster Satz, ich brauche Frieden. Es folgten viele weitere Hilferufe, sie waren in perfektem Englisch formuliert und mit Fotos illustriert, auf denen Banas Kleider die einzigen Farbtupfer im Trümmerstaub waren.

"Natürlich war ich bei Erdoğan aufgeregt, das war ja schließlich mein erster Präsident."

Als das Mädchen die Stadt nach drei Monaten Belagerungskrieg im Dezember 2016 mit anderen Zivilisten verlassen konnte, war es weltberühmt. Auch deshalb steht Bana Alabed im Zentrum der Diskussion, welche Rolle soziale Medien im Syrienkrieg haben. Fast 350 000 Menschen folgen ihr auf Twitter, internationale Medien nennen sie die "Anne Frank von Aleppo".

Als die Familie den Account während der Flucht aus Aleppo vorübergehend deaktiviert, warten Onlinedienste, Zeitungen und Nachrichtensender auf ein Lebenszeichen. Sie sei damals 20 Stunden in einem Bus in Ost-Aleppo festgesessen, erzählt Bana nach ihrem Auftritt in einem Hinterzimmer des Berliner Konferenzzentrums. Kein Wasser und keine Toiletten habe es gegeben, sie habe nicht schlafen können. Alle Kinder schrien.

Als die Familie Nordsyrien erreicht, "haben meine Brüder und ich gegessen, bis wir spucken mussten", sagt sie. "Obst, Süßigkeiten, Fleisch. Ich habe gefragt: Mama, ist das der Himmel?" Schließlich bringt man die Familie über die türkische Grenze, zum Flughafen Gaziantep. Auf dem ersten Flug ihres Lebens ist Bana so aufgeregt, dass sie fast noch mal spuckt.

Zwei Tage später ist ihr Twitteraccount wieder aktiv, auf einem Foto streichelt Recep Tayyip Erdoğan dem Mädchen die Wange - im türkischen Präsidentenpalast. Er bietet der Familie Asyl in der Türkei und später auch die Staatsbürgerschaft an, heute wohnt Bana mit ihren Eltern und ihren zwei Brüdern in Ankara. Im Frühjahr 2017 unterschreiben Mutter und Tochter einen Vertrag beim US-Verlag Simon & Schuster, das Time Magazine wählt Bana unter die "25 einflussreichsten Personen des Internets" - wenige Tage nach ihrem achten Geburtstag.

Wenn Bana heute über ihr Leben spricht, klingt sie manchmal noch wie das Kind, das sie trotz allem Erlebten ist. Wie die meisten Mädchen in ihrem Alter kann sie mit sehr großer Liebe zum Detail ihre Spielzeugsammlung aufzählen, bei ihr sind es Puppen, bei Bruder Mohammad Plüschtiere und beim kleinen Noor Autos - "aber nur rote!"

Aleppo, Oktober 2016: Drei Monate twitterte Bana Alabed aus dem Krieg, dann gelang ihr mit der Familie die Flucht.

(Foto: Thaer Mohammed/AFP)

Bana hat aber auch schon gelernt, bei bestimmten Sätzen der Mutter wirkungsvoll die Augen zu verdrehen, und dass ein wenig Ironie gut ankommt, wenn man mit seiner Rolle als Berühmtheit kokettieren will: "Natürlich war ich bei Erdoğan aufgeregt", sagt sie zum Beispiel, "das war ja schließlich auch mein erster Präsident."

Eineinhalb Jahre nach der Flucht aus Aleppo sind Flüge für Bana Alltag. Ihr Buch "Dear World" ist auf Englisch, Holländisch, Italienisch, Schwedisch, Japanisch und Deutsch erschienen, in ihm schildern sie und ihre Mutter eine Kindheit, die erst friedlich war und dann nicht mehr. Übersetzungen in sieben weitere Sprachen sollen folgen.

