Süddeutsche Zeitung

Kongresswahl in Georgia:Junger Filmemacher wird zur neuen Hoffnung der US-Demokraten

  • Die Abgeordnetenwahl in der Republikanerhochburg Georgia gilt nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten als erster politischer Stimmungstest in den USA.
  • Der Erfolg des demokratischen Kandidaten Jon Ossoff befeuert die Identitätskrise der Republikaner.
  • Die Demokraten hoffen schon auf einen landesweiten Umschwung.

Von Beate Wild, New Orleans

Für einen Sieg im ersten Durchgang hat es nicht gereicht, der endgültige Gewinner wird erst im Juni bei der Stichwahl ermittelt. Dennoch ist Jon Ossoff, der bei der Kongresswahl am Dienstag in Georgia mit mehr als 48 Prozent nur knapp an der entscheidenden Mehrheit für die Demokraten vorbegeschlittert ist, schon jetzt Stolz und Symbol der Hoffnung seiner Partei.

18 Kandidaten waren im sechsten Wahlbezirk des Bundesstaats Georgia um einen Sitz im US-Repräsentantenhaus angetreten. Dieser war im Januar vakant geworden, als US-Präsident Donald Trump den Republikaner Tom Price zum neuen Gesundheitsminister beförderte. Die Wahl in Georgia gilt jetzt als erster großer Stimmungstest nach der Präsidentschaftswahl im November - gerade, weil der Bezirk in der Regel republikanisch wählt. Wenn ein Demokrat hier gewinnen kann, so die Hoffnung der Partei, könnte dies vielleicht auch für die nächsten Zwischenwahlen im Herbst 2018 einen Anti-Trump-Kurs signalisieren.

Ein Demokratensieg direkt im ersten Wahlgang wäre eine Sensation gewesen, und nach der sah es zunächst sogar aus: Der Stimmbezirk Cobb County, die Region von Georgia mit den meisten Republikanern, meldete in einer ersten Auszählung 57 Prozent für Ossoff. Seine Anhänger auf der Wahlparty jubelten bereits, doch im Laufe des Abends schrumpfte der Vorsprung dahin.

Stichwahl im Juni

Nun kommt es zu einer Stichwahl zwischen ihm und der bestplatzierten republikanischen Kandidatin Karen Handel, für die am Dienstag knapp 20 Prozent der Wähler stimmten. Auf dem dritten Platz landete der Republikaner Bob Gray mit fast 11 Prozent (hier die Übersicht der New York Times).

"Es gibt keinen Zweifel, dass das ein Sieg für uns ist", meinte Ossoff in seiner Rede auf der Wahlparty der Demokraten. Die Ergebnisse hätten jetzt schon alle Erwartungen übertroffen. "Wir werden die Welt verändern - und eure Stimmen werden im Bundesstaat und im ganzen Land gehört werden", ergänzte Ossoff.

Schon Wochen vor der Wahl hatte der 30-Jährige ohne nennenswerte politische Erfahrung mit weitem Abstand vor seinen republikanischen Kollegen in den Umfragen geführt. In den Medien und innerhalb seiner Partei wird Ossoff deshalb bereits gefeiert wie ein Erlöser. Er ist jung, gutaussehend, charmant und gilt dennoch als bescheiden. Bei Wahlkampfauftritten lässt er sich schon mal zu einem Laserschwertkampf mit einem Achtjährigen hinreißen.

Wahl-Slogan "Make Trump Furious"

Den Austausch und den direkten Kontakt mit den Wählern scheint Ossoff zu genießen. Und auch wenn er ein politischer Neuling ist: Sein Wahl-Slogan "Make Trump Furious" ("Macht Trump wütend") mobilisierte die demokratische Wählerschaft und offenbar auch einige unzufriedene Konservative.

Mit 8,3 Millionen US-Dollar sammelte der junge Dokumentarfilmer zudem Wahlkampfspenden in einer Höhe wie kaum ein Abgeordnete zuvor: Progressive aus dem ganzen Land spendeten, auch Prominente unterstützten den Neuling. In einer Radiowerbung mit Hollywood-Berühmtheit Samuel L. Jackson, die das Wahlkampfkomitee der Demokraten in Atlanta platzierte, sagte der Schauspieler: "Wir müssen die großen Rachegefühle und den wütenden Zorn, den wir für diese Regierung haben, in Stimmen an den Wahlurnen umwandeln."

