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Krieg in Libyen:Gaddafis Innenminister läuft über

Libyens Diktator Gaddafi appelliert an seine Anhänger, durchzuhalten und lässt im Geheimen mit Rebellen verhandeln - doch seine Lage verschlechtert sich zusehends: Die Aufständischen rücken auf Tripolis vor, immer mehr Vertraute setzen sich ab. Auch unter den Rebellen mehren sich Konflikte.

Sonja Zekri, Kairo

In einer Audiobotschaft gab sich der libysche Machthaber Muammar al-Gaddafi ungebrochen: "Tanzt, singt und kämpft", rief er seinen Anhängern in einem Durchhalteappell zu, den Staatsmedien am Montagmorgen ausstrahlten. Seine Truppen aber verlieren Viertel um Viertel in der Küstenstadt Sawija, 50 Kilometer westlich von Tripolis.

Die Seiten gewechselt: Gaddafis Innenminister Nassr al-Mabruk Abdallah, hier im Jahre 2005

(Foto: STEFANO MASSIMO)

Zudem ist der libysche Innenminister Nassr al-Mabruk Abdallah mit neun Mitgliedern seiner Familie am Montag in einem Privatflugzeug aus Tunesien nach Kairo geflohen. Abdallah dürfte der prominenteste Überläufer seit Monaten sein: Alle zehn reisten mit Touristenvisa ein, wurden aber nicht von Diplomaten der weitern gaddafitreuen libyschen Botschaft in Kairo empfangen.

Am Wochenende hatten die Rebellen erneut Sawija gestürmt, eine Stadt von 300.000 Einwohnern, die für den weiteren Verlauf des Krieges entscheidend werden könnte: Durch Sawija im Westen von Tripolis verläuft die Straße zur tunesischen Grenze, über die Benzin, Lebensmittel und Waffen in die Hauptstadt gebracht werden können. Den Osten der Hauptstadt halten die Rebellen, Luft und See kontrolliert die Nato.

Frühere Angriffe auf Sawija waren nach kurzer Zeit von Gaddafi-Truppen zurückgeschlagen worden. Al-Jazeera aber zeigte am Montag Bilder aus den geisterhaft leeren Straßen Sawijas, in denen die Rebellen sich noch immer hielten.

Zudem rückten die Aufständischen nach eigenen Angaben auch von Süden auf die Hauptstadt vor. Auch Gharyan, 80 Kilometer von Tripolis entfernt, sei in ihrer Hand: "Das bedeutet, dass wir Gaddafi ersticken", sagte Oberst Jumma Ibrahim nach Agenturangaben: "Ihm bleibt nur das Meer."

In einem Versuch, die politische Umklammerung zu durchbrechen, haben sich Vertreter Gaddafis in der Nacht zu Montag offenbar mit Rebellenvertretern in Tunesien getroffen. In einem streng bewachten Hotel auf der Ferieninsel Djerba sind Berichten zufolge libysche Minister und Sicherheitskräfte eingetroffen, darunter wohl der libysche Außenminister Abdelati al-Obeidi. Auf dem Flughafen in Djerba beobachteten Flughafenangestellte zudem Maschinen aus Südafrika und Qatar. Das Emirat beteiligt sich am Militäreinsatz, Südafrika propagiert hingegen eine Lösung ohne auf den Rücktritt Gaddafis zu bestehen.

"Wenn du Gaddafi liebst, bringen sie dich um"

Während die Aufständischen militärisch erstmals seit langem nennenswerte Fortschritte machen, mehren sich allerdings Zweifel an ihrer politischen Führungsstärke und Integrität. Berichte über Plünderungen und Vertreibungen von gaddafitreuen Zivilisten durch Rebellen lassen die Sorge vor Stammesfehden nach einem Sturz Gaddafis wachsen.

Angehörige regierungstreuer Stämme aus Jafran, das erst vor kurzem in Rebellenhand fiel, haben sich nach einem Bericht der New York Times nach Tripolis geflüchtet: "Wenn du in Jafran Gaddafi liebst, bringen sie dich um", sagte ein Medizinstudent vom Stamm der Maschaaschia der Zeitung. Gaddafi-Gegner hätten Möbel, Lebensmittel und Tiere gestohlen und Häuser niedergebrannt.

Auch die Angehörigen des unter mysteriösen Umständen getöteten Militärchefs Abdul Fatah Junis haben offenbar nur brüchigen Frieden mit dem Nationalen Übergangsrat gemacht. In einem Al-Jazeera-Bericht fordern Stammesangehörige Aufklärung: Wieso habe etwa der Übergangsrat den Tod Junis verkündet, bevor die Leiche gefunden wurde? Sollte der Übergangsrat keine überzeugende Erklärung liefern, drohten sie, werde Junis' Obeida- Stamm die Angelegenheit in die eigenen Hände nehmen.

© SZ vom 16. August 2011/odg
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