Süddeutsche Zeitung

Kongo - der vergessene Krieg:Mord und Totschlag

Hunderte Morde und systematische Vergewaltigungen: Die Lage in der Demokratischen Republik Kongo ist verzweifelt. Jetzt greift auch noch die islamistische Al-Shabaab-Miliz aus Somalia indirekt in die Kämpfe ein.

Von Tobias Zick

Als plötzlich Steine auf den Konvoi der Blauhelme flogen, wurde mal wieder klar, dass die Vereinten Nationen im Kongo noch einen langen Weg vor sich haben. Die Teilnehmer der Demonstration am vergangenen Freitag warfen den UN vor, die Kampfkraft ihrer staatlichen Armee zu schwächen - indem sie Vorwürfe gegen einen Leutnant erhoben und so dessen Verhaftung ausgelöst hatten. Die Vorwürfe allerdings waren keine läppischen: Soldaten unter seinem Kommando sollen Leichen von Rebellen geschändet und Gefangene aus deren Reihen gefoltert haben.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon äußerte sich "zutiefst besorgt" über die Berichte und kündigte an, die Unterstützung der beteiligten Armee-Einheiten durch die Vereinten Nationen auf den Prüfstand zu stellen. Die kongolesische Regierung verkündete daraufhin, der verantwortliche Leutnant sei an die Militärjustiz überstellt worden. Das war der jüngste Funke, der den Volkszorn abermals auflodern ließ.

Unmut hatte sich in den Tagen davor schon reichlich angestaut: darüber, dass die UN-Truppen mal wieder nicht das erneute Aufflackern von Kämpfen verhindert hatten - der schwersten in der Region seit neun Monaten. Etwa 100 Kämpfer der Rebellentruppe M23 waren Berichten zufolge Anfang vergangener Woche aus dem Nachbarland Ruanda auf kongolesisches Terrain vorgedrungen, mit Kopftüchern und Frauenkleidern über den Uniformen. In den darauffolgenden Kämpfen zwischen M23 und der kongolesischen Armee starben nach offiziellen Angaben mindestens 130 Menschen.

"Afrikas Weltkrieg"

Es ist das jüngste Kapitel in einem seit zwei Jahrzehnten währenden Konflikt, der in seiner Hochphase zwischen 1998 und 2003 mitunter als "Afrikas Weltkrieg" bezeichnet wurde: Etwa drei Millionen Menschen sind Schätzungen zufolge bislang darin gestorben; teils als unmittelbare Opfer von Kämpfen, teils an Hunger und Krankheiten.

Der Konflikt zwischen den zahlreichen bewaffneten Gruppierungen im Osten des Kongo - es sollen um die 30 sein - wird von einem schwer durchschaubaren Gemisch an Interessen und Motiven befeuert: Die Region ist reich an Rohstoffen, zum Beispiel an Coltan, einem Erz, aus dem das Metall Tantal gewonnen wird, das für die Herstellung von Mobiltelefonen unverzichtbar ist. Hinzu kommen die Nachbeben des Völkermords im Nachbarland Ruanda 1994: Damals hatten Angehörige der dortigen Hutu-Mehrheit mehr als 800.000 Tutsi getötet. Viele der Täter flohen in den benachbarten Kongo, leben seitdem in der Region um Goma und bilden ihrerseits Milizen wie die "Demokratischen Kräfte für die Befreiung von Ruanda" (FDLR).

Die Tutsi-geführte Rebellentruppe M23, die größte der bewaffneten Gruppen in der Region, ist berüchtigt für Vergewaltigungen, Erpressung, das Rekrutieren von Kindersoldaten - doch ihr Hauptgegner, die staatliche kongolesische Armee, macht auch nicht gerade durch Gesetzestreue von sich reden.

Blamage für die UN-Blauhelme

Im November vergangenen Jahres fielen Horden von Soldaten über mehrere Dörfer her, plünderten Häuser und vergewaltigten binnen zweier Tage mehr als 100 Frauen, unter ihnen sechs Jahre alte Mädchen. Das systematische Vorgehen in Kleingruppen schildert ein UN-Bericht: "Einer oder zwei der Soldaten verschwanden mit der Beute, mindestens ein weiterer stand Wache, während die übrigen Soldaten die Frauen und Mädchen im Haus vergewaltigten."

Seit Gründung von M23 im April 2012 (deren Anführer waren zeitweise in die kongolesische Armee integriert, ehe sie im Streit mit der Regierung desertierten) haben die Kämpfe schätzungsweise 800.000 Menschen zu Flüchtlingen gemacht. Im November vergangenen Jahres, drei Monate nach Unterzeichnung eines Friedensabkommens, nahm die M23 vorübergehend Goma ein, die größte Stadt der Region, und blamierte so abermals die UN-Blauhelme der Kongo-Mission "Monusco", denen seit Jahren immer wieder Untätigkeit vorgeworfen wird. Das soll nun auf keinen Fall wieder passieren; ein Monusco-Sprecher drohte deshalb vergangene Woche, die neue Truppe werde die Rebellen "mit den notwendigen Mitteln, einschließlich tödlicher Gewalt", aufhalten, sollten diese auf die Stadt vorrücken.

Unterstützung durch ruandische Regierung

Was den Konflikt zusätzlich verkompliziert, ist die Rolle der ruandischen Regierung: UN und Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch haben in den vergangenen Jahren immer neue Indizien dafür vorgebracht, dass die Rebellentruppe M23 von der ruandischen Regierung unterstützt wird. Die bestreitet das kategorisch und wirft ihrerseits der kongolesischen Armee vor, mit Tätern des Völkermords von 1994 gemeinsame Sache zu machen. In dieses Chaos hinein platzte vergangene Woche unerwartet ein weiterer Akteur: Die "Allied Democratic Forces" (ADF) attackierten eine Kleinstadt nahe der ugandischen Grenze.

Die Rebellentruppe hatte in den Neunzigerjahren mit Bombenanschlägen in Uganda Terror verbreitet, erregte in den vergangenen Jahren jedoch nur noch wenig Aufsehen. Inzwischen jedoch soll sie laut UN-Informationen mit der islamistischen Al-Shabaab-Miliz in Somalia in Verbindung stehen und von dort auch Waffen beziehen - wohl um Racheakte dafür zu verüben, dass ugandische Truppen im Rahmen einer Mission der Afrikanischen Union in Somalia gegen die Islamisten kämpfen.

Entbindung während der Flucht

Der jüngste Angriff der ADF löste eine weitere, gewaltige Flüchtlingswelle in der Region aus: Im Laufe der Woche registrierte das Rote Kreuz in Uganda mehr als 66.000 Menschen, die auf der Flucht vor den Rebellen die Grenze überquert hatten; viele von ihnen versteckten sich in den Wäldern, unter ihnen Schwangere und kranke Kinder.

Eine ugandische Zeitung berichtete, mindestens fünf Frauen hätten während der Flucht entbunden. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen warnt vor zunehmender Seuchengefahr. Und das ugandische Militär versucht, durch Kontrollen zu verhindern, dass inmitten der Flüchtlingstrecks Kämpfer der ADF die Grenze überqueren, um ihr Land zu infiltrieren.

Nun also auch noch die somalische al-Shabaab als Akteur im Ostkongo: Hoffnung auf ein baldiges Ende von Afrikas Weltkrieg weckt das nicht gerade.

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Quelle:
SZ vom 24.07.2013/ratz
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