Die Republikaner dagegen versuchten, Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Ossoff zu säen. In einem TV-Werbespot mit Aufnahmen von Osama bin Laden argumentierten die Macher, man könne Ossoff nicht trauen. Schließlich habe der Dokumentarfilmer bereits Filme für Al Jazeera, einen TV-Sender aus Katar, produziert.

Republikaner in Sorge

Auch der US-Präsident selbst meldete sich im Wahlkampf zu Wort - für einen Entscheid auf dieser Ebene äußerst ungewöhnlich. Donald Trump warb in automatisierten Telefonbotschaften kurz vor der Wahl um Stimmen und verkündete am Wahltag über Twitter, dass der "superliberale" Demokrat ein "Desaster" für den Kongress sei - sehr schwach in der Verbrechensbekämpfung und bei illegaler Einwanderung, dafür stets bereit zu Steuererhöhungen.

Im Weißen Haus in Washington herrscht Medienberichten zufolge große Sorge, dass der Sieg Ossoffs schon früh in der Präsidentschaft Trumps einen heftigen Stimmungsumschwung signalisiert, der auch konservative Kerngebiete erreichen könnte. Vergangene Woche siegte der republikanische Kandidat Ron Estes bei einer Nachwahl in Kansas mit nur sieben Prozentpunkten Vorsprung - Trump hatte den Bezirk mit einem Polster von 27 Prozentpunkten gewonnen. Allerdings spielte in diesem Bundesstaat auch die gewachsene Unbeliebtheit des republikanischen Gouverneurs eine Rolle.

Vergleiche mit Bernie Sanders

Ossoffs zunehmende Popularität im progressiven Lager bringt einige politische Beobachter bereits dazu, euphorische Vergleiche zu ziehen: Der 30-Jährige gelte als eine Art junger Bernie Sanders, repräsentiere die Zukunft und werde vor allem von jungen Wählern begeistert unterstützt, sagte Kerwin Swint, Politikprofessor an der Kennesaw State University zur New York Times.

Ob Ossoff am 20. Juni bei der Stichwahl um den Abgeordnetensitz gewinnen kann, ist trotz seines guten ersten Ergebnisses fraglich. Im ersten Durchgang waren Republikaner unterschiedlichster Strömungen angetreten und hatten den konservativen Block gespalten. Nun könnten die republikanischen Wähler sich hinter seiner Gegnerin Handel versammeln. Handel selbst nannte sich im Wahlkampf "eine enthusiastische Unterstützerin" von Trump, gilt aber ansonsten als Mainstream-Konservative.

Die Stichwahl im sechsten Wahlbezirk von Georgia ist auch deshalb spannend, weil dieser zwar ein sehr reicher Bezirk mit überwiegend weißen Bürgern ist, die Stimmen der Minderheiten könnten den Ausgang allerdings entscheidend beeinflussen. Sollte es den Demokraten gelingen, zur Stichwahl die rund 13 Prozent Schwarzen, 13 Prozent Hispanics und elf Prozent asiatisch-stämmigen Amerikaner für ihre Ziele zu mobilisieren, stehen die Chancen gut, dass der traditionell tiefrote, also republikanische Georgia-Bezirk bald einen progressiven Abgeordneten bekommt.

Schon jetzt hoffen die Demokraten nach Ossoffs ersten Erfolgen auf einen Beginn eines landesweiten Trends, an dessen Ende die Rückeroberung Washingtons stehen soll. Bislang ist der US-Präsident jedoch noch nicht einmal 100 Tage im Amt, die Demokraten profitieren bislang mehr von seiner Schwäche als von eigenen Ideen. Für die Republikaner wäre ein direkter Sieg Ossoffs jedoch eine Katastrophe gewesen. Dass der junge Demokrat in einem derart konservativen Bezirk fast die Mehrheit hinter sich versammeln konnte, ist für sie schon jetzt schlimm genug.

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