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Korruptionsverdacht in Frankreich:Ein Kofferträger packt aus

Die Enthüllungen platzen mitten in den französischen Präsidentschaftswahlkampf: Ein ehemaliger Sarkozy-Berater behauptet, dass Frankreichs Spitzenpolitiker jahrelang Geldgeschenke aus Afrika erhalten haben sollen - er belastet insbesondere Sarkozys Erzfeind Villepin schwer. Handelt es sich um eine gezielte Kampagne?

Stefan Ulrich, Paris

Ein Kofferträger packt aus. Jahrzehntelang hätten die französischen Präsidenten heimlich große Mengen Geld von afrikanischen Potentaten bekommen, behauptet Robert Bourgi. Er selbst habe zwischen 1997 und 2005 kofferweise Bargeld im Gesamtwert von etwa 20 Millionen Euro an den damaligen Präsidenten Jacques Chirac und den früheren Außenminister Dominique de Villepin übergeben.

FRANCE-AFRICA-POLITICS-CORRUPTION

Der französische Anwalt Robert Bourgi erhebt schwere Vorwürfe gegen mehrere französische Spitzenpolitiker: Über Jahrzente sollen große Mengen an Bestechungsgeldern aus Afrika geflossen sein.

(Foto: AFP)

Die stille Hilfe sei von den Staatschefs Senegals, Burkina Fasos, Côte d'Ivoires, Kongos und Gabuns gekommen. Auch der frühere und heutige Außenminister Alain Juppé sei bedacht worden. Chirac und Villepin hätten zudem allerlei Geschenke bekommen, afrikanische Masken etwa oder eine mit 200 Diamanten besetzte Uhr.

Bourgi, der in mehreren Interviews diese schweren Vorwürfe erhebt, kennt sich aus in "Françafrique", jenem obskuren Interessengeflecht, das lange Zeit die Eliten im Mutterland Frankreich und in seinen unabhängig gewordenen Kolonien verband. Afrikanische Herrschende hatten Rohstoffe und Bargeld zu bieten; französische Politiker konnten sich mit diplomatischer und militärischer Hilfe revanchieren. Wenig wurde bislang aufgeklärt, so dass viel Belastungsmaterial im Verborgenen lauert, und sei es im Gedächtnis der Akteure.

Ehrenmann oder Wichtigtuer?

Der 66 Jahre alte Bourgi, ein französischer Anwalt libanesischer Abstammung mit besten Beziehungen in westafrikanische Herrscherhäuser, mischte bei alledem kräftig mit. Er diente Chirac und dann Villepin als Afrika-Berater. Später stellte er seine Dienste Nicolas Sarkozy zur Verfügung, der 2007 Präsident wurde. Bourgi sagt, Sarkozy habe ihn gebeten, für ihn zu arbeiten - "aber ohne das Finanzierungssystem über Koffer". Der heutige Präsident hätte demnach mit den heimlichen Praktiken seiner Vorgänger gebrochen.

Nun fragen sich alle, was Bourgi veranlasst haben mag, plötzlich auszupacken und Chirac und Villepin zu belasten. Der Franco-Libanese selbst sagt: "Mein Gewissen befahl mir, diese Praktiken anzuzeigen." Er schäme sich für die Vergangenheit. "Ich wünsche mir für meine Kinder und Enkel ein sauberes Frankreich und vor allem gesunde Beziehungen zu Afrika."

Ein Ehrenmann also, jedenfalls heute? Nicht alle glauben das. Gegner bezeichnen Bourgi als Wichtigtuer, der sich wieder ins Spiel bringen wolle, nachdem er bei Sarkozy nicht mehr viel zu melden habe. Andere vermuten, der Präsident oder seine Berater hätten Bourgi losgeschickt, um Rivalen im konservativen Lager zu diskreditieren - allen voran Sarkozys Erzfeind Villepin.

Der Ex-Premier muss sich gerade in der Clearstream-Affäre dagegen verteidigen, Sarkozy verleumdet zu haben. In Paris wird erwartet, dass Villepin am Mittwoch in zweiter Instanz freigesprochen wird. Danach könnte er gegen Sarkozy bei der Präsidentschaftswahl 2012 antreten - wenn ihn nicht nun die Afrika-Affäre ausbremst.

Freunde Villepins wie der Abgeordnete Jean-Pierre Grand suggerieren, die Behauptungen Bourgis seien vom Präsidentenpalast orchestriert. Sarkozy hasse Villepin und wolle ihn ausschalten. Villepin und Chirac haben angekündigt, Bourgi wegen Verleumdung zu verklagen.

Noch eine Theorie

Die auf Enthüllungen spezialisierte Online-Zeitung Mediapart hat eine weitere Theorie entwickelt. Danach steckt Sarkozy wegen einer Fülle von anderen politisch-finanziellen Affären in Schwierigkeiten, unter anderem wegen möglicher Geldgeschenke durch die reichste Frau Frankreichs, Liliane Bettencourt. Im Präsidentschaftswahlkampf müsse er etliche Enthüllungen fürchten.

Die Geschichten über afrikanische Geldzahlungen dienten da als "Gegenfeuer", das Verwirrung stifte und die Aufmerksamkeit auf andere Akteure wie Chirac und Villepin lenke. Aus Kreisen der regierenden Gaullisten und der oppositionellen Sozialisten wird nun gefordert, die Justiz oder ein Untersuchungsausschuss sollten die Behauptungen Bourgis aufklären.

Der Anwalt selbst räumt ein, keine Beweise zu haben, da die Geldgeschenke aus Afrika natürlich nicht verbucht worden seien. Er erklärte sich jedoch bereit, vor der Justiz auszusagen. Der Sozialist Manuel Valls fordert, die Franzosen müssten die Wahrheit erfahren über "diese sehr besondere, sehr ekelhafte Beziehung zwischen Frankreich und seinen früheren Kolonien". Das dürfte ein frommer Wunsch bleiben.

© SZ vom 13.09.2011/bero/hai
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