Konflikte:Bericht: Israel verschiebt Bodenoffensive wegen des Wetters

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Rauch steigt im Gazastreifen nach einem israelischen Luftangriff auf. Foto: Leo Correa/AP/dpa (Foto: dpa)

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Tel Aviv/Gaza (dpa) - Israels Militär hat den geplanten Einmarsch in den Gazastreifen einem US-Medienbericht zufolge wegen widriger Wetterbedingungen um einige Tage verschoben. Die Bodenoffensive hätte eigentlich schon dieses Wochenende beginnen sollen, sei aber wegen des bewölkten Himmels und der deswegen erschwerten Sicht für Piloten und Drohnen vertagt worden, berichtete die "New York Times" unter Berufung auf drei namentlich nicht genannte, ranghohe israelische Offiziere. Ziel ist es, die politische und militärische Führungsebene der Islamistenorganisation Hamas auszulöschen, die vor einer Woche Massaker mit Hunderten Todesopfern in Israel begangen hat.

Die Militäroperation berge die Gefahr, dass sich Israel in monatelange blutige Häuserkämpfe verstricke, heißt es in dem Bericht. Es werde angenommen, dass sich Zehntausende von Hamas-Kämpfern in Bunkern und Hunderte Kilometer langen unterirdischen Tunnelsystemen unter Gaza-Stadt und den umliegenden Teilen des nördlichen Gazastreifens verschanzt haben. Israels Armee gehe davon aus, dass die Hamas versuchen wird, ihr Vorankommen zu behindern, indem sie Tunnel sprenge, während die Bodentruppen über sie vorrücken. Die Hamas plane zudem, durch geheime Tunnelausgänge hinter die israelischen Linien zu gelangen und von hinten anzugreifen. Ein strategisches Dilemma sei zudem, dass die Terroristen sich unter der Erde besonders effektiv mit Geiseln verschanzen könnten.

Neben Infanterieeinheiten wird Israels Eingreiftruppe auch Panzer und Pioniere umfassen, fügten die Offiziere laut der Zeitung hinzu. Die Bodentruppen bekämen Deckung von Kampfflugzeugen, Kampfhubschraubern, Drohnen und Artillerie vom Land wie auch vom Meer aus, hieß es. Israelische Beamte warnen davor, dass die Hamas israelische Geiseln töten und Zivilisten als menschliche Schutzschilde einsetzen könnte. Zudem hätten sie das Gebiet mit Sprengfallen übersät, berichtete die "New York Times" weiter.

Zentausende auf der Flucht

Vor der erwarteten israelischen Bodenoffensive sind im Gazastreifen Zehntausende Zivilisten auf der Flucht in den Süden des Gebiets. Die israelische Armee hatte über zwei zeitlich begrenzte Fluchtrouten informiert, die bis zum Samstagnachmittag von Angriffen verschont bleiben sollten.

Seit den beispiellosen Hamas-Massakern in Israel am Samstag vergangener Woche fliegt das israelische Militär heftige Luftangriffe auf Ziele im Gazastreifen. Dabei wurden nach Angaben des israelischen Militärs vom Samstag auch zwei der mutmaßlichen Hamas-Drahtzieher der blutigen Angriffe getötet. Die Zerstörungen sind massiv. Insgesamt starben im Gazastreifen mehr als 2200 Menschen, über 8700 wurden verletzt, wie das Gesundheitsministerium mitteilte.

Scharfe Kritik an Israel von Nachbarländern

Saudi-Arabien und auch Ägypten, mit dem Israel schon 1979 Frieden geschlossen hat, kritisierten den Aufruf des israelischen Militärs zur Massenevakuierung von mehr als einer Million Bewohnern des nördlichen Gazastreifens scharf. Saudi-Arabien lehne die "Zwangsumsiedlung ab", teilte das Außenministerium mit. Alle Formen der militärischen Eskalation, die sich gegen Zivilisten richteten, müssten gestoppt werden. Den Menschen im Gazastreifen seien die Grundvoraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben entzogen worden, was "einen Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht" darstelle, hieß es aus Riad. Ägypten sprach von "einer schwerwiegenden Verletzung der Regeln des humanitären Völkerrechts".

Scholz und Netanjahu warnen vor Flächenbrand

Bundeskanzler Olaf Scholz sicherte den Menschen in Israel in einem Telefonat mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erneut die volle Solidarität Deutschlands zu. Beide seien sich einig gewesen, "dass es gilt, einen regionalen Flächenbrand und insbesondere das Eingreifen der Hisbollah in den Konflikt zu vermeiden", teilte Regierungssprecher Steffen Hebestreit. Die Schiitenorganisation im Südlibanon ist ein enger Verbündeter des Irans und war bereits 2006 in einen Krieg mit Israel verwickelt. In den vergangegen Tagen kam es an der Grenze zu mehreren Gefechten mit Toten auf beiden Seiten.

USA und Saudi-Arabien betonen Zusammenarbeit

Die USA und Saudi-Arabien betonen indessen ihre Zusammenarbeit. Der gemeinsame Austausch sei wichtig, sagte US-Außenminister Antony Blinken bei einem Treffen mit seinem saudischen Amtskollegen Faisal bin Farhan Al Saud am Samstag in Riad laut einem Transkript des US-Außenministeriums. Dieser äußerte sich demnach ähnlich. Es sei wichtig sicherzustellen, dass dieser Konflikt nicht auf andere Orte und andere Fronten übergreife.

