Konjunktur:Langsames Impftempo bremst den Aufschwung

Corona-Impfung in Südafrika

Corona-Impfung in Katlehong bei Johannesburg.

(Foto: Themba Hadebe/AP)

Weil Corona zu zögerlich eingedämmt wird, senkt der IWF zahlreiche Wachstumsprognosen - auch für Deutschland. Noch mehr Sorge aber bereitet den Experten ein anderes Problem.

Von Claus Hulverscheidt, Berlin

"Gesundheitsgefahren, Lieferausfälle, Preisdruck": Wer wissen will, wie es um die globalen Konjunkturaussichten bestellt ist, der muss im Grunde nur die Überschrift lesen, unter die der Internationale Währungsfonds (IWF) seinen neuen Weltwirtschaftsausblick gestellt hat. Zwar werde sich nach Überwindung der Corona-Rezession der allgemeine Aufschwung grundsätzlich fortsetzen, heißt es in dem Bericht, der alle sechs Monate veröffentlicht wird. Aufgrund hochansteckender Virusvarianten, wachsender Impfmüdigkeit und fehlender Dosen in Schwellen- und Entwicklungsländern werde die Erholung aber langsamer vonstattengehen als bisher gedacht. Zudem stehe der Welt eine zweite Krise ins Haus, die ähnlich dramatisch sei wie die Pandemie: der Klimawandel. Wird er nicht rasch eingedämmt, drohen aus Sicht der Experten größte ökonomische und gesellschaftliche Verwerfungen.

Vorrangiges Problem bleibt zunächst aber das Coronavirus, das insbesondere in Afrika sowie in weiten Teilen Asiens und Lateinamerikas weiter wütet und auch die Wirtschaft lahmlegt. Die Folge: Millionen Menschen sind arbeitslos, zudem wird viel weniger produziert als eigentlich möglich wäre. Die Auswirkungen bekommen nicht nur die betroffenen Länder selbst zu spüren, sondern auch jene Industriestaaten, die besonders viele Konsumgüter importieren oder denen es nun an Bauteilen und Vorprodukten für die Herstellung eigener Waren mangelt. Das gilt insbesondere für die USA und für Deutschland, die deshalb zudem mit weitaus höheren Inflationsraten zu kämpfen haben als andere Länder.

Deutschland wird in diesem Jahr nur halb so stark wachsen wie Frankreich

Entsprechend deutlich korrigierte der IWF jetzt die Wachstumsprognosen für beide Staaten nach unten. Für die USA erwarten die Volkswirte jetzt ein Plus von nur noch sechs Prozent, ein Prozentpunkt weniger als bei der letzten Schätzung vor gerade einmal drei Monaten. Deutschland muss sich gar mit 3,1 Prozent begnügen. Das ist im Vergleich zur Vorhersage vom Juli ein halber Prozentpunkt weniger und gerade einmal die Hälfte jener Zuwächse, auf die etwa Frankreich, Italien und Spanien hoffen können. Allerdings gehört zur Wahrheit dazu, dass in allen genannten EU-Ländern die Wirtschaftsleistung im ersten Pandemiejahr 2020 auch deutlich stärker eingebrochen war als in der Bundesrepublik.

Immerhin: Für 2022 revidierten die IWF-Ökonomen ihre Deutschland-Prognose um einen halben Punkt auf 4,6 Prozent nach oben. Damit läge man im Vergleich der großen Industrienationen genau in der Mitte. Und noch zwei gute Nachrichten halten die Experten für die künftige Bundesregierung bereit. Erstens: Die Inflationsrate, die zuletzt mit 4,1 Prozent den höchsten Wert seit fast 30 Jahren erreicht hatte, dürfte 2022 wieder auf durchschnittlich 1,5 Prozent abflauen. Und zweitens: Bei der Arbeitslosenquote liegt die Bundesrepublik mit voraussichtlich gerade einmal 3,6 Prozent im kommenden Jahr sogar in der Spitzengruppe der Staatengemeinschaft.

In anderen Ländern hingegen dürfte die Erholung am Arbeitsmarkt deutlich langsamer verlaufen als nach früheren Rezessionen. Beispiel USA: Viele Menschen sind während der Pandemie umgezogen, andere wollen nicht mehr in Berufen mit viel Publikumsverkehr arbeiten - etwa in der Gastronomie. Ergebnis ist, dass Unternehmen trotz einer vergleichsweise hohen Arbeitslosenzahl die Mitarbeiter, die sie dringend benötigen, einfach nicht finden.

Georgiewa darf trotz Manipulationsvorwürfen als IWF-Chefin weitermachen

Noch mehr Sorge allerdings bereitet dem IWF die wieder wachsende Kluft zwischen den Industriestaaten einerseits sowie den Schwellen- und Entwicklungsländern andererseits. Während Erstere aller Voraussicht nach bereits kommendes Jahr wieder jene Wirtschaftsleistung erreichen werden, die ihnen auch vor der Pandemie für 2022 prophezeit worden war, wird die zweite Gruppe (ohne China) selbst 2024 noch um 5,5 Prozent hinter den Prognosen von 2019 zurückhängen. Schuld sei die ungleiche Impfstoffverteilung: "Während in den Industriestaaten fast 60 Prozent der Bevölkerungen durchgeimpft sind und einige bereits Auffrischungen erhalten, sind in Entwicklungsländern immer noch rund 96 Prozent der Menschen ungeimpft", schreibt IWF-Chefvolkswirtin Gita Gopinath im Vorwort des Berichts. Dem Westen nutze es aber wenig, wenn er Corona in den Griff bekomme, der Rest der Welt aber nicht, so die Ökonomin, denn nach wie vor gelte: "Die Pandemie ist nirgendwo vorüber, bis sie überall vorüber ist."

Parallel zur Veröffentlichung des Weltwirtschaftsausblicks beendete der Fonds offiziell den Streit über seine Chefin Kristalina Georgiewa, der die 190 Mitgliedsstaaten seit Wochen beschäftigt hatte. Georgiewa war vorgeworfen worden, als frühere Hauptgeschäftsführerin der Weltbank Daten zugunsten Chinas manipuliert zu haben, um Peking zu Zugeständnissen an anderer Stelle zu bewegen. Letztlich fanden sich für den Vorwurf jedoch nicht genügend Beweise. Die 68-jährige Bulgarin, die den IWF seit zwei Jahren führt, darf ihr Amt deshalb behalten.

© SZ
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