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Korea:Eine Hoffnung geht in Rauch auf

Das Regime im Norden lässt das Gebäude sprengen, in dem die Verbindungen mit dem Süden vorangebracht werden sollten.

Von Thomas Hahn, Tokio

North Korean Threatens To Send Military Into The DMZ

Drastische Sprache: Das Symbol der Annäherung beider Koreas in Gaesong ist zerstört.

(Foto: South Korean Defense Ministry/Getty)

Gegen zehn vor drei Uhr ließ Nordkoreas Regierung das Liaison-Büro für den zwischen-koreanischen Austausch in der Grenzstadt Gaesong am Dienstagnachmittag sprengen. Bald darauf kursierte in Medien das Bild der mächtigen Qualmsäule, die über dem nordkoreanischen Standort des Büros aufstieg. Es war symbolisch: Die Hoffnung auf eine anhaltende Entspannung zwischen Nord- und Südkorea ging in dichtem Rauch auf. Nordkoreas staatliche Nachrichtenagentur KCNA bejubelte eine "sagenhafte Explosion" und berichtete, die zuständige Fachbehörde des kommunistischen Regimes habe "die Maßnahme der vollständigen Zerstörung des Nord-Süd-Verbindungsbüros in der Industrie-Zone von Gaesong in die Tat umgesetzt".

In Seoul tagte Südkoreas Präsident Moon Jae-in mit den höchsten Sicherheitsbeamten. Das Blaue Haus, Moons Amtssitz, erklärte: "Die Regierung macht klar, dass die Verantwortung für alles, das folgt, ganz aufseiten des Nordens liegt."

Es scheint, als habe der Vorgang die USA auf den Plan gerufen. Ihr Außenminister Mike Pompeo sollte am Dienstag mit dem für Korea zuständigen Diplomaten Stephen Biegun nach Hawaii reisen. Damit vertraute Personen sagten, geplant sei ein Treffen mit einer Delegation Chinas, auch um über Nordkorea zu sprechen.

Dieser Dienstag war ein trauriger Tag für alle, die einmal dachten, dass die ergiebigen Verhandlungen zwischen Moon Jae-in und Nordkoreas Staatschef Kim Jong-un eine neue Phase im Verhältnis der beiden Koreas einleiten könnten. Das Liaison-Büro war ein Symbol für diesen Optimismus. Es gehörte zu den Vereinbarungen, die Moon und Kim in der Panmunjeom-Erklärung vom 27. April 2018 trafen. Im September darauf wurde es eröffnet. Inter-koreanische Projekte sollten dort entstehen. Es war als Ort für Arbeitsgespräche von Nord und Süd vorgesehen, als kleine Festung der Annäherung. Südkorea investierte umgerechnet 7,1 Millionen Euro in die Modernisierung des Gebäudes.

An seiner Glasfassade war eine Tafel angebracht, auf ihr der Grundriss des vereinigten Korea - kein kleines Zeichen zweier Bruderstaaten, für die der Korea-Krieg offiziell nicht beendet ist, weil 1953 nach Ende der Kämpfe kein Friedensvertrag zustande kam. Seit Januar war das Gebäude wegen Corona geschlossen, bei der Explosion war es leer. Nordkoreas Regime wollte niemanden töten, sondern ein unübersehbares Zeichen seiner Unzufriedenheit mit dem Fortgang der Beziehungen setzen.

Die drückt Nordkorea seit zwei Wochen fast täglich aus. Grund ist offiziell, dass Südkorea einer Vereinbarung der Panmunjeom-Erklärung nicht nachkommt: Es ging aus Pjöngjangs Sicht nicht streng genug gegen Überläufer vor, die an der Grenze Ballons mit regimekritischen Texten steigen lassen. Die Serie feindlicher Ansprachen begann mit der Drohung, praktisch alle Vereinbarungen aufzukündigen. Kim Yo-jong, Schwester und Propaganda-Beauftragte von Staatschef Kim Jong-un, trug die Warnungen vor. Vergangene Woche boykottierten Nordkoreas Behörden die diplomatischen und militärischen Telefonverbindungen mit dem Süden.

Am Wochenende meldete sich Kim Yo-jong in der Zeitung Rodong Sinmun, dem viel gelesenen Zentralorgan der Arbeiterpartei. Sie nannte Südkorea "Feind" und warnte vor einer militärischen Aktion. Die Zerstörung des Liaison-Büros nahm sie da vorweg mit dem Satz: "In Kürze wird eine tragische Szene vom völlig zusammengebrochenen Süd-Nord-Verbindungsbüro zu sehen sein." Nun zeigt das Regime, dass es seine Drohungen wahr macht.

In Wahrheit geht es wohl nicht nur um Aktivisten, deren Ballons den Norden oft gar nicht erreichen. Kim Jong-un hatte offenbar mehr von der Entspannung des binnenkoreanischen Verhältnisses erwartet als fromme Aussöhnungsprojekte. Seit 2018 hatte er zwar viel beachtete Treffen mit US-Präsident Donald Trump. Aber weil er seine Atomwaffen nicht hergeben will, belasten internationale Sanktionen weiter die marode Wirtschaft des Landes.

"Nordkorea braucht Geld", sagt Andrei Lankov, Direktor der unabhängigen Forschungsfirma Korea Risk Group, "sie haben wirtschaftliche und finanzielle Hilfe erwartet - genau das, was die Südkoreaner ihnen nicht geben wollten." Also macht Nordkorea Druck, auf seine Weise. Lankov erwartet weitere Zerstörungen südkoreanischen Besitzes auf Nordkoreas Grund. Er glaubt, die Touristenzone am Berg Kumgang sei in Gefahr.

© SZ vom 17.06.2020

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