Krieg in der Ukraine:Seit vergangenem Sommer Schützengräben ausgehoben

Die Sorge gibt es schon länger. In Mariupol geht man aber nach wie vor davon aus, dagegen gerüstet zu sein. Seit dem vergangenen Sommer waren Schützengräben ausgehoben und Abwehrwälle gebaut worden. Die Freiwilligen-Bataillone Asow und Dnjepr stehen nördlich der Stadt, auch die ukrainische Armee hat hier Stellungen bezogen. Ein Sprecher der "Anti-Terror-Operation", wie die Militäroperation in der Ukraine immer noch heißt, brüllte am Sonntag ins Telefon, die Nacht sei "ruhig", die Lage "stabil" geblieben. Man habe alles im Griff, die Separatisten hätten sich etwa 15 Kilometer vor der Stadt eingegraben. Am frühen Morgen eilten Freiwillige los, um die ersten Reparaturarbeiten an den zerbombten Häusern vorzunehmen, irgendjemand hat Glas gespendet, zersplitterte Fenster wurden ausgetauscht - eine Überlebensfrage bei der brutalen nächtlichen Kälte.

Der Generaldirektor des Asow-Stahlwerks, das dem Oligarchen Rinat Achmetow gehört, erklärt unterdessen sein Mitgefühl mit Mitarbeitern und ihren Familien, die bei der Attacke umgekommen seien. Er teilt mit, der Achmetow-Fonds werde die Opfer finanziell unterstützen.

Sich die großen Stahlwerke von Achmetows Metinvest-Konzern einzuverleiben - das könnte ein weiteres strategisches Ziel der Separatisten sein, wenn es für die große Lösung, die Landbrücke zur Krim, nicht reicht. Mariupol ist derzeit ein Herzstück der Produktion; zwei profitable Werke arbeiten hier. Aus Donezk, wo die Lage zunehmend unkontrollierbar wird, hatte Metinvest einen Teil des Managements in den Süden verlagert.

Die Einwohner Mariupols halten wenig von Kriegsrhetorik

Derzeit, sagt ein Manager am Telefon, der lieber ungenannt bleiben möchte, arbeiteten beide Werke am unteren Limit, weil die für die Stahlwerke lebenswichtige Kokserei in Awdejewka, zehn Kilometer nördlich von Donezk, ununterbrochen von prorussischen Milizen beschossen werde und kaum noch produzieren könne. Derzeit glaube zwar niemand so recht daran, dass die Separatisten stark genug seien, Mariupol zu überrennen, so der Metinvest-Mitarbeiter, "aber ich habe mich mit Vorhersagen in diesem Konflikt schon oft geirrt". Die Einwohner der Industriestadt jedenfalls, betont er, hielten zwar wenig von der Kriegsrhetorik aus Kiew und glaubten nicht an Präsident Poroschenko und seinen Patriotismus, "aber auch die größten Kiew-Hasser hier wollen auf keinen Fall Teil der Donezker Volksrepublik werden, so viel ist klar".

Tatsächlich steht der Präsident massiv unter Druck. Er habe die falschen Leute an zentralen Stellen im Militärapparat und im Verteidigungsministerium platziert, heißt es, diese würden die falschen Entscheidungen treffen. Indirekte Unterstützung bekam die Kiewer Führung jetzt allerdings ironischerweise von den Separatisten selbst. Während Moskau nach dem Beschuss wie gewohnt beteuerte, es gebe keinen Beweis dafür, dass Separatisten Wohngebiete beschossen hätten, korrigierte Rebellenführer Alexander Sachartschenko diese Behauptungen wenig später selbst. Vor jubelenden Zuhörern in Donezk, die "Hurra" und "Halleluja" riefen, gab er bekannt, der Angriff auf Mariupol habe begonnen. Man werde nun weiter auf andere Orte vorrücken, die noch von der ukrainischen Armee gehalten würden.

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