Süddeutsche Zeitung

Krieg in Syrien:Blaupause Libanon

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Die Hisbollah greift massiv in Syrien ein. Das könnte den Bürgerkrieg zusätzlich verschärfen - und zu einem Konflikt führen, wie es ihn bereits um den Südlibanon gegeben hatte. Die Auseinandersetzung endete mit dem größten Sieg, den die Hisbollah je gegen Israel errungen hat.

Von Tomas Avenarius, Kairo

So sehr die Bilder aus Nahost auch Posen von Selbstbewusstsein und Kampfeswillen dokumentieren: Die Hisbollah hat keinen Grund zum Jubel. Das Eingreifen der libanesischen Schiitenmiliz in den syrischen Bürgerkrieg führt weltweit zu Protest; die EU will den militärischen Arm der Gruppe auf die Terrorliste setzen; in Libanon und in der arabisch-islamischen Welt zerbröselt der Nimbus der Gruppe als anti-israelischer "Widerstand". Allein in der Grenzstadt al-Kuseir sollen etwa 2000 Hisbollah-Männer an der Seite der Soldaten von Präsident Baschar al-Assad gegen die syrischen Aufständischen kämpfen. Die Zahl der gefallenen Kämpfer steigt und wegen des Eingreifens der Hisbollah-Kämpfer droht der Krieg nun nach Libanon überzugreifen.

"Syrien ist die Schutzmacht hinter dem Widerstand (gegen Israel)", sagte Milizen-Chef Nasrallah dennoch am Samstag. "Der Widerstand kann nicht tatenlos zusehen, wenn seine Schutzmacht ungeschützt ist und ihre Stütze zerbröckelt." Hisbollah werde bis zum Ende in Syrien kämpfen.

Nasrallah wählte einen besonderen Tag für das unverhohlene Eingeständnis, dass er seine Organisation - und ganz Libanon - aus seinen eigenen strategischen Erwägungen zur Kriegspartei im syrischen Bürgerkrieg macht: den Jahrestag des Abzugs israelischer Truppen aus Südlibanon. Es ist jener Tag, an dem die Hisbollah ihren größten Sieg gegen den jüdischen Staat errungen hatte.

Libanon-Krieg war Bruder- und Stellvertreterkrieg

Israel, damals tief in den libanesischen Bürgerkrieg verwickelt, hatte 1985 im Süden eine Pufferzone errichtet, um Angriffe auf sein Territorium zu verhindern. Der Grund: Palästinenser hatten Südlibanon wieder und wieder für Raketenangriffe und Überfälle jenseits der israelischen Grenze genutzt. Die Palästinenser waren nur eine der vielen libanesischen und nicht-libanesischen Parteien, die sich in dem 1975 ausgebrochenen Bürgerkrieg zerfleischten und dabei von Nachbarstaaten unterstützt wurden. Neben Israel war auch Syrien als selbsternannte Ordnungs- und Besatzungsmacht verwickelt: Der Libanon-Krieg war ebenso Bruder- wie regionaler Stellvertreterkrieg.

Die Israelis zogen im Jahr 2000 desillusioniert aus ihrer Sicherheitszone ab: Sie hatte keine Sicherheit gebracht. Die Kämpfe gegen die Schiitenmiliz Hisbollah hatte zu viele Soldaten das Leben gekostet, der Krieg war in der Heimat unpopulär geworden. Ein ähnliches Szenario könnte sich nun in Syrien entwickeln mit dem Crashkurs der Hisbollah. Und Israel könnte ähnliche Fehler begehen wie in Libanon.

Es war eben jener Krieg um diese Pufferzone in den Achtziger- und Neunzigerjahren, der den Mythos von der Hisbollah als dem "Widerstand" gegen Israel erst begründete. Die Gruppe wird seitdem immer gefährlicher, kämpft mit immer besser trainierten Soldaten und schwereren Waffen, ist weltweit im Terrorgeschäft aktiv. So hatte das Eingreifen der Israelis mit ihren Feldzügen in Libanon und der Pufferzone unter dem Strich mehr Probleme geschaffen als gelöst: Die Hisbollah, die mit Geld und Hilfe des israelischen Erzfeindes Iran gegründet worden war, ist heute eine regionale Kraft. Sie ist der Vorposten der Islamischen Republik Iran in Libanon und der arabischen Welt, Bundesgenosse des Assad-Regimes dazu. Kurz: Hisbollah ist eine der größten Bedrohungen für den Judenstaat.

Im syrischen Bürgerkrieg sind wie seinerzeit alle Voraussetzungen für eine weitere israelische Fehlkalkulation gegeben. Ein Eingreifen gäbe dem Assad-Regime oder der Hisbollah Vorwand und Grund, den Krieg über die Grenze zu tragen oder Terroranschläge gegen israelische Einrichtungen zu begehen. Iran würde hinter den Kulissen mitspielen, so wie Teheran sich als engster Partner Assads in Syrien mit Geld, Kämpfern und Waffen einmischt.

Aber auch Assads Feinde, die Aufständischen, sind keine Alliierten, sondern potenzielle Gegner. Unter den Rebellen wächst die Zahl hartleibiger Fundamentalisten und ausländischer Dschihadis, selbst al-Qaida-nahe Gruppen kämpfen gegen das Regime in Damaskus. Für diese Milizen ist Israel von Haus aus der Feind, die "Befreiung" von Jerusalem gehört zum Mantra jedes militanten Islamisten weltweit. Die israelische Armee könnte mit einem offenen Eingreifen oder der Errichtung einer Pufferzone das Feuer von sehr vielen Gruppen auf sich ziehen, während diese gleichzeitig gegeneinander kämpfen: So war es auch im libanesischen Bürgerkrieg.

Christen erledigten die Drecksarbeit

Die Bildung ebenso ungewöhnlicher wie unfruchtbarer Bündnisse ist ebenfalls denkbar. In Südlibanon hatten die Israelis mit einer Miliz libanesischer Christen gekämpft, die einen Alliierten gegen die Hisbollah und andere Gruppen gesucht hatten. Die Christen von der Südlibanesischen Armee SLA machten die Drecksarbeit für die Besatzer aus dem Nachbarland: Mord und Folter.

Das heizte den libanesischen Bürgerkrieg weiter an. Als die Israelis 2000 unter dem Hisbollah-Feuer aus ihrer Pufferzone abzogen, nahmen die Schiitenmiliz und andere Libanesen brutal Rache an der SLA. Ein paar tausend SLA-Kämpfer, die unter dem Schutz israelischer Soldaten fliehen konnten, leben bis heute in Israel. Sie können nicht zurück: aus Angst vor Vergeltung.

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SZ vom 27.05.2013
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