August von Kotzebues Erdolchung Mord in Mannheim

Der Mord an Kotzebue am 23. März 1819 provozierte eine Ära des Obrigkeitsstaates.

(Foto: Imago)

Der Täter war Burschenschafter, das Opfer reaktionärer Schriftsteller: Wie ein Verbrechen vor 200 Jahren den politischen Terrorismus in Deutschland begründete.

Von Gustav Seibt

Im Frühjahr 1819 besuchte in Jena ein schwarz gelockter, gut aussehender Student der Theologie eine Vorlesung der Anatomie. Dort interessierte er sich besonders für die genaue Lage des menschlichen Herzens. Später ließ er sich dann einen spitzen Dolch scharf schleifen und ein kleines Schwert anfertigen.

Mit diesen Waffen übte er bestimmte Handbewegungen: Erst sollte der Dolch das Gesicht treffen, damit das Opfer die Hände nach oben reiße und den Oberkörper entblöße. Mit einem zweiten Stoß sollte das Schwert die Brust aufschlitzen.

Am 9. März begab sich der junge Mann auf die Reise nach Mannheim, nicht ohne in seinem Schreibtisch lange Schriftstücke zu hinterlassen, in denen er mitteilte, was er vorhatte.

Doch niemand verdächtigte den tadellosen Beamtensohn, der am liebsten in der modischen altdeutschen Tracht der national gesinnten Burschenschafter herumlief: schwarzer enger Rock, weite Hosen, schräg gelegtes Barett über langen Haaren.

Dann schrie der Sohn seines Opfers, und Sand befiel das Gefühl, dem Kind ein Unrecht getan zu haben

Zwei Wochen später erreichte der Student sein Ziel, wo er unter falschem Namen in einem Gasthof abstieg und sich unauffällig nach dem Wohnhaus des erst kürzlich von Weimar nach Mannheim gezogenen Schriftstellers und russischen Staatsrats August von Kotzebue erkundigte.

Dieser, weltberühmt, der meistgespielte Dramatiker seiner Zeit - seine Stücke gingen auch in London, Paris und sogar Nordamerika über die Bretter -, hatte am Vormittag des 23. März 1819 keine Zeit, der Besucher wurde auf den Nachmittag vertröstet.

Carl Ludwig Sand, so der Name des Studenten, hatte mehrere Stunden Zeit, sich seinen Plan noch einmal zu überlegen. Er aß zu Mittag und plauderte bedächtig mit anderen Tischgästen. Gegen fünf erschien er wieder bei Kotzebues, wo gerade eine Damengesellschaft begann, und wurde vom Hausherrn im Wohnzimmer empfangen.

Die Bluttat gelang. Sands Dolch traf den Oberkiefer seines Opfers, wo er zunächst stecken blieb, sein Schwert drang zwischen Kotzebues Rippen und zersäbelte eine Arterie. Während der 58 Jahre alte Schriftsteller zusammenbrach, kam sein vierjähriger Sohn ins Zimmer.

Er glaubte zunächst an ein Ritterspiel seines Vaters mit dem Fremden. Dann schrie der Junge, und Sand befiel das Gefühl, dem Kind ein Unrecht getan zu haben. Er versuchte sich mit seinem Schwert zu töten, vergeblich, wenn auch blutig. Der Vierundzwanzigjährige überlebte und wurde in ein Spital verfrachtet, während Kotzebue noch am Tatort verstarb.

Man nennt diesen Mord das erste politische Attentat der deutschen Geschichte. Dass es politisch gemeint war, zeigte ein von Sand mitgebrachtes Manifest, das den Titel "Todesstoß dem August von Kotzebue" trug.

Dieser Text, den Sand nach Luthers Vorbild mit seinem Dolch an eine Kirchentür hatte heften wollen, seine letzten Briefe an die Eltern, Tagebuchaufzeichnungen und Verhörprotokolle der badischen Polizei zeigen das Bild einer radikalen moralischen Selbstermächtigung.

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Damals war das neu, bei den Obrigkeiten erregte es Entsetzen, und darum wurden Sands Selbstzeugnisse in Zeitungsberichten und langen Dokumentationen überall verbreitet. Seit dem späten 19. Jahrhundert hat sich die Welt an diese Textsorte gewöhnen müssen: kaum ein Attentat ohne Bekennerschreiben, ohne Manifest.

Sand sah sich als Vollstrecker einer Volksrache, die das Vaterland von einem Verräter und Beschmutzer befreien wollte. Seine Entschlossenheit hatte er in studentischen Zirkeln begründet, die sich "Unbedingte" nannten und die behaupteten, wenn ein Staat nicht strafen könne oder wolle und die "Existenz eines derart ratlosen Zustands anzunehmen sei, dass das Strafrecht des Einzelnen erwache, und diesem dann das Straf-Amt zustehe".

Das ist die auch heute noch vor allem bei Rechten geläufige Gedankenfigur von Ausnahmezustand und Selbsthelfertum. Bei dem protestantischen Theologen Sand verband sie sich mit der lutherischen Konzeption vom Priestertum aller Gläubigen: Jeder ist berufen zur reinigenden Tathandlung, und wenn niemand sonst es macht, dann gilt, was Sand verkündete: "Wer wird mir's glauben, dass den Tod ich leiden will, wenn ich's nicht wirklich zeige." Denn Deutschland könne sein wie Christus, wenn es erst frei, rein und selbstbestimmt sei.