Korruption in Rumänien:Mateis Perspektiven werden kaum unter der Haft leiden

"Es warteten dort mehr Menschen auf mich als an dem Tag, an dem ich die Wahlen gewann", erinnert er sich. Matei hat seine Amtsgeschäfte wieder aufgenommen. Der Strafprozess gegen ihn geht indes weiter. Ein Urteil wird innerhalb des nächsten Jahres erwartet. Im Falle eines Schuldspruchs könnte er zu einer Haftstrafe zwischen sechs Monaten und fünf Jahren verurteilt werden. Sein Stellvertreter würde während seiner Abwesenheit für ihn einspringen und die Anweisungen seines Chefs ausführen, so wie er es auch tat, als Matei jüngst hinter Gittern saß.

Ob er nun verurteilt wird oder nicht, Mateis langfristige Perspektiven werden wohl kaum darunter leiden. Er ist in Navodari nach wie vor äußerst beliebt und hat keine glaubwürdigen Gegner. Bei seiner Wiederwahl 2012 konnte er 70 Prozent der Stimmen für sich verbuchen. Er hat nahezu völlige Kontrolle über die Stadt. Der Gemeinderat besteht aus Vertretern von vier Parteien, die zwischen Januar und Anfang September 2013 - in diese Zeit fiel auch Mateis Inhaftierung - über 114 Beschlüsse abgestimmt haben. Alle Maßnahmen wurden einstimmig angenommen.

"Ich habe niemals betrogen"

Matei ist ein kleiner, hastig gestikulierender Mann. In seinem Büro zündet er eine Kerze an und bekreuzigt sich mehrmals, bevor er es sich auf der Couch bequem macht. Im Gespräch ist er weniger zurückhaltend als viele Politiker und weist stolz auf seine Autorität hin. "Glauben Sie nur nicht, dass ich nachsichtig bin", sagt er. "Gestern habe ich fünf Abteilungsleiter ihres Amtes enthoben." Er bringt seine Geringschätzung für das rumänische Justizsystem und die offenkundige Scheinheiligkeit der EU-Politik zum Ausdruck. "Glauben Sie, die Westländer hätten keine Fehler gemacht? Wie, glauben Sie, haben die sich entwickelt?", fragt er.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989 begann Matei als Unternehmer mit dem Import von Waren aus der Türkei. Er baute sein Geschäftsimperium aus einem Lagerhaus für verschiedenste Waren auf, von Jeans bis hin zu Industriebauteilen. "Ich habe niemals irgendwen betrogen und niemand hat Matei betrogen", lacht er. "Und ich habe Geld verdient."

KÄSTCHEN 1

Genug Geld, so sagt er, um es mit der Gemeinde zu teilen. "Es ist wirklich dumm zu behaupten, alle Geschäftsleute seien Diebe", argumentiert er und bezieht sich damit auf die Antikorruptionskampagnen in Rumänien. Dann erläutert er seine Version der Trickle-down-Theorie und beschreibt, wie sein Vermögen die lokale Wirtschaft reich machte. "Fahre ich zwei Autos? Esse ich für zwei? Trage ich zwei Anzüge? Nein, nur einen", meint er. "Einige meiner Angestellten sind besser angezogen als ich. Sie machen auch öfter Urlaub als ich."

Navodari war ein kleines Fischerdorf, als der kommunistische Diktator Nicolae Ceausescu mit der Industrialisierung der Schwarzmeerküste begann. Wirtschaftlicher Dreh- und Angelpunkt der beinahe 40.000 Einwohner zählenden Stadt ist heute eine nahegelegene Ölraffinerie. Die Spuren von Mateis Amtszeit sind an den öffentlichen Plätzen von Navodari am sichtbarsten. Goldgefärbte Meerjungfrauen zieren eine Hauptstraße. Säulen im pseudoklassischen Stil wurden in Sichtweite von grauen kommunistischen Wohnblöcken errichtet.

Straßenkehrer fegen zwischen Kunstbäumen aus Metall und Plastik. Auf ihren T-Shirts ist Mateis Name zu lesen. Bunt beleuchtete Brunnen und Plätze beherbergen eine Vielzahl von Tierfiguren - wasserspeiende Delfine, balzende Pfaue, stämmige Elefanten. Diese Menagerie aus Metall und Stein wird von den allgegenwärtigen, in Stein gehauenen Löwen überwacht, Symbole der Macht von Matei. Sogar das Gästehaus der Stadtverwaltung verfügt über seine eigene Sammlung von Miniaturlöwen, die zwischen Heiligenbildern und Telefonbüchern stehen.

Nächstenliebe und Selbstdarstellung

Lachend gibt der Bürgermeister zu, ein Faible für den König der Tiere zu haben. Da ihm Skulpturen allein nicht genügten, erwarb er zwei echte Löwen aus einem privaten Zoo. Die Tiere sind in einem großen Käfig auf seinem Anwesen untergebracht. Ihr Gebrüll ist in der gesamten Nachbarschaft zu hören.

Mateis Popularität stützt sich auf weit mehr als seine Arbeit für die Bürger und seine schillernde Persönlichkeit. Er ist einer der wohlhabendsten Geschäftsmänner der Stadt und Sponsor der örtlichen Fußballmannschaft. Seiner Nächstenliebe haftet eine Spur Selbstdarstellung an. Im Laufe der vergangenen zwei Jahre hat er sein Budget dazu verwendet, die Stromrechnung von etwa 6000 Haushalten zu subventionieren. Das Geld wird jeden Monat in einem Preisausschreiben verlost.

Zu Weihnachten und zu Ostern erhalten Tausende bedürftige Familien ein Paket, bestehend aus einem Huhn, einigen Eiern und Sonnenblumenöl - auch das wird aus dem Budget des Bürgermeisters bezahlt. Vergangenes Jahr hat Matei die öffentlichen Zuschüsse für Gottesdienste mehr als verdoppelt. Er ist beim Kirchenvolk beliebt und wurde vom orthodoxen Klerus öffentlich gelobt. Auch die lokale Fernseh- und Radiostation, die im Besitz einer unter seinem Namen eingetragenen Firma ist, ist ihm wohlgesonnen.

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