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Konflikte - Hamburg:Geflüchtete Studierende zieht es nach Hamburg

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Hamburg (dpa/lno) - Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat dort auch Studierende aus anderen Ländern in die Flucht getrieben. Viele sind nach Deutschland gekommen, 450 nach Angaben der Innenbehörde bisher allein nach Hamburg. Anders als Studierende mit ukrainischer Staatsangehörigkeit haben solche aus Drittstaaten in Deutschland keine generelle Aufenthaltserlaubnis, sofern ihre Herkunftsländer als sicher gelten.

In der Hansestadt haben sich Innen- und Wissenschaftsbehörde darauf verständigt, ihnen dennoch eine Möglichkeit zu geben, ihr Studium hier fortzusetzen. Darüber hinaus setze sich der rot-grüne Senat auf Bundesebene dafür ein, dass aus der Ukraine geflüchteten Studierenden aus Drittstaaten auch bundesweit eine Aufenthaltserlaubnis erteilt werden kann, teilte die Wissenschaftsbehörde auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit.

"Studierende aus der Ukraine, die keine ukrainische Staatsangehörigkeit haben, können in Hamburg zunächst für die Dauer von sechs Monaten eine Fiktionsbescheinigung erhalten", so die Behörde. "Sie haben damit Anspruch auf Sozialleistungen und können arbeiten." Während des halben Jahres hätten sie Zeit, die Voraussetzungen für die Fortsetzungen ihres Studiums zu erfüllen. Dazu gehörten insbesondere die Sicherung ihres Lebensunterhaltes und der Nachweis über einen Studienplatz. "Sobald diese Voraussetzungen vorliegen, können sie einen Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis zu Studienzwecken stellen."

Nach Angaben der Innenbehörde wurden beim Amt für Migration bis Ende der Woche für 450 aus der Ukraine geflohene Studierende ohne ukrainische Staatsangehörigkeit aus 30 verschiedenen Herkunftsländern solche Fiktionsbescheinigungen ausgestellt.

Für das aktuell laufende Sommersemester, für das die Bewerbungsfrist am 15. Januar ablief, kamen die Flüchtlinge in jedem Fall zu spät - der russische Angriff begann am 24. Februar. Für das Wintersemester 2022/23 endet die Bewerbungsfrist Mitte Juli.

Die Universität Hamburg (UHH) bietet sogenannte Fachklassen an, in denen sich internationale Studierende erst einmal orientieren können und Unterstützung erhalten, etwa bei der Anerkennung der Zeugnisse oder beim Spracherwerb. "Sie erhalten die Möglichkeit, in die Fakultäten reinzuschnuppern, Vorlesungen als Gäste zu besuchen, aber auch Kontakt zu Studierenden aufzubauen oder den Sport zu nutzen", sagte Jana Hesse vom Koordinationszentrum #UHHhilft der dpa. "Das alles zielt natürlich darauf ab, eine Bewerbung auszulösen und im Idealfall den Weg ins Regelstudium zu finden."

Zum aktuellen Sommersemester habe es bereits 614 Anmeldungen für das Programm gegeben. "Von denen waren 200 mit Ukraine-Bezug. Und davon wiederum waren 75 Personen ukrainische Staatsbürger und 125 Personen internationale Studierende aus der Ukraine mit anderen Herkunftsländern." Vielfach seien dies afrikanische Länder. "Sehr viele Personen stammen aus Ghana; Nigeria ist stark vertreten, der Sudan. Einige kommen aus Marokko, Libyen, Kongo - also relativ breit gestreut."

Dass es Kursteilnehmer schaffen können, zum Wintersemester die Voraussetzungen für eine Fortsetzung ihres Studiums nachzuweisen, sieht Hesse skeptisch. "Zum einen liegt es daran, dass die Zeugnisse noch bewertet werden müssen - wenn sie denn vorliegen. Denn viele Personen konnten keine Zeugnisse mitbringen." In einem solchen Fall gebe es an der Uni die Möglichkeit, "durch ein mehrstufiges Verfahren die Plausibilität ihrer Bildungsbiografie zu begründen und so gegebenenfalls einen Weg an die Hochschule zu finden".

Ein weiteres Problem sei die deutsche Sprache. Bachelorstudiengänge würden in Hamburg nur auf Deutsch angeboten und nur wenige Masterstudiengänge auf Englisch. "Um ein Bachelorstudium aufzunehmen, müssen C1-Sprachkenntnisse in Deutsch nachgewiesen werden", sagte Hesse. "Das ist sehr schwierig. Das Erreichen dieses C1-Niveaus wird mindestens ein Jahr in Anspruch nehmen, würde ich behaupten."

Zudem habe ein Großteil der geflüchteten internationalen Studierenden in der Ukraine Medizin studiert. Die Zugangsbarrieren dazu seien hierzulande hoch und die Zahl der Plätze für internationale Studierende in Hamburg begrenzt. "Wir bewegen uns hier in einem Rahmen von unter 20." Manche Geflüchtete versuchten deshalb, in anderen EU-Ländern einen Studienplatz zu bekommen. Andere überlegten den Wechsel in medizin-verwandte Studiengänge oder auch in Ausbildungsberufe im Gesundheitsbereich.

Anders als andere internationale Studierende, die sich im Heimatland auf ein Auslandsstudium vorbereiten könnten, seien Geflüchtete vor "viel elementarere Probleme gestellt", sagte Hesse. "Es geht um Fragen wie Unterbringung und Versorgung. Außerdem kann eine Flucht traumatisierend sein." Vor diesem Hintergrund sehe sie eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit: "Die Erwartungen, dass die Voraussetzung für eine Studienaufnahme in einem halben Jahr erfüllt sind, sind schwierig."

Durch die Möglichkeit, zumindest für ein halbes Jahr gesichert hier bleiben zu können, um die Aufnahme eines Studiums vorzubereiten, gebe es unter den internationalen Studierenden aus der Ukraine ein großes Interesse, nach Hamburg zu kommen, sagte Hesse. "Wir erhalten sehr, sehr viele Anfragen auch von Personen, die sich aktuell noch gar nicht in Hamburg befinden."

© dpa-infocom, dpa:220605-99-552836/2

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