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Konsumverhalten im Westen:"Die 'grüne Ökonomie' wird den Planeten nicht retten"

Sie betonen, nicht mit dem "moralischen Zeigefinger" wedeln und alle kritisieren zu wollen, die Autos besitzen oder Industrie-Fleisch essen. Die imperiale Lebensweise lasse sich kaum abschütteln, weil für viele Deutsche das Wirtschaftswunder identitätsstiftend war.

Das ist richtig. Automobilität war in ihren Anfängen Luxus, doch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie zum Massen-Phänomen. In den Sozialwissenschaften sprechen wir vom Fordismus - der Name stammt von Henry Ford und ist damit Programm. Eine Ambivalenz gab es aber immer: Einerseits verschaffte der VW Käfer vielen Leuten zusätzliche Freiheit, aber andererseits wurden sie, darauf hat der französische Sozialphilosoph André Gorz hingewiesen, an ein kapitalistisch-konkurrenzorientiertes Verhalten gewöhnt. Dass Autofahren Konkurrenz bedeutet, kennt ja jeder, der auf Straßen unterwegs ist. Ich besitze kein Auto, aber wenn ich etwa im Urlaub das Auto meiner Schwiegereltern nutze, dann wird klar: Mitmenschen werden fast zu Gegnern und ich sehe die Welt anders.

Sie haben in Hamburg am Alternativgipfel teilgenommen, der parallel zum G-20-Treffen stattfand. Dort sagten Sie, dass der Kapitalismus durch China, Brasilien oder die Türkei nicht gezähmt werde. Hätten diese Schwellenländer nicht ein großes Interesse, die Umweltschäden zu begrenzen?

Entscheidend ist die Betroffenheit. 2015 sind in Mariana in Brasilien zwei Rückhaltebecken bei der Erzproduktion geborsten: Die Schlämme haben den Fluss Rio Doce verseucht und vielen Menschen die Lebensgrundlage geraubt. Das sind aber vor allem Arme, die Oberschicht stört das nicht, und der Bergbaukonzern Vale macht weiter Gewinne. Anders ist es mit China, wo die Mittel- und Oberschicht immer größer wird. Diese Leute spüren am Smog in den Städten täglich die Folgen des Wirtschaftswachstums. Auch um diese wichtige Klientel nicht zu verlieren, engagiert sich Peking zunehmend im Kampf gegen Umweltverschmutzung. Und sofern das bedeutet, verstärkt auf erneuerbare Energien zu setzen, ist es auch eine klimapolitische Maßnahme.

Sie schreiben, dass die imperiale Lebensweise gerade Opfer des eigenen Erfolgs wird, weil sie Exklusivität braucht. Diese schwindet aber, wenn es immer mehr Nachahmer wie China, Brasilien oder Vietnam gibt.

Der Schlüssel ist die Externalisierung: Je stärker sich der globale Süden industrialisiert, umso größer wird die Zahl der Staaten, die ihre sozialen und ökologischen Kosten anderen aufbürden wollen. Diese Lebens- und Wirtschaftsweise ist aber eben nicht verallgemeinerbar, denn es gibt eben nur eine Erde. Die großen Schwellenländer werden daher nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch zu Konkurrenten der Industriestaaten.

Würde sich die Lage verbessern, wenn alle plötzlich mit Elektroautos fahren?

Die Elektromobilität steht für eine ökologische Modernisierung der imperialen Lebensweise. Sie täuscht vor, dass wir an unserer Lebensweise festhalten können. Es ist eine Illusion zu denken, dass man unsere Gesellschaft so zukunftsfähig machen kann. Die "grüne Ökonomie" wird den Planeten nicht retten.

Warum soll das nicht funktionieren?

Bei Elektromobilität dreht sich alles darum, wie viel CO₂ die E-Autos ausstoßen. Wenn sie mit Ökostrom betrieben werden, dann emittieren sie nichts. Aber: Es wird schwer, die komplette Pkw-Flotte auf E-Autos umzustellen und mit Ökostrom zu betreiben. In der Diskussion wird auch ausgeblendet, welche Unmengen an Strom und Ressourcen nötig ist, um die Fahrzeuge herzustellen. Die Abhängigkeit von Öl nimmt ab, aber jene von Metallen nimmt zu. Es ist wohl möglich, die Autos umweltverträglicher zu machen - aber in Zeiten, in denen sich zwei Drittel der Menschheit im Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft befinden, sind viel grundlegendere Änderungen nötig. Es geht um mehrere Milliarden Menschen, die all das anstreben, was wir besitzen und verbrauchen.

