Süddeutsche Zeitung

Unruhen in Libyen:Tausende demonstrieren in Tripolis gegen Gaddafi

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Die Macht des libyschen Dikators schwindet: In Tripolis gehen Tausende gegen Muammar al-Gaddafi auf die Straße und trotzen den auf den Dächern postierten Scharfschützen. Die Rebellen melden unterdessen wichtige militärische Erfolge: Teile der libyschen Hauptstadt sollen bereits unter ihrer Kontrolle sein. Die Nato kann das allerdings nicht bestätigen. Gaddafi selbst soll die Hauptstadt inzwischen in Richtung algerische Grenze verlassen haben.

In mehreren Vierteln von Tripolis haben am Sonntag Tausende gegen Machthaber Muammar Gaddafi demonstriert. Sie trotzten dabei auch der Gefahr durch auf Dächern postierten Scharfschützen.

Nach dem Aufstand der Regimegegner in Tripolis soll Muammar al-Gaddafi möglicherweise die Hauptstadt in Richtung algerische Grenze verlassen haben. Aus gut informierten Kreisen in Tripolis verlautete an diesem Sonntag, der Staatschef und seine Familie hielten sich in einer Region unweit der Grenze auf. Dort würden sie von Angehörigen des Al-Orban-Stammes beschützt. Ihr Plan sei es möglicherweise, über die Grenze nach Algerien zu flüchten. Abdel Salam Dschallud, ein früherer Vertrauter Gaddafis, ist nach seiner Flucht aus Tripolis indes bereits in Italien eingetroffen.

Die Rebellen vermuteten den Machthaber allerdings weiterhin in Tripolis. Die von den Aufständischen gestartete Offensive diene dazu, Gaddafi in der Hauptstadt zu isolieren, sagte der Sprecher des Nationalen Übergangsrats, Ahmed Dschibril. Ein halbes Jahr nach Beginn des Aufstandes in Libyen hat am Samstagabend der Kampf um Tripolis begonnen.

Bei blutigen Kämpfen brachten die Rebellen in der Nacht nach eigener Darstellung Teile der Hauptstadt unter ihre Kontrolle. An der "Operation Sirene" sind den Angaben zufolge Rebelleneinheiten in und um Tripolis beteiligt. Auch die Nato sei eingebunden, sagte Rebellen-Sprecher Dschibril. Das Militärbündnis konnte den Vorstoß bis auf Tripolis allerdings nicht bestätigen. Sprecher Oberst Roland Lavoie sagte, die Lage verändere sich ständig. Es sei schwer den Frontverlauf genau zu bestimmen.

Die Nato konzentrierte ihre Kampfeinsätze am Samstag ebenfalls auf die Hauptstadt. Kampfjets hätten allein in Tripolis 22 Ziele angegriffen, teilte das Bündnis mit. Dabei handle es sich jedoch nicht um "abgestimmte Bemühungen", sagte Lavoie. "Wir sind verschiedene Menschen, die Verschiedenes tun, in derselben Operation."

Der zuletzt immer stärker bedrängte Machthaber Gaddafi meldete sich während der Gefechte mit einer im staatlichen Fernsehen übertragenen Audiobotschaft zu Wort. Er bezeichnete die Rebellen als "Verräter" und "Ratten" und beschuldigte sie, Libyen zerstören zu wollen. Gaddafi-Sohn Saif al-Islam erklärte in einer aufgezeichneten Rede, die am frühen Sonntagmorgen vom libyschen Fernsehen verbreitet wurde, sie würden nicht aufgeben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel foderte Gaddafi zum raschen Rückzug auf. Es wäre gut, "wenn er möglichst schnell aufgibt", sagte die CDU-Vorsitzende an diesem Sonntag im ZDF. So könnte Gaddafi weiteres Blutvergießen in seinem Land vermeiden. Die Rebellen belagerten unterdessen nach eigenen Angaben den Gebäudekomplex von Gaddafi in Tripolis. Der arabische Fernsehsender al-Arabija berichtete, die Aufständischen hätten Dutzende von Soldaten Gaddafis gefangen genommen.

Sanktionen zeigen Wirkung

Doch auch die Aufständischen erlitten hohe Verluste. Allein bei den Gefechten im Stadtviertel Tadschura kamen nach Angaben eines Rebellenführers laut al-Dschasira mindestens 123 Aufständische ums Leben. Auch in anderen Teilen von Tripolis soll es Tote gegeben haben. Neben Tadschura kontrollierten die Regimegegner nach eignen Angaben auch das Viertel Souk al-Dschumaa.

Wie ein Rebellensender berichtete, hätten die Kämpfer auch die Kontrolle über ein Waffendepot und den Internationalen Flughafen von Tripolis übernommen. Der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, sagte Al-Dschasira, dass alle Aktionen vorbereitet und koordiniert seien. Der Sprecher der libyschen Regierung, Mussa Ibrahim, bestätigte die Zusammenstöße in der Hauptstadt. Sie seien jedoch nach etwa einer halben Stunde unter Kontrolle gebracht worden. "Tripolis ist friedlich und vollständig unter Kontrolle der Armee", sagte er laut al-Dschasira in der Nacht.

Gaddafi rief seine Anhänger auf, in Massen die monatelange Rebellion zu beenden. Er betonte, dass die Rede nicht aufgezeichnet war, sondern live gehalten wurde und nannte als Beweis dafür das aktuelle Datum und die Uhrzeit. Die europäischen Länder bezichtigte er, hinter dem libyschen Öl her zu sein. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy "will unser Öl", sagte Gaddafi.

Der Übergangsrat der Rebellen hatte in den vergangenen Monaten mehrfach erklärt, für die Eroberung von Tripolis setzte man auf den "Kollaps des Regimes" und die Unterstützung durch "geheime Zellen" von Sympathisanten in Tripolis. In den vergangenen Tagen hatten die Rebellen auf ihrem Vormarsch nach Tripolis große Geländegewinne erzielt. Im Osten stehen ihre Truppen rund 40 Kilometer von der Hauptstadt entfernt.

Auch wirtschaftlich zeigen die internationalen Sanktionen gegen Libyen und das Vordringen der Rebellen auf die Hauptstadt Wirkung. Den Banken in Tripolis geht das Geld aus. Staatsangestellte bekommen derzeit keine Gehälter mehr ausgezahlt. "Seit Donnerstag haben wir kein Geld mehr und wir wissen auch nicht, wann sich das ändern wird", sagte ein Bankangestellter in Tripolis am Samstag der dpa. Treibstoff und andere Güter sind schon länger knapp.

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