Kommentar Trumps Sieg ist ein Donnerschlag

Mit der Wahl von Trump ist ein anderes Amerika sichtbar geworden. Doch die Leute, die Trump gewählt haben, gibt es schon lange - und sie haben Gründe für ihre Entscheidung.

Kommentar von Hubert Wetzel

Es klingt ja ganz harmlos. Eine Wahl, ein Sieger, eine Verliererin, ein neuer Präsident. Donald Trump hat gewonnen, Hillary Clinton hat verloren. So funktioniert Demokratie. Aber natürlich ist Trumps Sieg ein Donnerschlag. Amerika ist über Nacht ein anderes Land geworden.

Genauer: Es ist über Nacht ein anderes Amerika sichtbar geworden. Denn die Leute, die am Dienstag in Massen Trump gewählt haben, gab es ja schon lange. Und ebenso lange gab es die Gründe, warum diese Leute jetzt Trump gewählt haben.

Man kann es sich einfach machen und Trumps Wähler allesamt als stumpfsinnige Rednecks, Hinterwäldler, Rassisten und verbitterte Arbeitslose abtun. Und man wird jetzt viel Geschwätz darüber hören, dass Trumps Sieg die Rache des dummen weißen Mannes an Barack Obamas buntem Amerika ist. Auf einen Teil der Trump-Wähler trift das vielleicht zu, die allermeisten aber sind ganz normale Bürger, die jeden Tag versuchen, über die Runden zu kommen.

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Viele Amerikaner fühlen sich im Stich gelassen

Nicht wenige von ihnen haben vor acht und vor vier Jahren Barack Obama gewählt, anders ist der Umschwung im Wahlergebnis kaum zu erklären. Aber sie hatten es satt, aus Washington immer Versprechen zu hören, die dann nicht gehalten werden. Für sehr viele Amerikaner hat sich in den acht Obama-Jahren sehr viel verbessert, nicht zuletzt für die 20 Millionen, die jetzt wegen der Gesundheitsreform des Präsidenten eine Krankenversicherung haben.

Aber sehr viele Amerikaner haben eben auch das Gefühl, dass sich für sie nichts verbessert hat: dass sie immer härter arbeiten, am Monatsende aber trotzdem nichts mehr übrig ist; dass "die Politiker" in Washington mehr damit beschäftigt sind, sich und den großen Konzernen die Taschen zu füllen, als den "kleinen Leuten" beizustehen. Man kann diese Analyse aus der volkswirtschaftlichen Vogelperspektive vermutlich anzweifeln. Aber für eine Wahlentscheidung sind kühle Zahlen eben zuweilen unerheblich.

Insofern hatte Trump als Kandidat eine gewisse Berechtigung. Es gab in Amerika eine große Gruppe von Menschen, die sich im Stich gelassen fühlten, die keine politische Stimme hatten, weder im demokratischen, noch im republikanischen Lager. Als Präsident allerdings kann sich Trump nicht darauf beschränken, die Stimme von 47,5 Prozent der Amerikaner zu sein. Er muss zumindest versuchen, auch die 52,5 Prozent der Menschen zu vertreten, die ihn nicht gewählt haben.

Trump taugt nicht zum Versöhner

Kann Trump das? Die Frage ist eher: Versteht er das, und will er es überhaupt? Trump hat im Wahlkampf viel - und zu Recht - über das gespaltene Amerika geklagt. Aber er hat auch keine Sekunde gezögert, die Gräben weiter aufzureißen, wenn es ihm persönlich genützt hat. Es wird jetzt viel Staatstragendes zu hören sein, von Trump selbst und anderen, darüber dass "Amerika wieder zusammenkommen muss", dass das Gemeinsame doch wichtiger sei als das Trennende.

Aber der Wahlkampf hat nicht gezeigt, dass Trump besonders zum Versöhner taugen würde. Im Gegenteil: Er war ein unverschämter, zuweilen rassistischer, egomanischer, impulsiver Bully. Und vermutlich war er so, weil er so ist. Es gibt daher sehr viele Menschen in Amerika - Schwarze, Latinos, Muslime -, die regelrecht Angst vor Trump haben.

Clinton war eine schwache Kandidatin

Das ist eine ebenso neue wie beunruhigende Erfahrung für die Amerikaner. Nach einem monatelangen Wahlkampf voller Hass und einem spektakulären Sieg des (Zitat des deutschen Außenministers) "Hasspredigers" ist nicht erkennbar, wie die Amerikaner wieder zu einem friedlichen Alltag zurückkehren können.

Ein Gedanke zu Hillary Clinton: Die Demokraten werden wohl versuchen, die Niederlage jemandem wie James Comey in die Schuhe zu schieben, dem FBI-Chef, der in den letzten Wahlkampftagen noch einmal die E-Mail-Affäre angefeuert hat.

Aber das ist Blödsinn. Clinton war eine schwache Kandidatin, und sie war die falsche Kandidatin. Sie passte nicht in eine Zeit, die nach Rebellion gegen das Establishment roch. Clinton, die Millionärin, die nach eigenem Bekunden seit zwei Jahrzehnten kein Auto mehr selbst gesteuert hat, weil immer ein Chauffeur bereitstand, erinnerte ein bisschen an Marie Antoinette. Kein Brot? Sollen sie doch Kuchen essen. Solange sie nur wie gewohnt der Königin huldigen. Am Dienstag endete sie auf der Place de la Révolution.

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