Kosovo "Ein Friedensschluss kann gelingen"

Hashim Thaçi war Mitbegründer der paramilitärischen UÇK („Befreiungsarmee des Kosovo“) und von 2008 bis 2014 der erste Ministerpräsident der Republik Kosovo seit ihrer Unabhängigkeitserklärung. Seit 2016 ist er Präsident.

(Foto: Laura Hasani/Reuters)

Kosovos Präsident über den Konflikt mit Serbien und warum er bei der Bewältigung nicht allein auf die EU setzt.

Interview von Peter Münch

Hashim Thaçi, 50, hat einen langen Weg hinter sich vom Rebellenführer zum Staatspräsidenten. In den Neunzigerjahren zählte er im Schweizer Exil zu den Gründern der sogenannten Kosovo-Befreiungsarmee (UÇK), als Kämpfer trug er den Decknamen "die Schlange". Nach dem Krieg 1999 stieg der Sohn eines Bauern schnell zur bestimmenden politischen Figur in Kosovo auf. Als Premierminister unterzeichnete er 2008 die Unabhängigkeitserklärung. Goldgerahmt hängt eine Kopie in seinem Büro. Seit 2016 amtiert er als Präsident.

SZ: Können Sie sich noch erinnern, wo Sie am 24. März 1999 waren - als das Nato-Bombardement auf Serbien begann?

Hashim Thaçi: Ich war in den Bergen, an der Grenze zwischen Albanien und Kosovo. Wir sind an diesem Tag vorab von der Nato informiert worden, dass es losgeht.

Wie groß ist 20 Jahre später noch die Dankbarkeit dem Westen gegenüber?

Wir werden für immer dankbar sein. Ohne Militärintervention würde es heute keine Albaner mehr im Kosovo geben, das Bombardement hat die ethnische Säuberung gestoppt.

Wirklichen Frieden gibt es aber auch nach 20 Jahren noch nicht. Um einen Sitz bei den UN zu bekommen und die Chance auf eine Mitgliedschaft in der EU müssen Sie ein Abkommen erreichen, in dem Serbien Kosovo als unabhängigen Staat anerkennt. Kann das noch gelingen?

Es gibt dazu keine Alternative. Zwischen Serbien und Kosovo kann ein Friedensschluss genauso gelingen wie damals zwischen Deutschland und Frankreich. Der Status quo dagegen bedeutet in Wirklichkeit ständige Rückschritte, denn er destabilisiert die Region.

Haben Sie für Kompromisse mit den Serben genug Unterstützung zu Hause?

Mehr als 70 Prozent der Kosovaren unterstützen einen Dialog mit Belgrad.

Könnten Grenzveränderungen Teil eines Abkommens sein?

Wir streben ein umfassendes Abkommen an, das alle offenen Fragen zwischen Serbien und Kosovo endgültig klärt. Aber bislang liegt dazu nichts auf dem Tisch, es gibt keine Landkarten. Das Thema ist von den Medien übertrieben worden.

Aber es reden nicht nur die Medien darüber. Unterstützung dafür gibt es neuerdings auch aus Brüssel und Washington.

Ich habe darüber schon direkt mit Präsident Trump gesprochen. Seine Botschaft an beide Seiten ist eindeutig: Nutzt das Momentum, geht vorwärts und erlaubt es nicht, dass sich die Tragödien der Vergangenheit wiederholen.

Setzen Sie jetzt ganz auf die USA?

Aus der Vergangenheit wissen wir, dass die EU nie allein in der Lage war, die Dinge zu richten.

Gilt das auch heute noch?

Um ehrlich zu sein: Heute ist sie es noch weniger.

Sind Grenzkorrekturen auf dem Balkan nicht hochgefährlich?

Alle Balkan-Staaten haben offene Grenzfragen, von Slowenien und Kroatien bis hinunter nach Nordmazedonien. Erst im vorigen Jahr haben wir nach dreijährigem Drama einen Grenzstreit mit Montenegro geklärt. Aber man muss in diesen Fragen tatsächlich sehr vorsichtig sein.

Wie könnten solche Grenzkorrekturen zwischen Serbien und Kosovo aussehen?

Für uns ist klar, dass Kosovo in jedem Fall ein multi-ethnischer Staat bleibt, es wird keine Grenzen entlang ethnischer Linien geben.

Wie ist Ihr Verhältnis zum serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić? Schon im Krieg standen Sie beide an exponierter Stelle: Er als Informationsminister von Slobodan Milošević, Sie als UÇK-Führer. Heute treffen Sie ständig aufeinander und sind zum Verhandeln gezwungen.

Es ist eine schwierige Beziehung, aber es ist notwendig, einen Kanal für die Kommunikation offen zu halten. Denn es ist genau dieser Dialog, der viele hässliche Dinge verhindert, die zwischen unseren beiden Ländern hätten passieren können. Aber ich empfinde keinerlei Genuss dabei. Wir beide wissen, wo wir herkommen. Aber das ist kein Hindernis für uns, für den Frieden zu arbeiten.

Reden Sie über das, was vor 20 Jahren war?

Er hat verloren, ich habe gewonnen. Aber ich will die Diskussionen nicht mit der Vergangenheit belasten.

Es gibt aus den Kriegstagen noch Vorwürfe gegen Sie persönlich. Ein Untersuchungsbericht des Europarats wirft Ihnen eine Beteiligung an Morden und Organhandel vor. Inzwischen hat in Den Haag ein Sondertribunal die Arbeit aufgenommen, das Kriegsverbrechen der Kosovaren untersuchen soll. Fürchten Sie das Tribunal?

Diese monströsen Vorwürfe sind in Serbien konstruiert worden. Aber wenn man mich vorlädt, werde ich in Den Haag Stellung nehmen. Für uns ist es wichtig, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

Wie wichtig ist die Aufarbeitung der Vergangenheit?

Das ist wichtig, aber wir können nicht die Geiseln unserer Vergangenheit bleiben. Ich bin überzeugt, dass jetzt der richtige Moment für einen Friedensschluss ist.

Warum jetzt?

Zum ersten Mal haben wir in Serbien einen Partner, der bereit ist, sich mit uns an einen Tisch zu setzen und alle Fragen zu diskutieren, einschließlich der Anerkennung Kosovos. Und nach vielen Jahren der Vernachlässigung gibt es jetzt wieder große Aufmerksamkeit für uns auf Seiten der EU und der USA. Wenn wir das verpassen, laufen wir Gefahr, Jahrzehnte zu verlieren.

Es gibt Gerüchte, dass schon im Juni in Washington ein Abkommen unterzeichnet werden könnte?

Da ist nichts dran. Aber ich will alles dafür tun, dass ein solches Abkommen tatsächlich im Weißen Haus unterzeichnet werden kann.

Noch 2019?

Warum nicht.

Ihre Vision für Kosovo in 20 Jahren?

Mitglied von Nato und EU. Eine ganze Region, die nach europäischen Standards lebt. Mit offenen Grenzen. Dinge, über die wir heute streiten, erscheinen dann längst lächerlich.