Kongresswahl in Georgia:Republikaner in Sorge

Auch der US-Präsident selbst meldete sich im Wahlkampf zu Wort - für einen Entscheid auf dieser Ebene äußerst ungewöhnlich. Donald Trump warb in automatisierten Telefonbotschaften kurz vor der Wahl um Stimmen und verkündete am Wahltag über Twitter, dass der "superliberale" Demokrat ein "Desaster" für den Kongress sei - sehr schwach in der Verbrechensbekämpfung und bei illegaler Einwanderung, dafür stets bereit zu Steuererhöhungen.

Im Weißen Haus in Washington herrscht Medienberichten zufolge große Sorge, dass der Sieg Ossoffs schon früh in der Präsidentschaft Trumps einen heftigen Stimmungsumschwung signalisiert, der auch konservative Kerngebiete erreichen könnte. Vergangene Woche siegte der republikanische Kandidat Ron Estes bei einer Nachwahl in Kansas mit nur sieben Prozentpunkten Vorsprung - Trump hatte den Bezirk mit einem Polster von 27 Prozentpunkten gewonnen. Allerdings spielte in diesem Bundesstaat auch die gewachsene Unbeliebtheit des republikanischen Gouverneurs eine Rolle.

Vergleiche mit Bernie Sanders

Ossoffs zunehmende Popularität im progressiven Lager bringt einige politische Beobachter bereits dazu, euphorische Vergleiche zu ziehen: Der 30-Jährige gelte als eine Art junger Bernie Sanders, repräsentiere die Zukunft und werde vor allem von jungen Wählern begeistert unterstützt, sagte Kerwin Swint, Politikprofessor an der Kennesaw State University zur New York Times.

Ob Ossoff am 20. Juni bei der Stichwahl um den Abgeordnetensitz gewinnen kann, ist trotz seines guten ersten Ergebnisses fraglich. Im ersten Durchgang waren Republikaner unterschiedlichster Strömungen angetreten und hatten den konservativen Block gespalten. Nun könnten die republikanischen Wähler sich hinter seiner Gegnerin Handel versammeln. Handel selbst nannte sich im Wahlkampf "eine enthusiastische Unterstützerin" von Trump, gilt aber ansonsten als Mainstream-Konservative.

Die Stichwahl im sechsten Wahlbezirk von Georgia ist auch deshalb spannend, weil dieser zwar ein sehr reicher Bezirk mit überwiegend weißen Bürgern ist, die Stimmen der Minderheiten könnten den Ausgang allerdings entscheidend beeinflussen. Sollte es den Demokraten gelingen, zur Stichwahl die rund 13 Prozent Schwarzen, 13 Prozent Hispanics und elf Prozent asiatisch-stämmigen Amerikaner für ihre Ziele zu mobilisieren, stehen die Chancen gut, dass der traditionell tiefrote, also republikanische Georgia-Bezirk bald einen progressiven Abgeordneten bekommt.

Schon jetzt hoffen die Demokraten nach Ossoffs ersten Erfolgen auf einen Beginn eines landesweiten Trends, an dessen Ende die Rückeroberung Washingtons stehen soll. Bislang ist der US-Präsident jedoch noch nicht einmal 100 Tage im Amt, die Demokraten profitieren bislang mehr von seiner Schwäche als von eigenen Ideen. Für die Republikaner wäre ein direkter Sieg Ossoffs jedoch eine Katastrophe gewesen. Dass der junge Demokrat in einem derart konservativen Bezirk fast die Mehrheit hinter sich versammeln konnte, ist für sie schon jetzt schlimm genug.

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