Gesundheitspolitik:Die Not der kleinen Kliniken

Kliniken Corona

Eine Krankenpflegerin auf der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Essen.

(Foto: Fabian Strauch/dpa)

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft fordert die künftige Regierung auf, die medizinische Versorgung neu zu denken.

Von Rainer Stadler

Die Krankenhauslandschaft hat sich nach Ansicht der meisten Deutschen in der Corona-Pandemie bewährt, aber sie steht auf wackligen Füßen: Zuletzt warnte das Essener Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI), jedes achte Klinikum in Deutschland sei akut insolvenzgefährdet. Selbst mitten in der Pandemie mussten Krankenhäuser aus wirtschaftlichen Gründen schließen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) fordert die Regierung daher auf, endlich zu handeln.

In der Gesellschaft ist das Problem längst angekommen: Wo immer ein Klinikum schließt, kämpfen Bürgerinitiativen erbittert für dessen Fortbestand. Oft verschwinden Häuser auf dem Land - was die medizinische Versorgung gefährdet und das Leben dort für viele unattraktiver macht. Einflussreiche Gesundheitsökonomen verweisen dagegen auf die im internationalen Vergleich hohe Zahl von Krankenhäusern in Deutschland. Vor gut zwei Jahren schlug eine Bertelsmann-Studie hohe Wellen, die zum Ergebnis kam, die Versorgung der Patienten werde sich verbessern, wenn 800 der bundesweit 1400 allgemeinen Krankenhäuser schließen.

Die Schließung kleinerer Häuser kann auch sinnvoll sein

DKG-Chef Gerald Gaß kritisiert, dass sich die Berliner Politik - allen voran Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) - bislang kaum zu dem Problem geäußert habe, obwohl es immer drängender werde. Bisher vollzieht sich aus seiner Sicht ein "kalter Strukturwandel": Große Häuser überleben, mittlere und kleine, die in wirtschaftliche Not geraten, gehen zugrunde. Er strebe nicht an, "jeden Standort und jedes Bett zu erhalten". Manche Argumente, die für die Schließung kleinerer Häuser sprechen, halte er für sinnvoll.

Zum Beispiel haben Studien gezeigt, dass Ärzte einen Eingriff besser beherrschen, wenn sie ihn oft vollzogen haben. Deshalb hat der Bund eine Mindestmengenregelung für komplexe Eingriffe eingeführt: Eine Lebertransplantation etwa darf ein Krankenhaus nur vornehmen, wenn es pro Jahr mindestens auf 20 solcher Eingriffe kommt. Gerade schwierige Operationen werden durch die Krankenkassen am besten honoriert. Deshalb benachteiligen Vorschriften wie zu den Mindestmengen speziell die kleinen Häusern, die solche Eingriffe nicht anbieten können, sagt Gaß. Immer wieder müssen deshalb Kliniken schließen, obwohl sie für die Versorgung einer Region dringend nötig wären.

Um solche Versorgungslücken zu verhindern, müsse die Politik nun aktiv planen, wie die Krankenhauslandschaft in Deutschland künftig aussehen soll. Aufgabe der nächsten Bundesregierung sei es, sich mit den Ländern zu einigen, welche Standorte unbedingt notwendig sind und wo es Überkapazitäten gibt. In der Vergangenheit habe sich die Bundespolitik darum gedrückt. Es sei nun einmal nicht sehr populär, die Kliniklandschaft neu zu ordnen und dabei Standorte zu schließen. Doch für Gaß zählt diese Ausrede nicht länger. "Es gibt ja keine wissenschaftlich begründete Zahl, wie viele Krankenhäuser in Deutschland nötig sind." Die Politik müsse Farbe bekennen - und entscheiden, wieviel ihr die medizinische Versorgung der Bevölkerung wert ist.

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