Konflikt zwischen Israel und Hamas:Was den Krieg im Gazastreifen beendet

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Reflexhaft versuchen die Vermittler im Nahostkonflikt, die Waffen zum Schweigen zu bringen. Doch für den Frieden braucht es eine Paketlösung: Ruhe für Israels Bevölkerung, ein besseres Leben für die Palästinenser.

Ein Kommentar von Peter Münch, Tel Aviv

Tote Kinder am Strand, Leichen auf den Straßen, Familien, die auf der Flucht umherirren - der Krieg im Gazastreifen produziert Bilder, die aufrütteln und zum Handeln drängen. Es ist also eine gute Nachricht, dass US-Präsident Barack Obama nun ein "sofortiges Ende der Kämpfe" fordert und seinen Außenminister John Kerry in die Region geschickt hat. Dort ist bereits Ban Ki Moon, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, im Verhandlungsfieber.

Doch die schlechte Nachricht ist, dass selbst der mächtigste Mann der Welt und der oberste Vertreter der Weltorganisation keinen Frieden schaffen können, den die Konfliktparteien nicht wollen. Die Waffen werden erst schweigen, wenn die Israelis und die Hamas es wünschen - und beide scheinen damit noch keine Eile zu haben, ungeachtet all der Toten.

Es geht nicht um Sieg oder Niederlage

Zu den komplizierten Grundkonstellationen dieses Konflikts gehört es, dass es in den periodisch geführten Kriegen um Gaza nicht um Sieg oder Niederlage geht. Es geht um die Wiederherstellung einer fragilen Balance. Natürlich könnte eine Militärmacht wie Israel, die dank amerikanischer Milliardenhilfen mit modernsten Waffen ausgerüstet ist, die Fußtruppen der Hamas besiegen - wenn nicht im Handstreich, dann doch zumindest in zähen Kämpfen. Der Preis dafür allerdings wäre hoch: Der Gazastreifen müsste langfristig besetzt werden, ein permanent schwelender Guerillakrieg müsste in Kauf genommen werden. Das liegt nicht im israelischen Interesse.

Daraus ergibt sich eine unausgesprochene Komplizenschaft zwischen den Konfliktparteien. Beide wissen, dass die Hamas geschwächt, aber nicht gestürzt werden soll. Es gibt folglich nur zwei Arten, einen solchen Krieg zu beenden: Entweder durch Erschöpfung auf beiden Seiten - und davon ist trotz der steil ansteigenden Todeszahlen bei den Palästinensern sowie der unerwartet hohen Verluste der israelischen Armee noch wenig zu spüren. Oder durch Befriedigung oder zumindest den Abgleich von Interessen. Das klingt nach Quadratur des Kreises - eine geometrische Unmöglichkeit, aber doch die Aufgabe jeder Vermittlungsmission.

Israels Interessen: Die Führung in Jerusalem hat sich nicht auf eine gefahrvolle und verlustreiche Bodenoperation eingelassen, um unvollendeter Dinge wieder abzuziehen. Anders als manche Krakeeler aus seinem Kabinett hat Premierminister Benjamin Netanjahu die Ziele allerdings nicht unerreichbar hoch gesteckt. Sein Ceterum censeo in diesem Krieg lautet: Die Ruhe muss wiederhergestellt werden - und sie muss von größerer Dauer sein als beim letzten Mal, als der Waffenstillstand nur anderthalb Jahre hielt.

Tote Zivilisten sind Teil des Kalküls der Hamas

Israels Regierung könnte also die Mission als erfüllt ansehen, wenn die Tunnel der Hamas zerstört und ihre Raketenarsenale deutlich dezimiert sind. Das ist der Argumentations-Pfad, auf dem die Armee in nicht allzu langer Zeit aus diesem Krieg wieder herauskommen könnte.

Allerdings bleibt die Frage, ob die Hamas sie heraus lässt. Denn deren Anführer haben ihre Ziele hochgesteckt: Keine Waffenruhe ohne ein Ende der Blockade. Das klingt vermessen angesichts der Kräfteverhältnisse. Doch der größte Trumpf der Hamas war nie ihre Stärke, sondern die Opferrolle. Die toten Zivilisten sind Teil ihres zynischen Kalküls; auch ein noch so hoher Blutzoll wird sie nicht einknicken lassen. Die Hamas weiß, dass die Toten nicht auf ihren Schultern lasten, sondern auf den israelischen. Je mehr Tote, desto größer wird der Druck auf die Regierung in Jerusalem.

Hamas hat die Zeit auf ihrer Seite

So hat die Hamas die Zeit auf ihrer Seite - und nebenbei hat sie keine andere Wahl. Denn eine Rückkehr zu den Vorkriegsverhältnissen wäre für sie der Tod auf Raten. Draußen in der weiten Welt gibt es außer von Katar und der Türkei keinerlei Rückhalt mehr. Drinnen in der Enge des Küstenstreifens murren selbst die eigenen Anhänger, weil seit Monaten nicht einmal die Sicherheitskräfte ihren Sold bekommen. Genau deswegen hat sich die Hamas in größter Verzweiflung in diesen Krieg gestürzt. Wer sie wieder herausholen will, muss ihr also mehr bieten.

Reflexhaft richten die Vermittler ihre Kräfte nun darauf, erst einmal die Waffen zum Schweigen zu bringen. Alles Weitere kann dann verhandelt werden. So dachten auch vorige Woche die Ägypter, deren Plan aber sofort scheiterte. Diese Erfahrung zeigt: Für einen Vermittlungserfolg braucht es eine Paketlösung. Darin müssen garantiert sein: Ruhe für Israels Bevölkerung, aber auch eine deutliche Verbesserung der Lebensbedingungen für die palästinensische Bevölkerung. Der Gazastreifen braucht neue Hoffnung. Dies ist nicht nur der einzige Weg, um diesen Krieg zu beenden. Es ist auch der beste Weg, um den nächsten zu vermeiden.

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