Süddeutsche Zeitung

Krieg in Syrien:Der tägliche Horror in syrischen Gefängnissen

Mehr als 17 000 Tote, Schläge mit Knüppeln oder Kabeln, Elektroschocks: Amnesty International hat mit Überlebenden über ihre Haftbedingungen gesprochen.

In syrischen Gefängnissen sollen einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zufolge seit 2011 mehr als 17 700 Menschen gestorben sein. Sie seien durch Folter, Misshandlungen und katastrophale Haftbedingungen ums Leben gekommen, teilte die Menschenrechtsorganisation in Berlin mit. Der Bericht stütze sich auf die Aussagen von 65 Folterüberlebenden.

Der "Katalog von Horrorgeschichten" zeige in "grausamen Details die fürchterliche Misshandlung von Insassen", erklärte der Nahost-Direktor von Amnesty, Philip Luther. Folter sei Teil von systematischen und weit verbreiteten Übergriffen gegen jeden, der unter dem Verdacht stehe, gegen die Regierung zu sein.

Diese Übergriffe auf Zivilisten sollten "als Verbrechen gegen die Menschlichkeit" eingestuft werden, erklärte Amnesty. Die Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden, die Verfolgten brauchten medizinische und psychologische Hilfe, forderte der Syrienexperte von Amnesty, René Wildangel.

Saydnaya - "eine regelrechte Hölle" - hat Amnesty in 3D rekonstruiert

Besonders gefürchtet sei das Militärgefängnis Saydnaya nördlich der syrischen Hauptstadt Damaskus, sagte Wildangel (hier das interaktive 3D-Modell des Gefängnisses im Internet, das Amnesty auf der Basis der Aussagen ehemaliger Häftlinge erstellt hat). Wildangel nannte das Gefängnis eine "regelrechte Hölle für seine Insassen".

Gefangene berichteten etwa über ein Ritual, das sie als "Willkommensparty" bezeichneten. Dazu gehörten heftige Schläge mit Knüppeln oder Kabeln. "Sie behandelten uns wie Tiere. Sie wollten, dass die Menschen so unmenschlich wie möglich sind", erzählte einer der Überlebenden. Andere erklärten, dass sie mit Elektroschocks gefoltert oder ihnen die Fingernägel herausgerissen worden seien. Zudem gab es Berichte, dass Gefangene in völlig überfüllten Zellen neben Leichen schlafen mussten. Das deckt sich mit früheren Berichten von Häftlingen, die aus syrischen Gefängnissen freikamen.

Seit Jahren hätten weder internationale Beobachter noch Journalisten Zugang zu syrischen Haftanstalten, kritisierte die Organisation.

Die Menschenrechtler fordern die Bundesregierung auf, das Thema Menschenrechte insbesondere in Gesprächen mit Russland und den USA anzusprechen. Alle gewaltlosen politischen Gefangenen müssten sofort freigelassen werden.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3126028
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/epd/AFP/dpa/ewid/anri
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.