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Krieg in Libyen:Rebellen kreisen Gaddafi-Hochburg ein

Es ist eine der letzten verbliebenen Bastionen Gaddafis: Kämpfer der neuen libyschen Führung haben die Wüstenstadt Bani Walid umzingelt - und bereiten sich auf einen möglichen Angriff vor. Unterdessen wird bekannt, dass auch deutsche Sicherheitsdienste mit dem Gaddafi-Regime zusammengearbeitet haben sollen.

Kämpfer der neuen Führung in Libyen haben einen möglichen Angriff auf die Wüstenstadt Bani Walid angekündigt, eine der letzten Hochburgen des langjährigen Machthabers Muammar el Gaddafi. "Wir bereiten uns vor", sagte der Kommandeur des Kontrollpostens Tschitschan etwa 70 Kilometer nördlich von Bani Walid am Sonntagmorgen.

An anti-Gaddafi fighter from the Warfallah tribe stands guard on top of a tanker outside the town of Bani Walid

Ein Kämpfer der libyschen Rebellen am Rande der Wüstenstadt Bani Walid: Die Kämpfer sollen sich auf einen Ansturm auf die Gaddafi-Hochburg vorbereiten.

(Foto: REUTERS)

Der Sender BBC berichtet, die Kämpfer rückten von drei Seiten aus auf die Stadt vor. "Wir sind an der Grenze von Bani Walid", sagte ein Kämpfer dem Sender. "Wir hoffen, dass wir die Stadt heute oder morgen noch einnehmen können."

Ein örtlicher Vertreter des Nationalen Übergangsrates hatte der Stadt bis Sonntag 10.00 Uhr (Ortszeit und MESZ) gegeben, sich zu ergeben. Die Verhandlungen über eine friedliche Kapitulation seien gescheitert, sagte der Rebellenkommandeur Mohammed al Fassi. Die Stammesführer in Bani Walid hätten die Gespräche blockiert. Unklar war aber zunächst, ob die Stadt tatsächlich angegriffen oder ob das Ultimatum verlängert werden sollte. Die Situation sei unübersichtlich, berichtet die BBC. Mehrere Getreue Gaddafis seien aus der Stadt geflohen, während andere wiederum zu Verhandlungen bereit seien. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet derweil unter Berufung auf einen Unterhändler des Übergangsrates, dass die Verhandlungen beendet seien und die Kämpfer hofften, dass es keinen Widerstand gebe.

Der Präsident des Nationalen Übergangsrates, Mustafa Abdel Dschalil, hatte ein Ultimatum an die Gaddafi-Anhänger landesweit bis zum 10. September verlängert. Der Innenminister des Übergangsrates, Ahmed Dharrat, sagte in der Hauptstadt Tripolis aber, Bani Walid werde "heute oder morgen" befreit, ohne auf das verlängerte Ultimatum einzugehen.

Mehrere Vertraute des flüchtigen Gaddafi sowie sein Sohn Saadi sollen sich der neuen Führung zufolge in Bani Walid aufhalten, das etwa 180 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Tripolis liegt. Die Stadt galt auch als mögliches Versteck von Gaddafi selbst, die Vertreter der neuen Führung vor Ort vermuten ihn aber inzwischen nicht mehr dort. Als mögliches Versteck gilt Gaddafis Geburtsstadt Sirte. Auch dort rückten die Kämpfer weiter vor. Dort werde noch verhandelt, hieß es. Flüchtlinge aus der Stadt hätten von Lebensmittelknappheit berichtet, es gebe kein Wasser und keinen Strom. Gaddafi-Anhänger sollen Zivilisten misshandeln.

Gefechte nahe Bani Walid

Kämpfer der neuen libyschen Führung und Anhänger Gaddafis hatten sich in der Nacht zum Sonntag bereits vereinzelt Gefechte nahe Bani Walid geliefert. Gaddafi-Kämpfer hätten am Abend versucht, die Stadt zu verlassen, sagte ein Sprecher des Nationalen Übergangsrats am Kontrollposten Tschitschan. "Unsere Kämpfer haben geantwortet, es hat kleine Gefechte gegeben, die mehrere Minuten gedauert haben."

In der Stadt selbst soll es aber noch keine Kämpfe gegeben haben, die Frontlinie verläuft der neuen Führung zufolge rund 15 bis 20 Kilometer nördlich von Bani Walid. Nach Angaben von geflüchteten Bewohnern der Stadt haben viele Gaddafi-Kämpfer die Stadt inzwischen verlassen und sich mit schweren Waffen in die Berge zurückgezogen. Bani Walid soll einer Geisterstadt gleichen.

Menschenrechtler: CIA soll Gaddafi geholfen haben

Die Menschenrechtsgruppe Human Rights Watch warf dem britischen und dem US-Geheimdienst vor, Gaddafis Regierung bei der Verfolgung von Oppositionellen geholfen zu haben. Dies gehe aus Unterlagen hervor, die in dem Büro des ehemaligen Geheimdienstchefs und Außenministers Mussa Kussa gefunden wurden.

Hunderte Briefe belegten unter anderem, dass die CIA Abdel Hakim Belhaddsch, den jetzigen Militärkommandeur der Hauptstadt Tripolis, einst in Asien entführt und dann nach Libyen verschleppt habe. Dort sei er vom Geheimdienst gefoltert worden. Belhaddsch wurde von der CIA verdächtigt, islamischer Extremist und Al-Kaida-Anhänger zu sein. Er hat diese Vorwürfe zurückgewiesen.

Sunday Times: Blair half Gaddafi-Sohn bei Doktorarbeit

Auch der britische Inlandsgeheimdienst MI-5 soll eng mit dem Gaddafi-Regime zusammengearbeitet haben. Das gehe aus Dokumenten hervor, die in der verlassenen britischen Botschaft in Tripolis gefunden worden seien, berichtet die Sunday Times. So soll der MI-5 aus Libyen Informationen über inhaftierte Terrorverdächtige angefordert haben, die womöglich Folter ausgesetzt waren. Die Briten wiederum hätten Informationen über Gegner von Gaddafi geliefert, die im Königreich lebten.

Unter den Fundstücken ist der Zeitung zufolge auch ein Brief des früheren britischen Premierministers Tony Blair an den Gaddafi-Sohn Saif al-Islam aus dem Jahr 2007. Darin habe er diesem bei dessen Doktorarbeit geholfen. Der Brief beginne mit den Worten "Lieber Ingenieur Saif" und sei unterzeichnet mit "die besten Wünsche, hochachtungsvoll, Tony Blair".

Ob es auch eine Zusammenarbeit mit deutschen Geheimdiensten gab, dazu wollte sich die Bundesregierung bislang nicht äußern. Allerdings erhielten deutsche Sicherheitsbehörden in der Vergangenheit offenbar Informationen von Gaddafis Geheimdienst. "Es ging in erster Linie um Informationen für den Anti-Terror-Kampf und damit um die Sicherheitsinteressen von Deutschland", sagte der frühere Geheimdienstkoordinator des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU), Bernd Schmidbauer, der Bild am Sonntag. "Mithilfe dieser Informationen konnten wir terroristische Bedrohungen auf unser Land abwehren."

Gemeinsame Aktionen von deutschem und libyschen Geheimdiensten habe es aber nicht gegeben, versicherte Schmidbauer, der von 1991 bis 1998 Staatsminister im Kanzleramt war. "Diese Linie haben wir nie überschritten", Schmidbauer. Die internationale Ächtung Gaddafis durch den Westen war erst 2003/2004 offiziell beendet worden.