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Krieg in Libyen:Exil für Gaddafi: Zähe Verhandlungen und ein wirrer Brief

Die Türkei will Libyens Machthaber Gaddafi helfen - und dessen Ausreise an einen Ort seiner Wahl organisieren. Doch dieser hat auf das Angebot noch nicht reagiert. Stattdessen soll der Bruder Oberst einen rätselhaften Brief an den US-Kongress geschrieben haben, in dem er sich gesprächsbereit zeigt.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi nach eigenen Angaben ein Angebot unterbreitet. Er garantiere ihm sicheres Geleit ins Exil, teilte Erdogan am Freitagabend im türkischen Fernsehen mit. "Gaddafi hat keine andere Wahl, als Libyen zu verlassen und zwar mit Hilfe der ihm angebotenen Sicherheiten", so Erdogan weiter.

File photo shows Libyan leader Gaddafi speaking in Rome

Archivbild des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi: Die Türkei bietet dem Despoten Hilfe bei der Ausreise aus seinem Land an und möchte ihm ein Exil an einem Ort seiner Wahl organisieren.

(Foto: REUTERS)

Um welche Garantien es sich dabei handelt, führte der türkische Premier nicht näher aus. "Wir haben ihm gesagt, wir würden ihm dabei helfen, zu dem Ort seiner Wahl zu gelangen", sagte Erdogan. Als Nato-Mitglied würde die Türkei mit ihren westlichen Alliierten über die von Gaddafi gewünschte Exil-Lösung verhandeln.

Doch der türkische Ministerpräsident zeigte sich sichtlich frustriert: Er habe von Gaddafi immer noch keine Antwort erhalten. Erdogan warf dem libyschen Machthaber zudem vor, auf Zeit zu spielen. "Ich habe ihn sechs oder sieben Mal kontaktiert. Wir haben unseren Sondergesandten zu ihm geschickt, doch sahen wir uns immer wieder mit Verzögerungstaktiken konfrontiert", so Erdogan weiter. So habe die libysche Führung einen Waffenstillstand gefordert, kurz darauf hätte Gaddafi seine Truppen aber erneut ins Gefecht geschickt.

Möglicherweise hofft Gaddafi auf die Hilfe eines anderen einstigen Unterstützerlandes - der USA. Ein angeblicher Brief des libyschen Machthabers sorgt bei US-Medien für Rätselraten: Angeblich hat Gaddafi in einem Brief an den US-Kongress seine Bereitschaft bekundet, über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Ob das Schreiben vom 9. Juni mit der Unterschrift "Muammar Gaddafi, Kommandeur der Großen Revolution" echt ist, werde noch geprüft, zitierten US-Medien Kongresskreise. Das US-Außenministerium erklärte, es habe von dem Brief gehört, ihn aber bisher nicht gesehen.

Der Absender bedankt sich darin offensichtlich für die jüngste Resolution, in der Präsident Barack Obama wegen der US-Rolle beim Nato-Einsatz in Libyen ohne Genehmigung vom US-Kongress kritisiert worden war. "Ich möchte meine aufrichtige Dankbarkeit für Ihre nachdenkliche Diskussion der Fragen zum Ausdruck bringen", zitiert die New York Times aus dem dreiseitigen Brief. "Wir bauen auf den Kongress der USA, dass er weiterhin die militärischen Aktivitäten der Nato und ihrer Verbündeten untersucht..."

Weiter betont der Verfasser seine Bereitschaft, sich zu Gesprächen über eine Waffenruhe an den Tisch zu setzen: "Lasst uns die Zerstörung beenden und Verhandlungen aufnehmen, um eine friedliche Lösung für Libyen zu finden." Das Land dürfe "nicht wieder von Europäern kolonisiert werden". Ein Sprecher von John Boehner, dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses, nannte das Schreiben wirr. "Wenn dieser inkohärente Brief echt ist, bestärkt er nur darin, dass Gaddafi gehen muss."

Rebellen: Gaddafi-Truppen greifen Weltkulturerbe-Stadt an

Stammt das Schreiben tatsächlich von Gaddafi, wäre das nicht ungewöhnlich. Der libysche Machthaber hat in den vergangenen zwei Jahren wiederholt an Präsident Obama geschrieben, so zuletzt im April nach Beginn des US-Militäreinsatzes. Auch dieser Brief war als "zusammenhanglos" beschrieben worden.

Derweil versucht die Nato, mit regelmäßigen Angriffen auf Gaddafis Residenz in Tripolis den Druck auf den Machthaber zu erhöhen: Das Militärbündnis fliegt seit Anfang der Woche die schwersten Luftangriffe auf die libysche Hauptstadt seit Beginn des internationalen Militäreinsatzes am 19. März. Das Staatsfernsehen meldete, Kampfflugzeuge hätten Ziele im Südosten der libyschen Hauptstadt ins Visier genommen.

Seit Monaten herrscht im Libyen-Krieg eine Patt-Situation zwischen Gaddafi und den Aufständischen. Die Rebellen, die weite Teile im Osten des Landes kontrollieren, haben Schwierigkeiten, gegen die Streitkräfte Gaddafis vorzurücken. Im zähen Ringen um die Oberhand in Libyen entstehen nach Angaben der Aufständischen neue Fronten: Erstmals seit Beginn des Kriegs in dem nordafrikanischen Wüstenstaat nahmen Soldaten von Machthaber Muammar Gaddafi demnach die zum Unesco-Weltkulturerbe gehörende Stadt Gadamis unter Beschuss.

Gaddafis Soldaten übten Vergeltung für jüngste Proteste in der Oase an der Grenze zwischen Libyen und Algerien, sagte ein Rebellensprecher am Freitag. Auch in der von der Regierung gehaltenen Mittelmeerstadt Slitan seien Kämpfe ausgebrochen, was den Gaddafi-Gegnern einen Zugang zur Hauptstadt über die Küste eröffnen könnte. Slitan liegt zwischen Tripolis und der Rebellenhochburg Misrata. Neue Kämpfe gibt es auch in der libyschen Hafenstadt Sawija. Die Küstenstraße nach Tunesien war am Samstag blockiert, berichteten Reuters-Korrespondenten. Auf der Straße seien nur Soldaten, Polizisten und bewaffnete Zivilisten unterwegs. Die Rebellen versuchen, die Hauptstadt Tripolis einzukreisen und von der Außenwelt abzuschneiden. Mit der Eroberung Sawijas kämen sie diesem Ziel einen Schritt näher. In dem Ölhafen sind es die ersten größeren Gefechte, seit Soldaten im März dort die Kämpfer der Opposition besiegten.