Konzert in Nordkorea:Musik zur Entspannung

Antiamerikanische Plakate wurden entfernt, hoher amerikanischer Besuch hat sich angekündigt: Die New Yorker Philharmoniker gastieren in Pjöngjang und bieten mit Dvoraks "Neue Welt" ein bisschen zu offensichtlich politisches Programm.

Stefan Kornelius

Die Einweisung durch den Diplomaten geriet kurz und bündig: Warme Schuhe sollten die Musiker anziehen, Geschenke mit beiden Händen überreichen, politische Gespräche meiden, und ansonsten wäre es hilfreich, das Hotel in Pjöngjang nicht zu Erkundungstouren auf eigene Faust zu verlassen. Den Rest soll die Musik erledigen, die von den 130 Mitgliedern der New Yorker Philharmoniker an diesem Dienstagabend in Nordkorea aufgeführt wird.

Konzert in Nordkorea, dpa

Lorin Maazel in Pjöngjang: Der Dirigent bürstet alle ab, die sein Orchester politisch vereinnahmen wollen.

(Foto: Foto: dpa)

Ein historisches Ereignis steht an, wenn Lorin Maazel das Pult in Pjöngjang erklimmt. In der Stadt wurden antiamerikanische Plakate und Losungen entfernt, Satelliten-Übertragungswagen und ein klimatisiertes Instrumenten-Lager stehen vor der Konzerthalle der Hauptstadt. Der Auftritt der New Yorker wird live im nordkoreanischen Fernsehen und in der ganzen Welt übertragen - in Deutschland zeitversetzt auf Arte. Die amerikanische und die nordkoreanische Fahne zieren die Bühne, unter den Gästen ist gar ein früherer US-Verteidigungsminister: William Perry. Spekuliert wurde, ob Nordkoreas Staatsführer Kim Jong Il oder gar Condoleezza Rice das Konzert besuchen könnten. Die US-Außenministerin weilt gerade in Seoul.

Es wird immer kräftig gesungen

Die Philharmoniker bieten ein bisschen zu offensichtlich politisches Programm : Nationalhymnen, Wagner, Dvoraks "Neue Welt", Gershwins "Ein Amerikaner in Paris" und Leonard Bernstein als Zugabe, was durchaus ein Zugeständnis der Führung in Pjöngjang ist. Unterdessen wird von Orchester-Beobachtern diskutiert, ob der Auftritt der Diktatur als Propaganda-Futter diene, oder ob er politisch hilfreich sein könne. Dirigent Lorin Maazel bürstet alle ab, die sein Orchester vereinnahmen wollen, aber klar ist: Nicht erst seit dem Gastspiel der Philharmoniker in der Sowjetunion 1959 und Präsident Richard Nixons Tischtennis-Diplomatie mit China 1971 werden Musik und Sport als probate Entspannungs-Techniken in der Politik angewandt.

Wer die nordkoreanischen Verhältnisse kennt, kann allerdings nur müde lächeln. Die New Yorker haben einen symbolträchtigen Auftritt vor sich, aber sie setzen keinen Trend. Erstens wird immer kräftig gesungen, wenn nord- und südkoreanische Politiker zu ihren (seltenen) Gipfeltreffen zusammenkommen. Volkslieder sind eine der wenigen kulturellen Gemeinsamkeiten, die von Nord und Süd gleichermaßen gepflegt werden. Und zweitens floriert der Musikexport nach Nordkorea bereits - über Deutschland.

Der Dirigent des Münchner Kammerorchesters, Alexander Liebreich, reiste seit 2002 mehrmals an die Musikhochschule nach Pjöngjang - eine Insel der Freiheit und der Kreativität im Meer der gleichmacherischen Diktatur. Zuletzt schulte er Dirigenten, und immer wieder war er fasziniert, mit welcher Energie die Schüler sich klassisches Repertoire aneigneten. Gerade bemüht er sich zusammen mit dem Goethe-Institut, ein Orchester mit Musikern aus Nord- und Südkorea zusammenzustellen. Aufführungstermin: 28. August in Seoul. Liebreich sagt, das politische Programm hätten die New Yorker gar nicht nötig gehabt. Gute Musik trage immer eine Botschaft der Freiheit in sich, weil sie die Freiheit der Interpretation voraussetze. "Das dialektische der Musik widerspricht dem Totalitären", so der Dirigent.

Die stramm geführten New Yorker werden sich die Freiheit nehmen, einen koreanischen Zugaben-Wunsch zu erfüllen: Arirang, das beliebteste Volkslied, eine Art heimliche Nationalhymne beider Staaten.

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