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Kongo:Tod auf dem Pfarrhof

Cholera-Epidemie im Kongo

Viele Kongolesen haben immer noch keinen Zugang zu fließendem Wasser. Sie müssen es in Kanistern nach Hause schleppen.

(Foto: Marta Soszynska/MSF/dpa)

Präsident Joseph Kabila klammert sich an sein Amt - und scheut dabei nicht einmal mehr den Bruch mit der einflussreichen Kirche.

Sie setzen weiter ihre Hoffnung in den kongolesischen Rechtsstaat, an wen sonst sollten sie sich noch wenden? Die Angehörigen von Thérèse Déchade Kapangala haben jetzt Klage eingereicht, gegen den Polizeichef der Hauptstadt Kinshasa. Die junge Frau, 24 Jahre alt, starb vor vier Wochen während einer Demonstration gegen das Regime: Eine Kugel traf sie ins Herz - während sie sich auf dem Gelände einer Pfarrei aufhielt. Zeugen berichten, ein Polizist habe den tödlichen Schuss abgefeuert. Möglicherweise ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", schreibt der Anwalt der Familie, schließlich sei eine Kirche "ein Ort, der unter dem Schutz der Genfer Konvention steht."

An jenem Sonntag, dem 21. Januar, nahm der Konflikt im Kongo eine neue Eskalationsstufe. Hinter den Demonstrationen gegen das Regime von Präsident Joseph Kabila stand die katholische Kirche, eine der einflussreichsten und bestfunktionierenden Organisationen des Landes überhaupt: Deren Laienverband hatte dazu aufgerufen, nach der Sonntagsmesse "Hand in Hand" zu marschieren, "friedlich", nur mit Palmwedeln und Bibeln in den Händen, um den Kongo "zu retten". Die Behörden verboten die Protestmärsche, vergeblich, und schließlich gingen die Sicherheitskräfte - wie so oft - brutal gegen die Demonstranten vor, mit Tränengas und auch mit scharfer Munition. Nach Informationen der Vereinten Nationen starben dabei mindestens sechs Menschen, die 24-jährige Thérèse Déchade Kapangala war eine von ihnen.

Ursache des Volkszorns ist Kabilas gewaltsames Klammern an die Macht. Dessen letzte Amtszeit lief bereits im Dezember 2016 ab, die fälligen Wahlen aber, zu denen er laut Verfassung nicht mehr antreten darf, lässt er unter immer neuen Vorwänden aufschieben. Die katholische Bischofskonferenz schaltete sich zunächst als Vermittler ein; Ende 2016 einigten sich Regierung und Opposition unter ihrer Moderation auf ein Abkommen, wonach Kabila binnen eines Jahres Neuwahlen ermöglichen würde. Doch auch diese Frist ließ der Präsident verstreichen, und die katholische Kirche bezog deutlicher als zuvor Position gegen Kabila. Am Silvestertag 2017 rief die Kirche zu friedlichen Protesten auf, um an den Jahrestag der Unterzeichnung des Abkommens zu "erinnern". Bereits an jenem Tag antwortete die Polizei mit Tränengas und Kugeln, mehrere Menschen starben. Kardinal Laurent Monsengwo, Erzbischof von Kinshasa, wetterte gegen diese staatliche "Barbarei" und gegen das "Anhäufen von Vermögen und das Klammern an die Macht mit verfassungswidrigen Mitteln."

Über die Jahre hat sich Präsident Kabila ein wahres Wirtschaftsimperium aufgebaut

Joseph Kabila, 46 Jahre alt, ist seit 2001 an der Macht; damals übernahm er das Amt von seinem Vater, den ein Leibwächter erschossen hatte. Hinter seiner Weigerung, das Amt zu räumen, steckt wohl nicht allein die schiere Lust am Regieren: Über die Jahre hat er sich ein wahres Wirtschaftsimperium aufgebaut; einer Erhebung der Congo Research Group an der Universität New York zufolge besitzen der Präsident und seine Familie inzwischen Anteile an mehr als 80 Unternehmen in so ziemlich allen Sektoren der kongolesischen Wirtschaft - Farmen, Bergbau, Fluggesellschaften, zudem Schürfrechte für Diamanten in einem mehr als 700 Kilometer langen Streifen Land entlang der Grenze zu Angola. Sollte Kabila eines Tages nicht mehr den Schutz des Amtes genießen, könnten ihm unangenehme Ermittlungen zur Rechtmäßigkeit vieler dieser Geschäfte und zu möglichen Interessenkonflikten drohen. Ganz abgesehen von einer juristischen Aufarbeitung der immer neuen Gewalttaten von Sicherheitskräften gegen Regimekritiker.

Dass seine Machtbasis sich inzwischen vor allem auf Angst und Repression gründet, dürfte Kabila bewusst sein. In der Öffentlichkeit lässt sich der Präsident folglich nur noch äußerst selten blicken. Einen seiner raren Auftritte bot Kabila Ende Januar, wenige Tage nach dem Tod der jungen Demonstrantin Thérèse Déchade Kapangala, bei einer Pressekonferenz - umgeben von Blumenbouquets. Dekoriert mit einem fransigen, grau melierten Vollbart, der dem vergleichsweise jungen Langzeitherrscher offenkundig so etwas wie Gravitas verleihen soll, spottete Kabila gegen Demonstranten und gegen die Kirchen: Jesus habe "nie einer Wahlkommission vorgestanden". Man solle doch bitte "dem Kaiser geben, was des Kaisers ist, und Gott geben, was Gottes ist."

Während Kabila in der Hauptstadt Kinshasa seinen Machtapparat noch abschotten kann, entgleitet dem Staat in weiten Teilen seines Gebietes zunehmend die Kontrolle. In mehreren Provinzen wüten bewaffnete Konflikte, Dutzende Rebellengruppen marodieren mit den oft unter- oder unbezahlten staatlichen Soldaten und Polizisten um die Wette. Im Jahr 2017 sind etwa zwei Millionen Menschen vor Gewaltausbrüchen geflohen, manche Beobachter warnen bereits, das Land könnte in die düsteren Zustände der Kriegsjahre um die Jahrtausendwende zurückfallen, als Hunderttausende starben.

Am 23. Dezember dieses Jahres, so lauten die jüngsten Auskünfte des Regimes, sollen nun tatsächlich Wahlen stattfinden, Kabila werde dabei nicht wieder antreten. Für den Oppositionspolitiker Martin Fayulu sind das abermals leere Versprechen: Kabila sei fest entschlossen, "ewig an der Macht zu bleiben."

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