Konflikte:Humanitäre Lage in Gaza spitzt sich zu

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Raketen werden aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert. Foto: Leo Correa/AP/dpa (Foto: dpa)

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Tel Aviv/Gaza/Washington (dpa) - Angesichts der Not Hunderttausender Flüchtlinge im Süden des Gazastreifens hoffen Helfer auf eine Öffnung des ägyptischen Grenzübergangs Rafah für humanitäre Lieferungen. Es wäre der einzige Weg, um Hilfe in den von Israel abgeriegelten Küstenstreifen zu bringen. Rund 2000 Tonnen Güter standen dafür nach Angaben des Ägyptischen Roten Halbmonds gestern bereit. Der Übergang blieb zunächst geschlossen.

Menschen auf der Flucht

Inzwischen sind nach UN-Angaben etwa eine Million Menschen vor der erwarteten israelischen Bodenoffensive vom nördlichen Gazastreifen in den Süden geflohen. Das Nothilfebüro der Vereinten Nationen (OCHA) schlug Alarm, dass Wasser, Nahrung und Treibstoff zu Neige gingen.

Die Krisendiplomatie geht weiter: Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) wird heute zu einem Solidaritätsbesuch in Israel erwartet. Die Bundesregierung geht davon aus, dass seit Beginn der Terrorattacken der islamistischen Hamas insgesamt rund 4000 Deutsche Israel verlassen haben, davon rund 3000 deutsche Staatsbürger mit den vom Auswärtigen Amt organisierten Sonderflügen.

Angst vor Stillstand von Generatoren in Krankenhäusern

Die Krankenhäuser des palästinensischen Küstenstreifens verfügten noch über Treibstoffreserven für 24 Stunden, um Notfallgeneratoren zu betreiben, teilte OCHA mit. Ein Stillstand würde Tausende Patienten in "unmittelbare Gefahr" bringen. Das UN-Hilfswerk für Palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) teilte mit, man sehe sich nicht mehr in der Lage, die zunehmende Anzahl von Flüchtlingen im Süden des Gazastreifens ausreichend zu versorgen. Es mangele an Platz in den Unterkünften, Wasser und psychologischer Unterstützung.

Hamas veröffentlicht erstes Video von mutmaßlicher Geisel

Indes veröffentlichte die islamistische Hamas erstmals ein Video mit einer mutmaßlichen Geisel im Gazastreifen. Darin sieht man, wie einer jungen Frau eine Wunde am Arm verbunden wird, anschließend spricht sie direkt in die Kamera. "Ich bin 21 Jahre alt und komme aus Schoham", sagt die Frau in dem rund einminütigen Clip. Sie sei aktuell in Gaza und dort in einem Krankenhaus behandelt worden. "Holt mich hier bitte so schnell wie möglich raus", sagt sie weiter.

Unklar war, wo, wann und unter welchen Umständen das Video entstanden ist. Medienberichten zufolge soll es sich um eine Israelin handeln, die auch die französische Staatsangehörigkeit hat. Demnach wurde die Frau nach dem Massaker von Terroristen der Hamas im Süden Israels als vermisst gemeldet.

Das israelische Militär teilte in der Nacht mit, dass die Frau entführt worden sei. Die Armee sei in Kontakt mit der Familie. Man tue alles dafür, die Geiseln zurückzuholen. "In dem Video versucht sich die Hamas als humane Organisation darzustellen. Dabei ist sie eine mörderische Terrororganisation, die für den Mord und die Entführung von Babys, Frauen, Kindern und Senioren verantwortlich ist", teilte die israelische Armee mit.

Weiter Luftangriffe auf Gazastreifen - 199 entführte Israelis

Israel hatte angesichts einer wahrscheinlich bevorstehenden Bodenoffensive mehr als eine Million Palästinenser im Norden des Küstenstreifens zur Evakuierung in den Süden aufgefordert. Als Reaktion auf Massaker der islamistischen Hamas vor rund einer Woche hatte das israelische Militär den Gazastreifen abgeriegelt und fliegt massive Luftangriffe auf den dicht besiedelten Küstenstreifen.

Die Bombardierungen gingen nach Angaben des Militärs in der Nacht zu Montag weiter. Israel will nach eigenen Angaben die im Gazastreifen herrschende Hamas zerstören, die bei dem Terrorangriff auf Israel mehr als 1400 Menschen getötet hat. Zudem wurden laut Armeeangaben nach neuesten Angaben mindestens 199 Personen in den Gazastreifen verschleppt. Die Zahl der getöteten Palästinenser stieg nach Angaben aus dem Gazastreifen auf 2750.

Israels Armee teilte mit, es seien bislang sechs ranghohe Hamas-Mitglieder getötet worden. Darunter seien sowohl Mitglieder des militärischen als auch des politischen Flügels.

