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Konflikt in der EU:Merkel, geschrumpft auf menschliche Größe

Die Kräfteverhältnisse in Europa haben sich verschoben. Angela Merkel scheint ihre natürliche Führungsrolle eingebüßt zu haben. Doch das muss kein Nachteil sein: Gerade jetzt kann die Kanzlerin dazu beitragen, das angeknackste Vertrauen zwischen den Euro-Staaten wiederherzustellen.

In den zurückliegenden Monaten und Jahren der Krise ist ein beunruhigendes Wechselspiel zu beobachten gewesen: In dem Maße, in dem die Schwäche der Europäischen Union und einer Reihe ihrer Mitglieder evident wurde, wuchs in Deutschland das Gefühl eigener Stärke.

Italian PM Monti Hosts Meeting With German Chancellor Merkel

Das Misstrauen muss überwunden werden - sonst hilft auch kein Schutzschirm: Kanzlerin Angela Merkel am Mittwoch mit Italiens Premier Mario Monti

(Foto: Bloomberg)

Ihren Nachbarn traten die Deutschen nicht länger nur als das größte und wirtschaftlich bedeutendste Land der Union entgegen, sondern stets auch als jenes, das alles richtig gemacht hat - sei es bei der Reform des Arbeitsmarkts oder im Kampf gegen Überschuldung. Daraus resultierte ein Führungsanspruch von Kanzlerin Angela Merkel, der nicht nur ökonomisch, sondern geradezu moralisch begründet zu sein schien.

Aus dieser Perspektive betrachtet wäre die Welt, oder zumindest deren europäischer Teil, nicht mehr in Ordnung seit dem jüngsten EU-Gipfel. Nicht, weil Merkel zu Kompromissen gezwungen gewesen ist. Das war sie auch schon in der Vergangenheit.

Vielmehr deshalb, weil sie ihre natürliche Führungsrolle eingebüßt zu haben scheint. Merkel ist in Brüssel überrascht worden von der Entschlossenheit eines französisch unterstützten italienisch-spanischen Bündnisses. Es erwies sich: Ohne starke Partner ist auch Deutschland schwach.

Ätzender Nord-Süd-Konflikt

Man sollte den Brüsseler Gipfel trotzdem nicht gleich zum Wiener Kongress stilisieren. Es sind keine neuen Grenzen gezogen worden, keine neuen Mächte aufgestiegen. Es haben sich lediglich - nach mehreren Regierungswechseln nicht ungewöhnlich - ein paar Kräfte verschoben; nach der Abwahl von Nicolas Sarkozy insbesondere zwischen Franzosen und Deutschen.

Es fehlt damit vorerst jener Antrieb, auf den sich viele in der Europäischen Union verlassen haben. Eine Möglichkeit wäre es nun, auf eine alte deutsch-französische Gesetzmäßigkeit zu setzen. Darauf, dass Angela Merkel und François Hollande, der Not gehorchend, zueinanderfinden.

Vermutlich werden sie das tun, aber für Europa genügt es längst nicht mehr, durch Frangela die Lücke zu füllen, die Merkozy gerissen hat. Die Union wird bedroht durch einen ätzenden Nord-Süd-Konflikt, der alles zu zerfressen droht, was bisher an europäischer Einigung geschaffen worden ist.