US-Präsident Joe Biden sprach mit Israels Premierminister Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas über den Schutz der Zivilbevölkerung angesichts des blutigen Konflikts gesprochen. Mit Netanjahu habe Biden sich in einem Telefonat am Samstag über den Zugang "unschuldiger Zivilisten" zu Wasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung ausgetauscht, teilte das Weiße Haus mit. Biden habe dabei seine Unterstützung für alle Bemühungen zum Schutz der Zivilbevölkerung bekräftigt.

Wasser im Gazastreifen wird knapp

Das UN-Hilfswerk für Palästinensische Flüchtlinge (UNRWA) warnte mit drastischen Worten vor einer lebensbedrohlichen Wasserknappheit für die Menschen im Gazastreifen durch die israelische Blockade. "Es ist eine Frage von Leben und Tod geworden", sagte Philippe Lazzarini, UNRWA-Generalkommissar. Es müsse dringend Treibstoff geliefert werden, um Wasser für zwei Millionen Menschen bereitstellen zu können. "Die Menschen, darunter kleine Kinder, Ältere und Frauen, werden an schwerer Dehydrierung sterben", warnte Lazzarini.

Israel macht Ende der Blockade von Geiselfreilassung abhängig

Nach den blutigsten Massakern an israelischen Zivilisten seit der Staatsgründung hat Israel den nur 40 Kilometer langen und zwischen sechs und zwölf Kilometern breiten Küstenstreifen abgeriegelt. Die Wiederaufnahme der Versorgung macht die Regierung von der Freilassung von bis zu 150 von der Hamas verschleppten Israelis abhängig. Einem unbestätigten Medienbericht zufolge bargen israelische Soldaten bei ersten begrenzten Kommandounternehmen im Gazastreifen Leichen von Verschleppten. Die Hamas berichtete, bisher seien 22 Geiseln durch israelischen Beschuss gestorben.

Baerbock: Intensiver Einsatz für Freilassung der Geiseln

Nach Krisengesprächen in Ägypten appelierte Außenministerin Annalena Baerbock eindringlich an die Hamas, alle aus Israel verschleppten Geiseln freizulassen. Der Bundesregierung seien acht Fälle von deutschen Staatsangehörigen unter ihnen bekannt - die meisten Doppelstaatler, sagte die Grünen-Politikerin nach einem Treffen mit ihrem ägyptischen Kollegen Samih Schukri in Kairo. Man nutze alle Kanäle, "um alles dafür zu tun, dass diese unschuldigen Menschen freigelassen werden".

Irans Außenminister warnt Israel vor Angriffen gegen Hisbollah

Irans Außenminister warnte Israel vor Angriffen gegen die Schiitenorganisation Hisbollah im Südlibanon. "Hinsichtlich der Szenarien gegen die Hisbollah wird jede Aktion ein Erdbeben gegen die Zionisten sein", sagte Amirabdollahian in Beirut.

International wächst die Sorge, dass sich der Konflikt zu einem Flächenbrand entwickelt. Viele Beobachter blicken dabei auf die Hisbollah, die mit der Hamas verbündet ist und bereits 2006 in einen Krieg mit Israel verwickelt war. Die Organisation gilt als treuer Verbündeter des Irans. Seit dem vergangenen Wochenende kam es an der israelisch-libanesischen Grenze zu mehreren Gefechten mit Toten auf beiden Seiten. Auch ein Reuters-Journalist wurde getötet.

Experten hatten die Vermutung geäußert, dass es die islamistische Hamas mit ihrem verheerenden Angriff auf Israel darauf abgesehen haben könnte, die unter Vermittlung der USA angestrebte Normalisierung zwischen Israel und Saudi-Arabien zu verhindern.

UN warnen vor Katastrophe

Die UN befürchten nach Angaben eines Sprechers eine "katastrophale Situation", sollte die Armee in das dicht besiedelte Küstengebiet einmarschieren. Augenzeugen berichteten von Panik unter der Bevölkerung. Die UN forderten Israel auf, die Anweisung zur Evakuierung der etwa 1,1 Millionen Menschen zu widerrufen. UN-Generalsekretär António Guterres forderte sofortigen Zugang zum Gazastreifen für humanitäre Hilfe. Auch der EU-Außenbeauftragter Josep Borrell bezeichnete die Massenevakuierung als unmöglich.

US-Präsident Joe Biden sicherte Israel erneut die Solidarität zu, äußerte sich aber ebenfalls besorgt. "Wir dürfen die Tatsache nicht aus den Augen verlieren, dass die überwältigende Mehrheit der Palästinenser nichts mit Hamas oder den abstoßenden Attacken der Hamas zu tun hat", sagte Biden.

Auswärtiges Amt: 2800 Deutschen und Angehörigen bei Ausreise geholfen

Das Auswärtige Amt hat nach eigenen Angaben etwa 2800 Bundesbürger und Familienmitglieder bei der Ausreise aus Israel unterstützt. Die Menschen hätten das Land nach Beginn der Angriffe der islamistischen Hamas vor einer Woche zu Land, Luft und See verlassen. An diesem Sonntag gebe es eine Ausreisemöglichkeit mit Sonderflügen der Fluggesellschaft Condor aus der jordanischen Stadt Akaba, die direkt an der Südgrenze Israels liegt.

© dpa-infocom, dpa:231014-99-560861/17

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