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Korea:Der Vermittler

Südkoreas Präsident hat Pjöngjang Zugeständnisse abgerungen. So kann er die ins Stocken geratene Annäherung zwischen dem Norden und den USA wieder in Schwung bringen.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Jubeln für den bisherigen Feind: Als die Staatschefs von Nord- und Südkorea durch Pjöngjang fuhren, waren die Straßen von begeisterten Menschen gesäumt.

(Foto: AFP)

An seine Politik der Annäherung an den kommunistischen Norden haben nicht unbedingt alle geglaubt in Südkorea - doch mittlerweile kann Präsident Moon Jae-in darauf verweisen, mit vielen kleinen Schritten ein gutes Wegstück zurückgelegt zu haben: Nordkorea hat sich bereit erklärt, seinen Atomkomplex Yongbyon, die Testanlage für Raketenmotoren in Dongchang-ri und die Startrampen abzubauen - und internationale Experten dazu als Zeugen einzuladen. Dieses Versprechen gab Machthaber Kim Jong-un beim innerkoreanischen Gipfel am Mittwoch in Pjöngjang. Kim knüpfte das Versprechen allerdings an eine Bedingung: Washington muss Nordkorea auch entgegenkommen. US-Außenminister Mike Pompeo teilte dnann noch am selben Tag mit, er habe seinen nordkoreanischen Kollegen Ri Yong-ho zu einem Treffen am Rande der UN-Vollversammlung nächste Woche in New York eingeladen. Zugleich erklärte er, die USA erwarteten eine vollständige Denuklearisierung Nordkoreas bis Januar 2021. Das ist der Zeitpunkt, zu dem die jetzige Amtszeit von Präsident Donald Trump endet.

Seoul sieht im Norden einen instabilen Nachbarn - und einen verarmten Verwandten

Die Entspannung zwischen den USA und Nordkorea war ins Stocken geraten, weil Washington dem Land vorwarf, es halte sich nicht an die in Singapur gemachten Abrüstungsversprechen. Auf der anderen Seite beklagte sich Nordkorea über Washingtons starre Haltung, das an den scharfen Sanktionen festhält.

"Mir kommen Trump und Kim wie zwei Tennisspieler vor, deren Ball im Netz steckengeblieben ist", sagt Kim Jong-hyung, ein Mitarbeiter des südkoreanischen Sicherheitsrats. "Beide möchten weiterspielen, aber beide sind zu stolz, zum Netz zu laufen, um den Ball zu holen." Moons Aufgabe sei es nun, den Ball ins Spiel zurückzubringen. Er sieht sich als Vermittler zwischen den USA und Nordkorea.

Während die USA in Nordkorea fast nur eine atomare Bedrohung sehen, hätte die Nuklearfrage an sich für Seoul keine oberste Priorität. Doch Washington macht seine Zustimmung zur wirtschaftlichen Öffnung Südkoreas gegenüber dem Norden von deren Lösung abhängig. Südkorea sieht im Norden einen potenziell instabilen Nachbarn und einen verarmten Verwandten, mit dem es Geschichte und Kultur teilt.

Für Seoul sind die weiteren in Pjöngjang unterzeichneten Vereinbarungen deshalb wichtiger: Die Verteidigungsminister vereinbarten, ein gemeinsames Militärkomitee zu bilden, um die Entspannung an der Grenze voranzutreiben. So sollen keine Artillerie-Übungen mehr in Grenznähe stattfinden, die Wachposten werden reduziert. Moon und Kim vereinbarten, die Wiedereröffnung des gemeinsamen Industriepark in Kaesong vorzubereiten, der bis 2016 noch 50 000 Nordkoreanern Arbeit bot. Den Betrieb aufnehmen kann Kaesong vorerst jedoch nicht, damit würde der Süden gegen die UN-Sanktionen verstoßen. Die 17-köpfige Delegation von Wirtschaftsführern, die Moon nach Pjöngjang begleitete, machte nur Planspiele. Die Planung zur Verknüpfung der beiden Eisenbahnnetze dagegen kann sofort beginnen. Die Institutionalisierung der Zusammenführung von im Koreakrieg getrennten Familien ebenfalls. Zudem wollen die Koreas im Sport intensiver kooperieren und sich gemeinsam um die Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 2032 bewerben. In einer Rede sagte Kim Jong-un, die Zusammenarbeit der beiden Koreaswürde nun beschleunigt und vertieft.

Wichtiger als schriftliche Vereinbarungen sei derzeit, dass die beiden Koreas im Dialog blieben, sagt Yoon Young-chan, der Sekretär von Präsident Moon. Es gelte, den Entspannungsprozesses in Schwung zu halten. Dazu wurde vereinbart, dass Kim noch in diesem Jahr Seoul besuchen werde. Das war für Pjöngjang bisher ein Tabu. Das Regime wollte keine Fernsehbilder aus dem reichen Süden, zudem dürfte Südkoreas Rechte gegen einen Besuch Kims auf die Straße gehen. Vor allem aber besucht im Konfuzianismus der Ärmere stets den Reichen, nicht umgekehrt. Der Besuch könnte als Eingeständnis verstanden werden, der Norden sei ärmer. Mündlich hatte Kim das jedoch schon im April zugegeben.

Je enger die Beziehungen werden, umso sicherer werde die Region, glaubt man in Seoul. Damit wird ein Rückfall in den Verbalkrieg des Vorjahres immer unwahrscheinlicher. Zu dieser neuen Normalität gehört auch der Pomp, mit dem Kim Moon empfangen hat. Die gemeinsame Fahrt im Mercedes durch Pjöngjang, Moons Rede vor 150 000 Nordkoreanern im 1. Mai-Stadion. Oder der für Donnerstag geplante Ausflug mit Kim zum Paektu, dem heiligen Berg der Koreaner.

Der Russe Andrej Lankov, der von der Zeitschrift Foreign Policy für seine Nordkorea-Expertise preisgekrönt worden ist, sagt, Moon habe seine kaum vorhandenen Karten als Vermittler bisher sehr gut gespielt. Aber das Spiel werde immer schwieriger.

© SZ vom 20.09.2018

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