Am Sonntagvormittag hatte der israelische Premier gerade seinem Kabinett einen Namen für den zu Ende gehenden Krieg im Gazastreifen vorgeschlagen, da verließ er den Raum – wegen neuer Nachrichten aus Gaza. Vom „Krieg der Wiedergeburt“ solle von nun an die Rede sein, sagte Benjamin Netanjahu. Um zu würdigen, wie sich Israel nach dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 behauptet habe.
An diesem Sonntag allerdings erlebten Israel und die Menschen in Gaza, dass der Krieg eben noch nicht endgültig vorbei ist. Die israelische Armee teilte mit, sie sei im Süden des Gazastreifens, in der Stadt Rafah, angegriffen worden. Und zwar jenseits der „gelben Linie“, auf die sich die Truppen vor etwas mehr als einer Woche im Rahmen der von US-Präsident Trump vermittelten Waffenruhe zurückgezogen hatten.
Die Hamas klingt am Sonntag, als wolle sie vermeiden, dass der Krieg von Neuem beginnt
Von Schüssen und auch einer Attacke mit einer Panzerfaust sprach die Armee. Und reagierte umgehend mit neuen Luftschlägen auf das palästinensische Gebiet, etwa 20 Luftangriffe flog sie bis zum Sonntagnachmittag. Innerhalb kurzer Zeit änderte sich in Jerusalem der Ton: Premier Netanjahu versprach nun ein „entschlossenes Handeln“ in Gaza, womit er auch auf den Druck innerhalb seiner Regierungskoalition reagierte.
Mehrere Politiker, darunter der rechtsextreme Finanzminister Bezalel Smotrich, forderten, das Land müsse gegen die Hamas wieder in den Kampf ziehen. Smotrich schrieb auf X ein einzelnes Wort: „Krieg!“ Er gehört zu jenen Ministern, die eine Waffenruhe immer abgelehnt haben. Auch Vertreter der Opposition aber schlugen einen harten Ton an: Es müssten nun „alle Optionen auf dem Tisch“ liegen, forderte der frühere Verteidigungsminister Benny Gantz. Am Abend verkündete die israelische Armee, sie werde die Waffenruhe wieder einhalten.
Die Hamas klang am Sonntag, als wolle sie vermeiden, dass der Krieg von Neuem beginnt. Man bleibe der Waffenruhe „verpflichtet“, sagte ein Vertreter der islamistischen Organisation. Mit den neuen Angriffen im Süden des Gazastreifens habe man nichts zu tun – das sei eine lokale dortige Miliz gewesen, die sich mit der Hamas nicht abstimme. Überprüfen lässt sich das von außen kaum, nach wie vor können internationale Journalisten nicht nach Gaza reisen.
Es sei, hieß es von der Hamas, außerdem Israel, das die Waffenruhe gebrochen habe. Einen Tag vorher schon, am Samstag, hatte die israelische Armee im Gazastreifen ein „verdächtiges Fahrzeug“ angegriffen, das die vereinbarte gelbe Linie überquert haben soll. In dem Wagen fuhr offenbar eine Familie, die sich ansehen wollte, ob ihr Haus den Krieg überstanden hat. Elf Menschen starben laut palästinensischen Angaben, alle gehörten zu derselben Familie. Israels Verteidigungsminister sagte, man wolle die gelbe Linie nun mit Schildern markieren.
In den kommenden Tagen wird es darum gehen, ob Israel und die Hamas einander zumindest beim Erfüllen der ersten Bedingungen vertrauen. Dazu gehört vor allem, dass die Hamas nicht nur jene Geiseln freilassen muss, die noch am Leben sind – das geschah am Montag vergangener Woche. Israel verlangt auch, dass alle toten Geiseln in den jüdischen Staat zurückkehren.
Am Wochenende übergab die Hamas zwar weitere Leichname ans Rote Kreuz, darunter die sterblichen Überreste eines thailändischen Staatsbürgers. Die Organisation behauptet aber noch immer, dass es dauere, bis auch die verbleibenden 16 Leichen geborgen werden könnten. Viele befänden sich unter den Trümmern der im Krieg zerstörten Häuser.

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Die israelische Regierung beschuldigt die Hamas, dass sie sich damit ihrerseits nicht an die unterschriebene Waffenruhe halte. Benjamin Netanjahu will deshalb noch immer nicht den Grenzübergang Rafah öffnen, der zwischen dem Gazastreifen und Ägypten liegt. Und nachdem zwischenzeitlich die Lieferung humanitärer Hilfsgüter ausgeweitet worden war, stoppte Israel diese nach Angaben aus Sicherheitskreisen am Sonntagabend, mit Verweis auf eine „eklatante Verletzung“ der Waffenruhe-Vereinbarungen durch die Hamas.
Unterdessen warnte die US-Regierung vor einem „unmittelbar“ bevorstehenden Angriff der Hamas – nicht auf Israel, sondern auf palästinensische Zivilisten. Auch das wäre, so hieß es aus Washington, „ein direkter Verstoß“ gegen die Waffenruhe. Dabei hatte Donald Trump schon nach der Freilassung der lebenden Geiseln die zweite Phase seines Friedensplans ausgerufen, in der die Hamas die Kontrolle in Gaza an eine multinationale Truppe abgeben soll.
Dafür müsste der Frieden halten. An diesem Wochenende hielt er nicht.