Auf einer Reise durch die USA hat sie die Vereinten Nationen und Twitter besucht, mit Nobelpreisträgern gesprochen und für Selfies posiert, zum Beispiel mit der "Me Too"-Initiatorin Alyssa Milano und dem Footballspieler Colin Kaepernick, der den Zorn von Donald Trump erregte, weil er aus Protest gegen Polizeigewalt während der Hymne kniete. Noch bevor sie alle Milchzähne verloren hat, hält Bana Reden, tritt bei der Oscar-Verleihung und Charity-Veranstaltungen auf und sammelt Preise und Auszeichnungen wie andere Mädchen Teddybären.

Auch bei ihrem Auftritt in Berlin bekommt sie einen Preis, den "Freedom Award", verliehen vom Atlantic Council. Die Gruppe prägt seit 1961 den Geist dessen mit, was bis zum Amtsantritt von Trump als Westen galt: die eng verwobenen Kreise von Nato, europäischen Transatlantikern und der US-Politik.

Dass Bana auch in Berlin ihr "please stop the killing of children in Syria" aufsagt, sehen Rechte, Verschwörungstheoretiker, Internettrolle und russische Staatsmedien als Bestätigung dafür, dass Bana Teil einer gewaltigen Irreführung ist. Woher soll eine Siebenjährige so gut Englisch können? Woher soll sie im belagerten Aleppo Strom für ihr Smartphone und Zugang zum Internet bekommen haben? Und weil Banas Tweets die Verantwortlichen für das Leid klar benannt haben - Syriens Machthaber Baschar al-Assad und Russlands Präsident Wladimir Putin -, wurde das Twitterkonto des Mädchens zum Frontabschnitt in einer digitalen Schlacht.

Bana Alabed twitterte auch ein Bild von ihrem Besuch bei der Oscar-Verleihung.

(Foto: Bana Alabed/twitter)

Durch die sozialen Medien ist das Elend der Welt heute jederzeit präsent. Das Flüchtlingskind Aylan Kurdi, das tot an einem türkischen Strand lag. Der Junge Omran im Staub der Trümmer. Auch bei denen, die sich wenig für die Kriege in irgendwelchen staubigen Gegenden interessieren, ploppen solche Inhalte zwischen Katzenvideos und Fußballergebnissen auf den Bildschirmen auf. Dafür sorgt auch Bana. Neben Schnappschüssen, auf denen sie vor Sehenswürdigkeiten posiert oder auf denen sich Prominente an das Kind schmiegen, finden sich auf ihrem Twitterkonto immer wieder Bilder von toten Kindern, die schwer auszuhalten sind - für Erwachsene, aber vor allem für Neunjährige.

Wer sich über Krieg informieren will, geht auf Twitter und Reddit. Nur: Was stimmt - und was nicht?

Um sich ein Lagebild zu verschaffen, schauen selbst Profis abends als Letztes und morgens als Erstes aufs Smartphone. "Twitter und Reddit sind essenzielle Arbeitsmedien für mich", sagt etwa Andreas Krüger, der während der Schlacht von Aleppo Referatsleiter für Syrien im Auswärtigen Amt war und heute für die Stiftung Wissenschaft und Politik forscht. Zur Erstinformation, wer gerade auf wen schießt, sind soziale Medien für Krüger nicht mehr wegzudenken. "Doch natürlich sollte man die Informationen hinterfragen und durch andere Quellen verifizieren."

Denn nicht alles stimmt, was aus Konfliktzonen gepostet wird. Welche Möglichkeiten das Netz für Desinformation bietet, zeigte der Syrienkrieg wie kein anderer vor ihm: In den ersten Tagen des Aufstands gegen Assad bewegte eine lesbische Bloggerin aus Damaskus ein großes Publikum - bis bekannt wurde, dass hinter der Figur ein dicklicher Bummelstudent aus Virginia stand. Ein Video, in dem ein Junge seine kleine Schwester aus dem Kugelhagel rettete und das seit 2014 Millionen Menschen ansahen, wurde als eine von Norwegen finanzierte und auf Malta gedrehte Kunstaktion enttarnt. Und 2017 stellte sich heraus, dass ein gefeierter Kriegsfotograf gar nicht existierte. Jemand hatte unter dem Namen Eduardo Martin eine abenteuerliche Biografie im Netz ausgebreitet und geklaute Bilder zum Druck angeboten.

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