Konflikt in der Ukraine:Gefahr für Politiker und Journalisten

Gleichwohl wirkt das Vorgehen der Separatisten im Südosten nicht wie eine spontane Reaktion, sondern wie eine geplante Terrorkampagne. Die Hinweise dafür sind so vielfältig wie grausam: Binnen zehn Tagen werden in der Region Donezk vier Politiker der nationalistischen Swoboda-Partei entführt. In Donezk verwüsten maskierte Bewaffnete die Zentrale der Udar-Partei Wladimir Klitschkos. In Krasnij Liman in der Nähe von Slawjansk wird am 7. Mai Walerij Sado, ein Maidan-Aktivist und Führer der proukrainischen Bewegung Proswita, von maskierten Bewaffneten entführt - tags darauf findet man seine verbrannte Leiche. In Kramatorsk verschwindet am 6. Mai Wassilij Nesterenko, der der ukrainischen Armee Lebensmittel brachte. Seinen Wagen raubten die Separatisten, woraufhin er sie bei der Polizei angezeigt hatte.

Auch diejenigen, die über die Methoden der Separatisten berichten, sind zusehends in Gefahr. Roman Lazorenko, Chefredakteur des populären Donezker Infodienstes 62.ua, bekam Ende April Besuch von acht teils maskierten Separatisten. "Sie forderten mich auf, die Redaktionspolitik zu ändern, nur noch positiv über die 'Republik Donezk' zu berichten und ihr Spendenkonto bei der russischen Sberbank zu veröffentlichen." Lazorenko weigerte sich . Nach weiteren Drohungen hat er Donezk inzwischen mit Frau und Kindern verlassen. "Die Redaktion ist geschlossen, bisher improvisieren wir und arbeiten weiter", sagt er.

Auch die unabhängigen Infodienste Nowosti Donbassa (ND) und Ostro arbeiten nicht mehr in ihren Donezker Redaktionen. Dem ND-Chefredakteur wurde der Wagen angezündet. Ostro-Chef Sergej Garmasch fuhr am Montag zum Übernachten auf seine Datscha, weil ihm die Wohnung in Donezk nach Drohungen nicht mehr sicher erschien.

"Als ich mich mit zwei Freunden zum Abendessen setzte, zersplitterte das Fenster und Unbekannte schossen auf uns." Garmasch und seine Freunde löschten das Licht - und schossen aufs Geratewohl ins Dunkel zurück, "um zu zeigen, dass auch wir Waffen hatten". Die Attentäter fuhren weg - Garmasch floh nach Kiew. "Die Rebellen haben die Jagd auf alle eröffnet, die nicht ihrer Meinung sind", sagt er.

Lugansk kapituliert

Das gilt nicht nur für Donezk. In der Nachbarregion riefen Separatisten unter dem "Volksgouverneur" Walerij Bolotow am 28. April die Volksrepublik Lugansk aus und begannen tags darauf, Verwaltungssitze, Polizeireviere oder Fernsehsender zu besetzen.

Victory Day celebrations in Ukraine

Auch in Lugansk gibt es Feiern zum "Tag des Sieges" - der kleine Junge schwenkt die Fahne der Separatisten.

(Foto: dpa)

Igor Chodowskij, ein bekannter Anwalt und juristischer Berater von Maidan-Aktivisten, verließ seine Kanzlei - und wurde von vier maskierten, bewaffneten Separatisten erkannt.

Die Rebellen zwangen Chudowskij in seinen Wagen, stiegen hinten ein und befahlen, zur Polizeizentrale zu fahren. "Du wirst vor uns gehen und die Polizisten auffordern, sich zu ergeben", verlangten sie von ihm. Der Anwalt weigerte sich. Als er versuchte, aus dem fahrenden Auto zu springen, schossen ihm die Rebellen zwei Mal in den Rücken und zerrten ihn zurück ins Auto.

Chudowskij hatte Glück im Unglück: An anderer Stelle überredeten Polizeioffiziere die Rebellen, den Schwerverletzten freizugeben. Im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass eine Kugel das Herz nur um Haaresbreite verfehlt hatte. Der durchtrainierte Anwalt verfügt zudem über eine kräftige Konstitution. "Mein Mann ist mittlerweile drei Mal operiert worden", sagt seine Frau Irina. "Er ist außer Lebensgefahr, aber es wird mindestens ein halbes Jahr dauern, bis er halbwegs gesund ist."

Während Freunde und Kollegen Genesungswünsche und fehlende Medikamente schickten, hat laut Irina Chudowskaja keine Regierungsstelle auf den Mordanschlag auf ihren Mann reagiert. "Unser von Kiew eingesetzter Gouverneur hat sich krankgemeldet - und der Staat in Lugansk kapituliert."

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