Süddeutsche Zeitung

Konspirativer Spätstarter:Warum hassen Sie Amerika?

Lesezeit: 3 min

Noch eine Verschwörungstheorie zum 11. September: In dem Roman "Das fünfte Flugzeug" beschäftigt sich ein Autor, den es nicht gibt, mit einem Flugzeug, das es nicht gab.

Christoph Haas

Nach einer Hetzjagd, die ihn von New York nach Florida führt, findet der Journalist Max Fuller sich in einem gepflegten Garten mit Meerblick wieder. Das große Haus im Kolonialstil, das er betritt, zeugt von gutem Geschmack: elegante Möbel, gefüllte Bücherregale, an den Wänden moderne Kunst.

Doch der Mann, dem er vorgeführt wird, ist für das bislang spektakulärste politische Verbrechen des 21. Jahrhunderts verantwortlich: die Anschläge vom 11. September. Und dieser Mann ist kein Araber, sondern Amerikaner, ein früherer Mitarbeiter des CIA.

Um dem sicheren Tod zu entrinnen, muss Fuller reden, sehr schnell reden. Also packt er aus, was er weiß, die ganze, verborgene Wahrheit, und er fügt hinzu, dass sie, wird er nicht freigelassen, in wenigen Minuten auf einer Homepage erscheinen wird.

Deutscher schreibt unter Pseudonym

"Das fünfte Flugzeug" ist ein Spätstarter. Bücher, in denen es um die angeblich verschleierten Hintergründe von 9/11 geht, sind schon einige erschienen, die Internet-Seiten zu diesem Thema lassen sich kaum zählen. Daraus wird hier kein Hehl gemacht: Nick, der junge Computerfreak, der Fuller bei seiner Recherche unterstützt, referiert ein paar Verschwörungstheorien und weist darauf hin, dass sie auf der Unkenntnis bestimmter Fakten beruhen oder schlicht wahnhaft sind.

Dem neurotischen Charme des "Es war alles anders, als es auf den ersten Blick scheint" will sich der Roman dennoch nicht entziehen. Hier ist es ein kleiner Club knallrechter Verschwörer, der die Anschläge inszeniert hat, um eine hegemoniale amerikanische Außenpolitik zu befördern. Sogar der arme George W. Bush tanzt nur an den Fäden, die diese skrupellosen Herren in ihren blutbeschmierten Händen halten.

Auch wenn die Angabe eines Übersetzers das Gegenteil behauptet: Eine amerikanische Originalversion dieses Buches gibt es nicht. Hinter dem angeblichen Verfasser John S. Cooper verbirgt sich ein deutscher Journalist. Ihm geht es vor allem darum, durch das Aufzeigen von Widersprüchen in der offiziellen Darstellung seine verschwörungstheoretische Konstruktion möglichst plausibel zu gestalten.

Eher einem einfachen Muster folgt die Schilderung der Figuren. Bei ihrem ersten Auftritt werden sie gründlich vorgestellt; danach ist ihnen allenfalls ein Minimum an Entwicklung erlaubt. Das lässt sich auch als Versuch begreifen, den Leser, der primär den konspirologischen Mäandern folgen soll, nicht übermäßig zu belasten.

Die Feinde der Auserwählten

Doch gehört das lebhafte Erzählen nicht zu den Stärken des Autors: seine Beschreibungen, vor allem von Landschaften, tendieren zum Klischee, die Dialoge sind strikt funktional. Nur bei Schießereien und Verfolgungsjagden blüht er auf. Die Szene, in der Fuller sich mit Hilfe eines Paintball-Gewehrs gegen die Attacken eines Helikopters zur Wehr setzt, würde gut in einen Actionfilm passen.

Ist "Das fünfte Flugzeug" ein linkes Buch? Wenn ja, dann nur in einer Weise, die mit dem europäischen Sinn dieses Begriffes kaum etwas zu tun hat. Die Sätze, mit denen der Mastermind der Verschwörung den Aufklärungswillen Fullers kritisiert, gipfeln in dem giftigen Vorwurf: "Warum hassen Sie Amerika?"

Und der Pilot, der die Enthüllungen anstößt, eröffnet seine Videobotschaft mit den Worten: "Ich bin mit ganzem Herzen Patriot. Ich habe meinem Land gedient, mein Leben lang, offiziell wie inoffiziell. Und ich habe nie damit gehadert, dass unsere Einsätze teilweise Menschenleben gekostet haben. Wir sind eine große Nation, wir sind Gottes auserwähltes Land, und nicht zuletzt deshalb haben wir viele Feinde."

Die Liebe zum Vaterland ist die Ultima Ratio aller Beteiligten, der Bösen wie der Guten. Links ist "Das fünfte Flugzeug", wie manche Filme Oliver Stones es sind. Auf den Missbrauch des American Dream wird mit dessen Beschwörung geantwortet: Es gibt ein falsches Leben, gewiss, aber nur im richtigen.

JOHN S. COOPER: Das fünfte Flugzeug. Thriller. Aus dem Amerikanischen von Sam van Heist. Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 2007. 367 Seiten, 8,95 Euro.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.183569
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 18.04.2008/hai
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.