Kosovo:Stolz auf die Unabhängigkeit - trotz großer Probleme

Um die Heimkehrer kümmern sich nur Hilfsorganisationen. Die haben es nicht leicht, in der maroden Infrastruktur Hilfe zu leisten. Während des Besuchs im ASB-Büro geht plötzlich das Licht aus. Für die Kosovaren sind Stromausfälle normal, immer liegt eine Taschenlampe bereit. Dazu müssen sich die Hilfsorganisationen mit einer ineffizienten und bestechlichen Regierung herumschlagen. Auf dem Korruptionsindex von Transparency International liegt der Kosovo auf Rang 111, nur Albanien und Weißrussland schneiden in Europa schlechter ab. Auch die EU-Mission Eulex konnte an diesen Zuständen in fünf Jahren kaum etwas ändern.

Der Sozialarbeiter Isen Bobaj von der Arbeiterwohlfahrt hat selbst viele Projekte im Kosovo betreut. Auf ein interkulturelles Jugendzentrum im angespannten Norden ist der Familienvater besonders stolz. Serben, Albaner, Roma spielten hier zusammen Fußball, schwärmt er in perfektem Deutsch. Die Jugendlichen sammelten auch Müll ein, im Grenzland zwischen Kosovo und Serbien. Ein Projekt mit Zukunft, sagt er und ergänzt: "Aus Mangel an finanzieller Unterstützung eingestellt." Bei vielen anderen Projekten lief es ähnlich. Der Familienvater plant nun ein Theater auf Stelzen für Jugendliche, inszeniert vom Münchner Regisseur Peter Pruchniewitz. Im Juli wollen sie Premiere feiern.

Isen Bobaj ist zugleich der Beweis, dass ein anderer Kosovo möglich ist. Mit seinem Minibus fährt er aus Prizren heraus, an der Kaserne der Bundeswehr vorbei, in einen Vorort. Vor einem dreistöckigen weißen Bau mit Balkon und großen Fenstern stoppt er. Das Haus seiner Familie, sagt er stolz. Seine Frau führt hier eine kleine Schneiderei, hinten im Garten arbeitet Bobajs Vater Shaban mit einem seiner Söhne.

Der schwarze Mercedes mit Böblinger Kennzeichen vor der Garage verrät, wie eng auch hier die Verbindungen nach Deutschland sind. Isen Bobajs Vater Shaban, heute 65, arbeitete jahrzehntelang bei Daimler Benz. Schon in den Achtziger Jahren demonstrierte er in Bonn für einen unabhängigen Kosovo. Isen folgte ihm 1994 nach und fing bei einem Maschinenbauer an. Sie verdienten gut. Als der Krieg 1999 vorbei war, kamen sie freiwillig zurück. "Ich wollte mein Land aufbauen", sagt Isen Bobaj.

Die Jugend träumt von Westeuropa

Das ganze Land hat er nicht geschafft, doch bei seiner Familie sieht es gut aus. Vier Generationen hat er in seinem Haus versammelt: Neben seinem Vater Shaban wohnt hier auch sein 90-jähriger Großvater, dazu kommen seine Frau, zwei Söhne und eine Tochter. Bis auf seine Kinder wurde jede Generation in irgendeiner Form von den Serben unterdrückt, durfte nicht arbeiten, wurde beschossen oder musste fliehen. Bis die Bundeswehr kam, bis Deutschland kam, bis die Unabhängigkeit kam.

Lange hatten sie dafür gekämpft: Isen Bobaj wurde in den achtziger Jahren von der Geheimpolizei Jugoslawiens verprügelt, als er für einen unabhängigen Kosovo demonstrierte. 1999 beschoss Serbiens Armee Verwandte, die sich im Wald versteckten. Jetzt sitzt die Familie gemeinsam auf dem Sofa. "Wir sind stolz auf das, was wir erreicht haben", sagt der Vater. Auch hier ist es ein Erfolg, der eng mit Deutschland verbunden ist. Den Kredit für das Haus gab eine deutsche Bank; seinen Job im Kosovo fand Isen bei einer deutschen Hilfsorganisation.

Sohn Arianit ist der erste, dessen Existenz im Kosovo politisch nicht gefährdet ist. Ihm bereitet eher die Wirtschaft Sorgen. Die meisten Jugendlichen sehen aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit keine Perspektiven. Laut einem Bericht von USAid ist die Arbeitslosenquote nach der Wirtschaftskrise auf 45 Prozent angestiegen - unter Jugendlichen liege sie bei 70 Prozent.

Die meisten Jugendlichen wollen nach London oder in eine andere westeuropäische Stadt, am besten irgendwo in Deutschland. Arianit hingegen will hier bleiben. Der 15-Jährige hat Pläne für eine Zukunft in seiner Heimat: "Ich möchte etwas mit Umweltschutz in Kosovo machen", sagt er. "Da werde ich gebraucht."

© Süddeutsche.de/mati/mikö/holz
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