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Nach der US-Wahl:Der blutleere Präsident

Die Mitte der amerikanischen Gesellschaft hat sich von ihrer einstigen Lichtgestalt Barack Obama abgewandt. Nach der Wahlschlappe wird der Präsident lavieren müssen - zwischen Kooperation und Konfrontation mit den Republikanern. Und: Er muss sich neu erfinden.

Christian Wernicke, Washington

Die spinnen, die Amis! So raunt es nun in Europa. Wer soll das auch begreifen? Gerade erst war Washington, nach acht Jahren politischer Finsternis, wieder erstrahlt im Glanze der Lichtgestalt Barack Obama. Der schwarze, smarte Präsident vollbrachte große Dinge. Erst bewahrte er die Welt vorm Absturz in die globale Depression, dann bescherte er seiner Nation eine historische Gesundheitsreform. Allein, genau dafür straft ihn sein Volk nun ab - per Desaster bei den Kongresswahlen. So viel Undank mag keiner verstehen, jedenfalls nicht an den europäischen Gestaden des Atlantiks.

Obama übernimmt Verantwortung für Wahlniederlage seiner Partei

Barack Obama muss sich jetzt neu erfinden.

(Foto: dpa)

Die Zwischenwahlen gerieten zum Referendum über zwei Jahre Obama - und die Republikaner triumphierten. Jene Partei also, die scheinbar am Nasenring geführt und nach rechts gezerrt wird von der rebellischen Tea-Party-Bewegung. Und in deren vorderen Reihen, so viel Kunde ist in die Alte Welt gedrungen, tummeln sich vorwiegend absurde Gestalten. Hysterische Anti-Etatisten, die den Staat als Quell allen Übels sehen, inklusive der Massenarbeitslosigkeit, und Verschwörungstheoretiker, die jedweden Klimaschutz als Komplott zur Zerstörung des American Way of Life deuten. Deutsche reagieren, durchaus verständlich, besonders allergisch, wenn sie etwa von dem Senator in spe aus Alaska hören, der seinen Landsleuten die DDR samt Schießbefehl als Modell zur Bekämpfung illegaler Einwanderer am Rio Grande empfahl. Oder wenn wir die Fotos von dem Kandidaten fürs Repräsentantenhaus sehen, der daheim in Ohio nach Feierabend gern Krieg spielte - in der Uniform einer am Holocaust beteiligten Division der Waffen-SS. Was viele Europäer übersehen: Beide Herren wurden am Dienstag nicht gewählt.

Dennoch, aus solchen Anekdoten malen sich viele, zu viele Europäer ihre Karikatur vom verirrten wie verwirrten Amerika. Nur: Dieses Zerrbild stimmt nicht. Erstens müssen die Europäer verstehen, dass Amerika schlicht anders ist - anders auch, als sie es sich wünschen. Und zweitens ergibt jede Autopsie des demokratischen Massensterbens von Dienstagnacht: Dies war kein Sieg der Rechten aus strotzender, eigener Kraft. Dies war der Zusammenbruch der Obama-Koalition - weil der Präsident den Rückhalt in Amerikas Mitte verloren hat.

In Westeuropa genießt Barack Obama noch immer messiasgleichen Status mit Popularitätsraten von 80 Prozent. Im eigenen Land hingegen muss der Prophet für jede Umfrage dankbar sein, die ihm wenigstens halb so viel Sympathie bescheinigt. Deutsche und Franzosen, Portugiesen oder Schweden tun sich unter allen Völkern wahrscheinlich am schwersten, Obamas Probleme wirklich nachzuvollziehen. Nirgendwo sonst auf Erden ist das, was Obamas Programm ausmacht, so selbstverständlich. Reformen wie eine Krankenversicherung für alle, ein aktiver Staat sowie mehr Umwelt- und Klimaschutz muten ihnen an wie eine nachholende Europäisierung, eine schlichte Normalisierung. Millionen Amerikaner hingegen begreifen diese staatsgetragene Agenda als kühn, ja als revolutionär. Was Obama als Modernisierung verordnet, erleben viele als Systembruch. Und als unamerikanisch.

Politisch verheerend wirkt sich aus, dass Obamas neuer Staat zu langsam und zu wenige Erfolge produziert. Mehr als 800 Milliarden Dollar Schulden sollten die Wirtschaft stimulieren - aber die Arbeitslosigkeit verharrt bei fast zehn Prozent. Die Wall Street und Detroits rostige Autoschmieden hat der Präsident mit Staatsgeld vor dem Bankrott gerettet. Aber in diesem Jahr allein droht einer Million US-Familien der Verlust des Eigenheims per Zwangsversteigerung.

Obama bedauert, referiert die Sachzwänge. Vor zwei Jahren beflügelten seine Visionen, heute klingt derselbe Mann oft merkwürdig blutleer. Damals begeisterte seine coole, selbstsichere Gelassenheit, inzwischen wirkt derselbe Charakter kalt, arrogant, ja elitär. Die Rechte mag viel schrillen Radau inszenieren und im Scheinwerferlicht der Medien stehen. Aber auf der Rechten hatte dieser Präsident eh nichts zu verlieren. Getragen war Obamas historischer Sieg 2008 von der Mitte der Nation - den parteiunabhängigen Wählern und den Suburbanites in den Bungalows der Vorstädte. Genau dieses Zentrum hat ihn nun aber verlassen.

Obama muss sich jetzt neu erfinden. Vorbei sind die Zeiten seiner "transformativen Präsidentschaft", die mit Großreformen das Land umpflügt und von Nachfahren später mit der Ära eines Franklin D. Roosevelt oder eines Ronald Reagan verglichen werden möchte.

Projekte wie ein ehrgeiziges Energiespargesetz oder ein neues Einwanderungsrecht werden mit den neuen Mehrheiten unmöglich sein. "Obama 2.0" wird in Washington ein instabiles Betriebssystem installieren. Der Präsident wird lavieren müssen - zwischen Kooperation und Konfrontation mit den Republikanern. Amerika droht eine Reformblockade. Das wird weder der Nation gerecht noch der Welt genügen. Der Rest ist vage Hoffnung - auf eine baldige Linderung der Jobkrise und noch einen Wandel in 2012. Falls Obama aus dem Schaden von Dienstagnacht klug wird, könnte er in zwei Jahren wieder als Held dastehen - nicht mehr nur bei Europäern, auch wieder unter seinen Amerikanern.

© SZ vom 04.11.2010/wolf

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