Auch über eine Mobilitätswende wird kaum geredet. Die Verkehrsplanung bleibt ausgerichtet auf Erwerbstätige, die die Familie ernähren sollen.

In Berlin wird nun die A 100 weitergebaut. Wie kann man heute noch Stadtautobahnen erweitern, wenn dadurch neue Verkehrsströme entstehen? Stadtplanung ist sehr wichtig: In Vororte kommt man eben am bequemsten mit dem Pkw. Die kapitalistische Gesellschaft verdankt ihre Dauer auch einem historischen Kompromiss, der in ihren Anfängen keineswegs ausgemacht war: Die Arbeiter akzeptieren ihre Unterordnung unter das Kapital unter der Voraussetzung, dass sie an den Wohlstandssteigerungen beteiligt werden. Heute müsste man vielerorts fragen, ob sich Wohlstand nicht als Zeit definieren lässt. Die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich könnte ein Einstieg in den Ausstieg aus dem kapitalistischen Wachstumszwang sein.

Mit Donald Trump ist jemand US-Präsident, der den Klimawandel leugnet und hierzulande steht eine Bundestagswahl an. Wäre jetzt nicht der ideale Moment für solche Diskussionen und warum finden diese kaum statt?

Der Ausbruch der Finanzkrise 2007/2008 wäre eigentlich ein Zeitfenster dafür gewesen. Das haben wir verpasst, nun hat sich der Neoliberalismus wieder erholt. Andererseits entstehen heute viele neue Ansätze: Etwa Volksentscheide zur Rekommunalisierung von Energieversorgung oder Initiativen zum Ausbau der Fahrradinfrastruktur. Auch in den Gewerkschaften gibt es Traditionen, an die angeknüpft werden könnte. In der IG Metall fragten sich in den Achtzigern die Arbeitskreise "Alternative Produktion", ob man mit den eigenen Kompetenzen nicht zugleich Arbeitsplätze sichern und sozial und ökologisch sinnvolle Produkte herstellen kann. In den späten Siebzigern debattierten Arbeiter in der Autoindustrie, ob es nicht besser wäre, anstatt Autos öffentliche Verkehrssysteme zu entwickeln. Diese Fragen sind heute dringlicher denn je.

Als Gegensatz zur imperialen Lebensweise plädieren Sie für eine "solidarische Lebensweise". Wie könnte diese aussehen und wie kommen wir da hin?

Es braucht sowohl staatliche als auch nichtstaatliche Strategien. Dabei ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass der Staat keine neutrale Institution ist. Die Geschichte zeigt, dass viele Impulse aus sozialen Bewegungen kamen. Die heutigen Sozialversicherungssysteme wurden nicht einfach von klugen Politikern eingeführt, sondern sind das Resultat von sozialen Kämpfen. Die Energiewende ist ja nicht die Folge der Einsicht von aufgeklärten Hausbesitzern, die sich nun Solarzellen aufs Dach zimmern: Ihr gingen der Einsatz der Öko- und Anti-Atom-Bewegung voraus, die jahrzehntelang für Alternativen geworben haben. Was heute als selbstverständlich gilt, schien lange unmöglich.

Wie wichtig sind die Proteste gegen Freihandelsabkommen wie TTIP oder Ceta, die vor einem Jahrzehnt undenkbar schienen?

Diese Abwehrkämpfe sind sehr wichtig, auch für die Mobilisierung. Es geht auch darum, die imperiale Lebensweise zurückzudrängen und Freihandelsabkommen vertiefen sie. Entscheidend ist auch eine gemeinsame Erzählung, die den beteiligten Akteuren in aller Welt das Gefühl gibt, Teil eines großen Ganzen zu sein.

Dieser Narrativ fehlt bisher aber noch.

Das stimmt leider. Als Letztes muss es gelingen, dass diese Alternativen nicht immer wieder in Frage gestellt werden können. Es müssen also rechtliche Pflöcke eingeschlagen werden: Ich erinnere daran, dass die Menschenrechte erst nach sozialen Konflikten in Verfassungen verankert wurden. Das ist eine Errungenschaft der bürgerlichen Revolution. Hier dürfen wir aber nicht stehen bleiben. Wir müssen über die liberale Demokratie hinausdenken und demokratische Verfahren auf die Zentren gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Macht ausdehnen. Alle müssen die Möglichkeit haben, an den Entscheidungen, von deren Auswirkungen sie betroffen sind, gleichberechtigt mitzuwirken.

© SZ.de/fued

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