Israel dementiert Berichte über Feuerpause

Berichte über eine angebliche Feuerpause mit der Hamas dementierte Israel unterdessen. "Es gibt keine Waffenruhe", teilte das Büro von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit. Zuvor hatte es Berichte gegeben, eine mehrstündige Feuerpause solle die Ausreise ausländischer Staatsbürger nach Ägypten sowie die Einfuhr von Hilfsgütern über den Rafah-Grenzübergang ermöglichen.

Israel und Ägypten haben sich Berichten zufolge bislang nicht darauf einigen können, wie Hilfslieferungen nach Gaza überprüft werden, um Waffenschmuggel zu verhindern.

Erneuter Beschuss an Grenze zwischen Israel und dem Libanon

An der israelisch-libanesischen Grenze ist es am Montag erneut zu Feuergefechten gekommen. Die israelische Armee bestätigte den Beschuss aus dem Libanon. Soldaten an der Grenze seien beschossen worden. Es gebe keine Berichte über Verletzte. Die israelische Armee haben mit Artilleriefeuer reagiert.

Die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah erklärte, sie habe fünf israelische Posten im Grenzgebiet angegriffen. Laut einer libanesischen Sicherheitsquelle wurde bei den Gegenangriffen der israelischen Armee auch ein Posten der libanesischen Armee getroffen.

Israel evakuiert 28 Orte im Südlibanon

Nach wiederholten Angriffen der proiranischen Hisbollah-Miliz aus dem Südlibanon auf Israel sollen Orte in bis zu zwei Kilometer Entfernung zum Grenzgebiet evakuiert werden. Das Büro des israelischen Verteidigungsministers Joav Galant teilte mit, dies betreffe 28 Ortschaften an der Nordgrenze. Israel verstärkte dort seine Truppen.

Der israelische Armeesprecher Daniel Hagari sagte, Israel reagiere entschlossen auf jeden Angriff auf sein Gebiet. Die Armee sei in der Lage, sich mit zwei oder mehr Fronten auseinanderzusetzen. Am Sonntag hatte die Armee bereits einen vier Kilometer breiten Streifen im Grenzgebiet zu einer Sperrzone erklärt.

Blinken: US-Präsident Biden besucht am Mittwoch Israel

US-Präsident Joe Biden will morgen Israel besuchen. Das kündigte US-Außenminister Antony Blinken in Tel Aviv an. Blinken war gestern zum zweiten Mal binnen weniger Tage mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu und Israels Präsident Izchak Herzog zusammengekommen. Bereits am Donnerstag hatte Blinken die beiden in Israel getroffen.

In dem Gespräch mit Netanjahu habe Blinken von seinen Gesprächen in der Region berichtet und ein Update zur Lage in Israel erhalten, teilte das Außenministerium in Washington mit. Mit Netanjahu und Herzog habe er über den Schutz von Zivilisten und die Bemühungen um die Freilassung der von der Hamas festgehaltenen Geiseln gesprochen.

US-Präsident Biden hält es für einen "großen Fehler", sollte Israel den Gazastreifen wieder besetzen. "Die extremen Elemente der Hamas repräsentieren nicht das gesamte palästinensische Volk. Und ich denke, es wäre ein Fehler von Israel, Gaza erneut zu besetzen", sagte Biden in einem Interview der CBS-Nachrichtensendung "60 Minutes".

Antwortend auf die Frage des Moderators Scott Pelley, ob der US-Präsident eine Gaza-Besetzung an diesem Punkt unterstützen würde, sprach Biden sogar von einem "großen Fehler". "Hineinzugehen und die Extremisten auszuschalten", sei allerdings notwendig, sagte er weiter. Das am Sonntagabend (Ortszeit) ausgestrahlte Gespräch im Weißen Haus war bereits am späten Donnerstag aufgenommen worden.

Britischer Premier: Bisher etwa 500 Menschen ausgeflogen

Die britische Regierung hat nach den tödlichen Angriffen der Hamas auf Israel bisher mehrere Hundert Menschen ausgeflogen. "Wir haben bisher acht Flüge organisiert, mehr als 500 Menschen rausgebracht", sagte Sunak am Montag im Parlament in London. Weitere Flüge sollten noch am gleichen Tag starten. Sie arbeiteten auch mit benachbarten Staaten zusammen, um für ihre Staatsbürger in Gaza und dem Westjordanland Evakuierungen auf dem Landweg zu ermöglichen, sagte Sunak. Er habe mit dem ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi über den Grenzübergang Rafah gesprochen.

Weiterhin hat Sunak bestätigt, dass bei den Angriffen auf Israel mindestens sechs britische Staatsbürger ums Leben gekommen sind. Zehn weitere Menschen würden vermisst, sagte Sunak im Parlament in London. Es werde befürchtet, dass einige von ihnen tot seien. Sunak verurteilte den Angriff der Hamas.

© dpa-infocom, dpa:231016-99-577860/32

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