Papst Franziskus blickte im März 2013 bereits in viele Handykameras, als er kurz nach seiner Wahl zum ersten Mal den Balkon des Petersdoms betrat. Ein Jahr zuvor erst hatte Papst Benedikt XVI. den ersten Tweet des Vatikans abgesetzt. Soziale Netzwerke gab es also schon, aber dennoch hat ihre Verbreitung zwölf Jahre später ganz andere Dimensionen erreicht. Tiktok, was es ohnehin erst seit 2016 gibt, sowie Instagram und X sind aus der öffentlichen Meinungsbildung heute nicht mehr wegzudenken.
Dies bringt Herausforderungen mit sich, die an einem Konklave genauso wenig vorbeigehen wie an einer Bundestagswahl: Online-Kampagnen, Desinformation und eine auseinanderstrebende, disparate Öffentlichkeit. Die Papstwahl selbst findet zwar in einem hermetisch von der Außenwelt abgeschlossenen Umfeld statt.
Doch vorher sind die Kardinäle der öffentlichen Meinungsbildung ausgesetzt wie jeder andere auch. Das politische Klima ist aufgeheizt wie nie, die Polarisierung der Gesellschaft findet sich auch in der katholischen Kirche. „Die Stimmen sind sehr viel fragmentierter“, sagt der katholische Theologe Massimo Faggioli von der Villanova University in Philadelphia. Zudem bestehe eine „Asymmetrie in der Öffentlichkeit: Die ultrakonservative Seite bedient sich in den sozialen Medien eher der Methoden des Trumpismus. Sie sind disruptiv, provozierend, verunglimpfend. Die Stimmen des katholischen Mainstreams und des katholischen Liberalismus hingegen sind moderater, aber deshalb auch weniger wahrnehmbar.“
In Medienkampagnen werden zum Beispiel alte Videos ausgegraben
Zwei Monate vor seinem Tod war Franziskus bereits schwer krank. „Anders als beim letzten Konklave hatten die Kardinäle diesmal zwei Monate Zeit, sich vorzubereiten“, sagt Massimo Faggioli. Und mit ihnen auch Unterstützer oder Gegner in der Öffentlichkeit. Die meisten Kardinäle hielten sich zwar mit öffentlichen Äußerungen bedeckt. „Die wenigen, die sich öffentlich äußern, betreiben vor allem eine Kampagne nicht so sehr für sich selbst, sondern gegen etwas.“ Vor allem Kardinal Gerhard Ludwig Müller gibt derzeit viele Interviews, in denen er das Pontifikat von Franziskus kritisiert.
Medienkampagnen gegen Franziskus gab es schon vor seinem Tod, nun nehmen sie mögliche Nachfolger in den Blick. Das umstrittene Portal Life Site News beispielsweise grub dieser Tage ein altes Video von Kardinal Luis Antonio Tagle aus Manila aus. Er wird immer wieder als möglicher Papstnachfolger gehandelt und „asiatischer Franziskus“ genannt. In dem Video von 2019 ist Tagle auf einer Bühne zu sehen, wie er „Imagine“ von John Lennon singt. „Schockierend!“, schreibt Life Site News dazu – „ein Betrug an der katholischen Lehre?“ Denn das Lied gilt als atheistisch, im Originaltext ist die Rede von der Vorstellung einer Welt „ohne Himmel, ohne Hölle, ohne Religion“. Im Video singt Tagle die betreffende Zeile aber nicht. Dennoch fragt Life Site News: „Sollte ein Kardinal der Kirche so etwas befördern?“
Die Website zur Vorstellung der Kardinäle ist tendenziös
Ein Problem dieses Konklaves ist, dass sich viele neu ernannte Kardinäle untereinander kaum kennen. Bereits im vergangenen Jahr ging eine Website namens „Cardinalium Collegii Recensio“ online, auf der alle Kardinäle vorgestellt werden und eine Auswahl möglicher „Papabile“ präsentiert wird. Die Seite geht auf eine Initiative des US-Verlags Sophia Institute Press zurück, deren Medien dem Pontifikat von Franziskus ebenfalls sehr kritisch gegenüberstanden. Die Daten auf der Seite sind aufwendig zusammengetragen, bei genauer Lektüre fällt aber die traditionalistische Brille auf.
Konservative Purpurträger werden beschrieben mit Formulierungen wie „unbeirrt stellte er sich der Krise der Relativierung entgegen“, „er unterwirft sich nicht dem Zeitgeist“, „zu ihm schauen die Gläubigen auf, die verwirrt sind von der Führung der Kirche“. Reformorientierte Kardinäle werden bedacht mit Sätzen wie „er spielt die Schwere dieser Sünde herunter“ – gemeint ist die Haltung zu homosexuellen Partnerschaften – oder „er ist von der Lehre der Kirche abgekommen, mit katastrophalen Folgen“.
Im Netz kursiert ein Kardinalomat
Auf den Daten dieser Homepage beruht auch der deutschsprachige Kardinalomat.de, der an den Wahl-o-Mat zur Bundestagswahl erinnert. Programmiert hat sie der Neurowissenschaftsstudent Luca Naudszus. Die Seite ist eine reine Spielerei, denn natürlich wird sich kein Kardinal ernsthaft durch die Fragen klicken und der Durchschnittskatholik darf ohnehin nicht mitwählen. Naudszus sieht die Originalquelle für seine Daten kritisch: „Wenn man sich die Formulierungen, mit denen die kirchlichen Positionen beschrieben werden, genau anschaut, liest man natürlich einen bestimmten Unterton heraus“, sagt er.
Deshalb habe er die Datengrundlage inzwischen erweitert und ergänzt und weitere Fragen aufgenommen. Zudem hat er seine Website mit einem Warnhinweis versehen: Er verfolge keine kirchenpolitische Intention und distanziere sich von der Darstellung im „Cardinalium Collegii Recensio“. Und noch einen zweiten Kardinalomaten gibt es, er ist unter Kardinal-o-mat.de erreichbar, programmiert hat ihn ein niedersächsischer Webentwickler; auch diese Seite basiert auf der umstrittenen US-Internetseite. Der Entwickler sagte dem Portal Kirche und Leben, das Tool sei ein Gag für seine Freunde gewesen. Er selbst sei Atheist und habe „von keinem einzigen dieser Kardinäle“ je vorher gehört.
Wie viele Stunden Arbeit er in seine Datenbank gesteckt hat, weiß Naudszus nicht mehr. Eigentlich arbeitet er gerade an seiner Masterarbeit, aber das bevorstehende Konklave elektrisiert ihn als ehemaligen Ministranten sehr. Er persönlich wünscht sich einen Papst, der „den Spirit von Franziskus fortsetzen kann. Aber auch einen, der versöhnen kann, damit sich die Gräben, die es ja auch in der katholischen Kirche gibt, nicht noch weiter vertiefen.“

