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Korea:Nur die Schuhe ließ er zurück

Südkoreas Präsident Moon Jae-in will Frieden mit Nordkorea.

(Foto: AFP)

Nordkoreanische Soldaten sollen einen südkoreanischen Beamten getötet haben. Die Nachricht ist ein schwerer Rückschlag für die Friedensbemühungen der Regierung in Seoul.

Von Thomas Hahn, Tokio

Der Donnerstag war ein schwarzer Tag für die Friedensbemühungen der südkoreanischen Regierung. Das Verteidigungsministerium in Seoul gab Geheimdienstinformationen bekannt, nach denen nordkoreanische Soldaten einen südkoreanischen Beamten erschossen und verbrannt haben sollen. Diese Nachricht ging über die Anfeindungen hinaus, welche das kommunistische Regime in Pjöngjang im Laufe des Jahres immer wieder inszeniert hatte.

Die Regierung des liberalen Präsidenten Moon Jae-in, sonst eher versöhnlich gestimmt, verschärfte den Ton. Von "Brutalität" und einem "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" war die Rede. Suh Choo-suk, Vize-Direktor für Nationale Sicherheit, sagte, die Moon-Regierung werde "mit Härte auf nordkoreanische Akte antworten, die das Leben und die Sicherheit unserer Bürger bedrohen". Am Abend meldete sich auch Moon selbst aus seinem Amtssitz, dem Blauen Haus: Der Vorfall sei "schockierend" und nicht hinzunehmen, zitierte ihn ein Sprecher.

Moon Jae-in hat zuletzt wieder deutlich gemacht, wie sehr er den Frieden zwischen Nord- und Südkorea will, den es mangels Friedensvertrag seit dem Ende des Koreakriegs 1953 offiziell noch nicht gibt. Vor wenigen Tagen erst jährte sich zum zweiten Mal der Jahrestag jenes Abkommens zum gegenseitigen Einvernehmen, das Moon mit dem nordkoreanischen Staatschef Kim Jong-un im September 2018 abgeschlossen hatte. "Seither gab es keine einzige bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Süd und Nord", lobte Moon. Und in einer Rede vor den Vereinten Nationen setzte er sich am Mittwoch für internationale Bemühungen um den Frieden auf der koreanischen Halbinsel ein. Die Nachricht vom gewaltsamen Tod eines südkoreanischen Beamten in nordkoreanischen Gewässern nahe der sogenannten Nördlichen Grenzlinie war deshalb nicht nur eine menschliche Tragödie. Sie bedeutete den nächsten Rückschlag für Moon Jae-in Kampf um innerkoreanische Versöhnung.

Der Mann habe keinen Grund gehabt, nach Nordkorea überzulaufen

Die nordkoreanische Regierung sagte bis zum Abend nichts zu dem Vorfall. Alle Informationen stammten zunächst von südkoreanischen Behörden. Bei dem Toten soll es sich demnach um einen 47-jährigen Familienvater handeln, der am Ministerium für Meer und Fischerei arbeitete. Er soll am Montag an Bord eines Inspektionsschiffes gewesen zu sein, das nahe der Grenzinsel Yeonpyeong unterwegs war. Irgendwann soll er mit einer Schwimmweste verschwunden sein. Nur seine Schuhe ließ er zurück. Ein Vertreter des Vereinigten Generalstabs (JCS) sagte, mit "hoher Wahrscheinlichkeit" habe der Mann in den Norden fliehen wollen.

Ob das stimmt, ist nicht klar. Die Nachrichtenagentur Yonhap zitierte eine mit dem Opfer verwandte Person, wonach der Mann keinen Grund gehabt habe, in den Norden überzulaufen. Aber dass er zwischenzeitlich vermisst wurde, ist Tatsache. Am Dienstag gegen halb vier Uhr bekamen Südkoreas Streitkräfte Geheimdienstinformationen, die darauf schließen lassen, dass der Mann nahe dem Kap von Tungsan geortet worden sei. Wenig später habe er wohl Kontakt mit nordkoreanischen Soldaten gehabt. Gegen 21:40 Uhr sollen die Soldaten den Mann erschossen haben. Laut JCS sollen sie Schutzanzüge und Gasmasken getragen haben, als sie seinen Körper mit Benzin übergossen und anzündeten. Südkoreas Behörden glauben, dass dieses drastische Vorgehen zu Nordkoreas Abwehrstrategie gegen das Coronavirus gehört. "Die Erschießung und die Verbrennung folgten einer Order von Vorgesetzen", erklärte ein JCS-Vertreter.

Warum ein südkoreanisches Schiff dem Mann nicht gleich zu Hilfe kam? Ein Regierungsvertreter erklärte im Informationsportal NK News, aus rechtlichen Gründen habe man nicht einfach in nordkoreanisches Gewässer vordringen können. Das Militär sei davon ausgegangen, die Nordkoreaner würden den Mann retten. "Wir hatten nicht erwartet, dass sie so weit gehen würden." Nach südkoreanischen Angaben war bis dahin noch nie ein Südkoreaner an der Nördlichen Grenzlinie erschossen worden.

© SZ vom 25.09.2020

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