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Kommentar:Kulturkampf, global

Das alte Schlagwort hat in der neu aufgeflammten Auseinander- setzung um die dänischen Mohammed-Karikaturen eine beunruhigende Anschaulichkeit gewonnen. Erst jetzt werden die Schlachtfelder und die Waffen dieses Kampfes wirklich sichtbar.

Der Kampf der Kulturen wird nicht mehr zwischen Staaten geführt, nicht einmal zwischen Staaten und bewaffneten Kämpfern wie der "Krieg gegen den Terror", den die USA nach dem 11. September 2001 ausgerufen haben. Vielmehr erleben wir den Zusammenprall von emotionalisierten Öffentlichkeiten auf einer globalen Bühne.

Protest

Protest gegen die Karikaturen in Afghanistan.

(Foto: Foto: dpa)

Die Welt ist kommunikativ umfassend vernetzt, aber sie ist weit davon entfernt, eine zusammenhängende öffentliche Meinung mit gemeinsamen Standards der Verständigung zu bilden.

Was sich nun abzeichnet, ist der explosive Zusammenprall von Ungleichzeitigkeiten und strukturellen Asymmetrien, die sich mit den herkömmlichen Instrumenten internationaler Politik nicht mehr beherrschen und ausgleichen lassen. Und solche Unregierbarkeit droht sich von Fall zu Fall auch auf das Innenleben von Gesellschaften mit Bürgern unterschiedlicher Herkunft auszudehnen.

Die Agitatoren des Hasses benutzen modernste Technik

Der Karikaturen-Streit war ursprünglich eine innerdänische Angelegenheit, die sich vor dem Hintergrund einer verschärften nationalen Integrationspolitik abspielte. Der Vorgang gelangte in beträchtlich verzerrter Version in Länder, die unabhängige Zeitungen kaum kennen und an den oft groben, aber gewaltfreien Stil einer freien öffentlichen Meinung nicht gewöhnt sind.

Wir nennen das rückständig. Aber diese rückständigen Länder sind wie wir vernetzt mit Mobiltelefonen und Internet, so dass Gerüchte sich im Sekundentakt zwischen Beirut und Singapur verbreiten können. Offenbar haben bei der Aufputschung der Massen in den islamischen Ländern unwahre SMS-Nachrichten eine wichtige Rolle gespielt. Die Agitatoren des Hasses spielen virtuos auf den Tastaturen avancierter Technik.

Bedrohlich sind diese Umstände nicht nur für demokratische Gesellschaften, die sich mit Zerrbildern ihrer selbst konfrontiert sehen, sondern vor allem auch für jene Regime, die immer noch glauben, ohne gelenkte öffentliche Meinung nicht auskommen zu können.

Der Nährboden von Gerüchten, Wahnvorstellungen und Verschwörungstheorien, wie sie den Nahen Osten beherrschen, ist die Verbindung von Unfreiheit mit millionenfacher privater Kommunikation, die globalisierte Flüsterpropaganda unter den Bedingungen jüngster Technik. Die unfreie öffentliche Meinung ist eine halbierte öffentliche Meinung, die sich so wenig steuern lässt wie die freie Öffentlichkeit, nur dass sie unendlich viel irrationaler ist.