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Korruption in Italien:Saubermann mit schmutzigen Händen

  • Die italienische Polizei hat Roberto Helg, den Verbandspräsidenten von Palermos Handelskammer festgenommen, als dieser gerade 100 000 Euro als Bestechung annahm.
  • Ein Konditor hatte die Carabinieri auf die illegalen Machenschaften aufmerksam gemacht und geholfen, Helg eine Falle zu stellen.
  • Helg galt als Schlüsselfigur der Anti-Mafia-Bewegung. Seine Festnahme befeuert die Diskussion, ob diese mittlerweile nur noch Fassade ist.

Von Oliver Meiler, Rom

Der Briefumschlag mit dem Bargeld lag noch auf dem Schreibtisch, der Scheck steckte schon in der Jackentasche. Als die Carabinieri Roberto Helg stellten, in flagranti in dessen Büro in Palermos Handelskammer, stritt der 78-jährige Verbandspräsident zunächst alles ab.

Der Umschlag? Keine Ahnung, was da drin sei. Und der Scheck in der Sakkotasche? "Ich hielt ihn für einen Notizzettel", sagte Helg, "ich habe ihn versehentlich eingesteckt." Es waren die letzten Ausflüchte vor dem Sturz des vermeintlichen Helden, dieses Paladins der Legalität auf der "Insel der Paradoxe", wie man Sizilien zuweilen nennt.

Ein größeres Paradox als Roberto Helg kann man sich dort kaum vorstellen. Der gefeierte Kämpfer gegen Korruption und Mafia ließ sich mit 100 000 Euro schmieren, etwa so, wie es sonst Cosa Nostra tut, wenn sie den "pizzo" eintreibt, das Schutzgeld. Nun sitzt Helg im Gefängnis. Und die Italiener fragen sich, was die Anti-Mafia-Bewegung noch wert sei?

Mit Hilfe eines Konditors stellten die Ermittler Helg eine Falle

Helg führte offensichtlich ein Doppelleben. Entlarvt wurde er von einem Opfer, dem Konditor Santi Palazzolo. Palazzolo hatte sich Monate lang erfolglos darum bemüht, die Mietlizenz für seinen Laden im Flughafen von Palermo zu verlängern. Helg, ein Mann vieler Ämter und Ehrentitel, der aus Palermos besserer Gesellschaft stammt, war unter anderem Vizepräsident der Verwaltungsgesellschaft des Flughafens Punta Raisi. Als das Drängen des Konditors immer stärker wurde, schickte man ihn zu Helg, der regle solche Dinge, hieß es.

Palazzolo erzählt, Helg habe ihn beim ersten Treffen in der Handelskammer gleich mit Gesten angewiesen, das Handy auszuschalten und auf den Tisch zu legen. Dann habe er ihn in einen anderen Raum geführt, um ihm dort die Bedingungen für eine Fortführung des Vertrags zuzuflüstern. Er habe zu ihm gesagt: "100 000, oder du bist draußen. Er sagte gar, mein Leben als Unternehmer würde sonst schnell enden." Er sei verzweifelt und verängstigt gewesen: "Helg war ein Symbol. Wie konnte ich gegen ihn bestehen?"

Im Schutz der Gasse: Süditaliens Großstädte ächzen weiter unter dem organisierten Verbrechen.

(Foto: Herman Wouters/laif)

Doch Palazzolo fasste Mut. Beim vorletzten Treffen nahm er das Gespräch mit Helg auf: 47 Minuten Beweismaterial. Er ging damit zur Polizei. Und so beschloss man, Helg eine Falle zu stellen. Palazzolo machte einen Termin aus für die Geldübergabe: 30 000 Euro bar, 70 000 als Scheck. Als Helg den Scheck entgegennahm, traten die Carabinieri ins Büro. Nachdem man ihm das aufgenommene Gespräch abgespielt hatte, gestand Helg unter Tränen. Er habe das Geld dringend gebraucht, alles habe er verloren.

Wurde die Anti-Mafia-Bewegung als Scheinbühne missbraucht?

Bis 2012 betrieb die Familie eine Kette von Geschenkeläden in der Stadt, die aber alle eingingen. Unlängst habe man auch noch seine Wohnung gepfändet. Palermos Staatsanwaltschaft weitete die Ermittlungen umgehend aus. Sie will herausfinden, ob es sich bei Helg um einen spektakulären Einzelfall handelt - oder doch eher um ein System.

Noch schwerer als die juristischen Folgen wiegen in diesem Fall die moralischen und politischen. In Italien wird nun darüber debattiert, ob die Anti-Mafia-Bewegung, die 1992 nach den Mordanschlägen gegen die Richter Paolo Borsellino und Giovanni Falcone aufkam und zunächst spontan wuchs, mittlerweile von einigen ihrer öffentlichen Figuren als Scheinbühne missbraucht wird.

Rita Borsellino, eine Schwester des ermordeten Richters, sagt in einem Gespräch mit der Zeitung La Repubblica: "Seien wir ehrlich: Es gibt Leute, die im Schatten der Anti-Mafia-Fahne ihre eigenen Interessen verfolgen." Mit dem sichtbaren Teil der Bewegung wolle sie deshalb nichts mehr zu tun haben, so bitter das auch sei: "Ich habe mich zurückgezogen. Ich gehe nur noch in die Schulen, arbeite mit den Kindern. Die misstrauen der Politik und den Institutionen, und zwar völlig zu Recht. Leider müssen wir ihnen sagen, dass die einzigen wirklichen Vorbilder jene sind, die nicht mehr da sind."

Italy, Palermo: Arrested Roberto Helg, the president of the city's Chamber of Commerce in connection with an alleged bribe of 100,000 euros

Roberto Helg fehlte auf keinem Anti-Mafia-Kongress. Nun wurde er mit Geld erwischt, das er für Gefälligkeiten kassiert haben soll.

(Foto: Cesareo/Fotogramma/ROPI)

Zu Wort meldete sich auch Pina Grassi, die Witwe von Libero Grassi, den die Mafia 1992 umbrachte, weil er sich geweigert hatte, den "pizzo" zu entrichten. Sie sagt: "Viele von uns sind auf diesen Helg hereingefallen. Auf seinem Schreibtisch stand ein Foto von Libero - gleich neben dem Umschlag mit den 30 000 Euro."

Auch gegen den Präsidenten des Industrieellenverbands läuft ein Verfahren

Helg ist nicht der einzige gefallene Held. Unlängst eröffnete die Justiz ein Verfahren gegen den Präsidenten des sizilianischen Industriellenverbands, Antonello Montante. Gleich fünf Kronzeugen der Cosa Nostra erzählen, Montante habe Kontakte zur Mafia. Noch sind das erst Anschuldigungen. Doch wie Helg galt auch Montante als musterhafter Vertreter der Rechtschaffenheit, als Hoffnungsträger im Kampf gegen das organisierte Verbrechen.

Beide fehlten bei keinem Kongress gegen die Mafia, bei keiner Initiative gegen den "pizzo", bei keiner Veranstaltung zu Ehren von Opfern der Cosa Nostra. Wenn Helg von Korruption sprach, nannte er sie eine "tristezza", ein trauriges Phänomen. Er war es auch, der in der Handelskammer einen Schalter für Gewerbeleute einrichtete, die mit Schutzgeldforderungen konfrontiert waren und wahren Schutz suchten. Am vermeintlich richtigen, rechtschaffenen Ort.

© SZ vom 05.03.2015/sks
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