Koreakonflikt Kim Jong-un kommt aus der Deckung

Erstmals seit zwei Jahren reden die Regierungen aus Seoul und Pjöngjang wieder miteinander. Nordkoreas Diktator gibt sich dabei selbstbewusst - und verfolgt damit mehrere Ziele.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Die nordkoreanische Delegation verhandelt an diesem Dienstag erstmals seit zwei Jahren mit Südkorea in Panmunjom, dort wurde 1953 der Waffenstillstand geschlossen. Der 36-jährige Diktator Kim Jong-un hat sie instruiert, mit den Behörden des Südens prompt substantielle Maßnahmen für "ernsthafte und ehrliche" Verhandlungen "zu einem ersten Schritt für bessere Beziehungen" einzuleiten. Dabei nannte er Südkoreas Präsidenten Moon Jae-in beim Namen. Beides war bei früheren Verhandlungen meist anders: Irgendein nordkoreanisches Amt sprach mit Seoul, der Diktator hielt sich bedeckt, obwohl er die Gespräche angeordnet hatte. Im Falle eines Scheiterns hatte er damit dann nichts zu tun - doch diesmal handelt die Delegation offiziell in dessen Auftrag. Dass das Regime in Pjöngjang den Präsidenten Südkoreas außerdem höflich und direkt anspricht, hat es seit Jahren nicht gegeben.

Wenn Kim selbstbewusst die Verantwortung übernimmt und seine Delegation hochrangig besetzt, zeigt er nicht nur, dass es ihm um mehr geht als um Nordkoreas Teilnahme bei den Olympischen Winterspielen, sondern auch, wie sicher er sich seiner Sache zu sein glaubt. Im Westen deutet man das gerne außenpolitisch: Kim hat, auch wenn das kaum jemand offen sagen will, sein Land bis auf Weiteres als De-facto-Atommacht etabliert. Damit wolle er die USA abschrecken, heißt es, von denen man in Pjöngjang glaube, die nukleare Abrüstung sei bloß ein Vorwand, das Regime zu Fall zu bringen.

Korea Verhandler in Kims Namen
Gespräche zwischen Nord- und Südkorea

Verhandler in Kims Namen

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In Nordkorea hat allerdings die innere Stabilität der Diktatur Priorität. Kim wird, wie schon sein Vater und Großvater, sein Land nur so weit öffnen, dass er seine Kontrolle über das Land nicht gefährdet. Und Gespräche, die er auch nach innen mit großer Geste ankündigt, sind bereits das Versprechen von etwas Öffnung. Was immer er bezweckt - womöglich auch, einen Keil zwischen die USA und Südkorea zu treiben - er zeigt damit, dass er glaubt, er habe sein Land im Griff. Und dies, obwohl Nordkoreas Gesellschaft sich wandelt.

Einerseits stützt sich Kim auf seine sogenannte "Byungjin-Linie". Darunter versteht er die parallele Entwicklung von Atomwaffen und eine Liberalisierung der Wirtschaft. Bauern dürfen nun auf eigene Rechnung produzieren. Die Versorgung der Bevölkerung, bis zur Hungersnot 1995 ganz in staatlichen Händen, geschieht heute über die Jangmadang, wie die inzwischen mehr oder weniger offiziellen freien Märkte genannt werden. Damit hat sich die wirtschaftliche Situation vor allem für die Elite in den Städten verbessert, auf die Kim angewiesen ist. Byungjin sichert Kim einen gewissen Rückhalt, zumal die Raketen ihn auch nach innen stark erscheinen lassen.

Nordkoreas Regime stützt sich auf eine beispiellose Repression

Andrerseits stützt er sich weiter auf eine beispiellose Repression. Nordkorea ist eine Kasten-Gesellschaft. Unter dem Begriff "Songbun" unterscheidet man zwischen einer linientreuen "Kernklasse" von revolutionären Familien, einer "schwankenden Klasse" und einer Regime-feindlichen Klasse; zur Letzteren gehören Christen, frühere Grundbesitzer, Händler, Rechtsanwälte, oder eher ihre Nachfahren. Eine Karriere kann nur machen, wer aus der Kernklasse stammt, soziale Mobilität nach oben gab es bisher kaum. Zusammen mit dem allgegenwärtigen Spitzelapparat sicherte diese Undurchlässigkeit dem Regime die Stabilität. Dazu stützte und stützt es sich auf Repression und Angst, die Kim brutaler als sein Vater mit öffentlichen Hinrichtungen und Sippenhaft schürt.

Die sogenannte Jangmadang-Generation, die jungen Erwachsenen, die mit den freien Märkten aufgewachsen sind, durchdringt diese Klassengrenzen eher. Das gefährdet die Stabilität der Diktatur. Diese Jungen sind, wie Jieun Baek von der Uni Oxford in ihrem Buch "North Korea's Hidden Revolution" schreibt, "kapitalistisch, individualistisch und eher gewillt, etwas zu riskieren." Sie leben in zwei parallelen Realitäten und sind fast alle vertraut mit in den Norden geschmuggelten südkoreanischen Medien. Sie verfügen über Mobiltelefone und Geräte, auf denen sie USB-Speicher abspielen können.

Allerdings nutzt das Regime diese Elektronik zur Überwachung. Jedes Gerät in Nordkorea registriert sich auf jedem USB-Stick. Kommt dieser in die Hände der Polizei, dann kann sie zurückverfolgen, wer den Stick auch benutzt hat. Wie es scheint, stützt sich Kim bereits auf diese digitale Repression.

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