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Kreditkartenfirmen:"Operation: Payback"

Das Problem an dieser freiheitlichen Argumentation: Kein Gericht der Welt hat Wikileaks jemals verurteilt oder als illegal bezeichnet. Schon seit der ersten Wikileaks-Veröffentlichung vor mehr als drei Jahren diskutieren Juristen darüber, ob die Organisation sich mit ihren Enthüllungen strafbar macht oder nicht. Auf der eigenen Website schreibt Wikileaks: "Während es verboten ist, Geheiminformationen zu verraten, sind ihr Empfang und ihre Veröffentlichung nicht illegal."

Das ist wohl inzwischen auch Mastercard aufgegangen, weswegen das Unternehmen von seiner ersten Begründung für die Kündigung an Wikileaks nichts mehr wissen will. Am Montag hatte die amerikanische Firmenzentrale in einer Mitteilung noch auf den Grundsatz hingewiesen, nach dem Kunden, die "illegale Handlungen direkt oder indirekt unterstützen oder erleichtern", von Mastercard gesperrt werden. In der Vergangenheit geschah das etwa, wenn Geschäftspartner Kinderpornographie oder den Terrorismus förderten.

Inzwischen muss der deutsche Pressesprecher von Mastercard sich sehr winden, um den Schritt zu begründen, ohne das Wort "illegal" in den Mund zu nehmen. Der neuen Sprachregelung zufolge sind die Geschäftsbeziehungen zu Wikileaks lediglich "ausgesetzt, bis sich die Situation geklärt hat". Was damit konkret gemeint ist, kann der Sprecher nicht erklären. Ganz ähnlich lautet die offizielle Stellungnahme von Visa. Dort ist von einer Prüfung der Geschäftsbeziehungen die Rede.

Internetseiten sabotiert

Ihre Weigerung, Zahlungen für Wikileaks entgegenzunehmen, hat den Finanzunternehmen bereits mehr als den Zorn von Sympathisanten der Enthüllungsplattform eingebracht. Vor allem im anonymen wie umstrittenen Internetforum 4Chan werden Cyber-Angriffspläne gegen die Seiten der Firmen geschmiedet. Ein selbsternannter Sprecher der 4Chan-Gruppe mit Nutzernamen "Coldblood" erklärte, ein mögliches Ziel sei jede Internetseite, "die sich dem Regierungsdruck beugt".

Die "Operation Payback" genannte Aktion hatte bereits Folgen: Am Dienstag war die Seite des Schweizer Finanzdienstleisters PostFinance, der zuvor ein Wikileaks-Konto gekündigt hatte, einige Stunden lang nicht erreichbar, offenbar von einer Denial-of-Service-Attacke lahmgelegt. Bei solchen Angriffen werden die Server von Webseiten durch koordinierte Anfragen überflutet, so dass sie zusammenbrechen.

Am späten Mittwochvormittag war auch die Internetseite von Mastercard zwischenzeitlich nicht mehr aufrufbar. Auch hinter dieser Attacke wird 4Chan vermutet.

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