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Kommentar:Die Juden und ihre Feinde

Der neue globale Antisemitismus gibt den Juden Schuld an allem, sei es die Weltrevolution oder die Machenschaften der Wall Street.

Von Heribert Prantl

(SZ vom 8. November 2003) Deutschland hat sich bemüht. Es gab Wiedergutmachung, schon unter Adenauer. Es gibt die Woche der Brüderlichkeit. Jahr für Jahr ist der Bundespräsident ihr Schirmherr. Christlich-jüdische Gesellschaften sind entstanden, Synagogen restauriert, jüdische Gemeinden neu- und wiedergegründet worden. Gedenkstätten werden gepflegt, Denkmäler errichtet.

Spitzenpolitiker schreiben Grußworte zu den jüdischen Feiertagen, bei den Gedenkfeiern der Republik sitzen die Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in der ersten Reihe. Und wenn es einen Anschlag auf eine Synagoge gibt, dann eilt der Kanzler zum Tatort.

Alkoholiker Deutschland

Man sieht: Deutschland bemüht sich. Manchmal macht es sich diese Bemühung ein bisschen bequem, wie das halt so ist, wenn man sich schon so lange bemüht. Festakte sind deshalb bisweilen weniger bewegend denn beweglich, so war es etwa 1996, als man den erstmals im Bundestag begangenen Tag zur Befreiung von Auschwitz um acht Tage verlegte; die Abgeordneten sollten in sitzungsfreier Zeit keiner unnötigen Belastung ausgesetzt werden.

Aber einen Mann wie Hans Globke, der die Nürnberger Rassegesetze kommentierte, würde heute kein Kanzler mehr, wie einst Adenauer es tat, zum Staatssekretär und Vertrauten machen. Doch die Globkes sind lange tot und wenn die Lebenden antisemitisch auffallen, dann werden ihre Ausfälle zumindest als Ausrutscher verurteilt.

Das offizielle Deutschland fühlt sich in der Rolle des ehemaligen Alkoholikers, der weiß, was passiert, wenn er wieder zur Flasche greift. Abseits der offiziösen Anlässe dagegen, und zwar nicht nur an den Stammtischen, greift man immer wieder zum alten Fusel.

Der CDU-Abgeordnete Martin Hohmann hat sich und seinem Publikum unlängst kräftig einen eingeschenkt. Die Reaktionen - zu messen nicht an den empörten Pressekommentaren, sondern an den beifälligen Anrufen in Parteizentralen und Zeitungsredaktionen - zeigen, dass es mit deutscher Abstinenz nicht so weit her ist.

Abbild der Unsäglichkeiten

In München wird am Sonntag der Grundstein für das Neue Jüdische Zentrum gelegt. Es ist bei solchen Zeremonien üblich, Zeitzeugnisse in den Grundstein einzumauern. Man könnte zum Beispiel Mikrochips mit den Debatten hineinlegen, die in der Bundesrepublik darüber geführt wurden, ob Nazi-Verbrechen verjähren, Zwangsarbeiter entschädigt und Widerstandskämpfer rehabilitiert werden sollen.

Man könnte auch die Kriminalstatistiken über rechtsextremistische Gewalttaten und geschändete jüdische Friedhöfe dort deponieren. Vielleicht auch Wahlstatistiken über Erfolge von rechtsradikalen Parteien. Oder Aufzeichnungen der Debatten darüber, ob der 8. Mai 1945, also das Ende des Zweiten Weltkriegs, nun ein Tag der Befreiung oder einer der Niederlage war.

Es genügt aber vielleicht, die knapp 14 Seiten der mittlerweile berüchtigten Hohmann-Rede im Grundstein zu deponieren. Diese Rede ist wie ein Abbild, ein Konzentrat aller Wirrungen und Unsäglichkeiten aus mehr als fünfzig Jahren, ein Exempel der Denkfiguren und Entschuldigungsmechanismen nach dem Muster: Ja furchtbar, Hitler war ein "Vollstrecker des Bösen", und die Nazis waren Verbrecher, aber natürlich bei weitem nicht alle, und, jaja, den Juden ist großes Unrecht widerfahren, aber die Deutschen haben dafür anständig geblecht.

Stufenweise Abwiegelei

Aber, so heißt es dann: Man wird doch noch sagen dürfen, dass es anderswo auch Verbrechen gab und kein Volk je so gebüßt hat wie das deutsche. Das ist Stufe eins der Abwiegelei. In Hohmanns Worten: "Gnädige Neubetrachtung oder Umdeutung wird den Deutschen nicht gestattet. Das verhindert die zur Zeit in Deutschland dominierende politische Klasse und Wissenschaft mit allen Kräften...(und) neurotischem Eifer."

In Stufe zwei der Abwiegelei heißt es dann: Auch Juden hätten doch ihren heftigen Anteil an den Verbrechen der Weltgeschichte. Das geht so: Der Bolschewismus, der so viel Unheil über die Welt gebracht hat, sei jüdisch dominiert, Hitler förmlich traumatisiert gewesen von den Gräueltaten der Bolschewiken im russischen Bürgerkrieg.

Letztlich seien also die Juden selbst schuld an ihrer Verfolgung - weil es die Nazis nicht gegeben hätte, wenn nicht zuvor der jüdische Bolschewismus gewesen wäre. Bei Hohmann gipfelt das Ganze in einer lästerlichen Anrufung Gottes, der die Welt vor einem jüdisch-bolschewistischen Nihilismus retten soll. Wer liest, wie hier ein CDU-Abgeordneter an den unseligen christlich motivierten Antijudaismus anschließt, der wartet nicht nur auf das scharfe Wort der CDU-Spitze, sondern auch auf die Zurückweisung solcher Blasphemie durch die Kirchen.

Antisemitischer Antikommunismus

Der Antikommunismus, der sich durch Hohmanns Rede zieht, wäre nicht weiter bemerkenswert. Er gehört zu den Traditionslinien der Bundesrepublik und zu den Essentialia der Unions-Politik. Hohmann macht aber etwas in der Union bisher nicht Dagewesenes: Er lädt den Antikommunismus antisemitisch auf.

Das geht weit über das hinaus, was Jürgen Möllemann gesagt und geschrieben hat. Der FDP-Politiker hatte mit einigen antisemitischen Konnotationen gespielt. Der CDU-Mann verficht ein elaboriertes antijüdisches Geschichtsbild. Das ist erstens unerhört, zweitens unerhört dumm: Die Täter der russischen Geheimpolizei, so sie überhaupt Juden waren, handelten nicht als Juden, sondern als Bolschewiken. Opfer in den Konzentrationslagern waren die Juden aber als Juden.

Im übrigen gleicht die Art, wie Trotzki, Marx und andere hier für das Judentum in Anspruch genommen werden, einer rückwirkenden Anwendung der Nürnberger Gesetze. Dass Hohmann seine antijüdische Phobie auch noch dazu nutzt, mit dem gesamten Sozialismus, mit Bernstein und Lassalle, also mit den Gründervätern der SPD, abzurechnen, sei nur am Rande vermerkt.

Braune Brüder im Geiste

Das Unheilvolle an diesen Hohmännern ist, dass sie sich einklinken in einen neuen globalen Antisemitismus, der den Juden die Schuld gibt an allem - sowohl an der Weltrevolution als auch an den Machenschaften der Wallstreet. Hohmanns Geschichtsbild ist so wahnwitzig wie das von Bin Laden, mit dem dieser im ersten Video nach dem 11. September 2001 die Terrorangriffe auf die Twin Towers gerechtfertigt hat - als Angriff auf "den" jüdischen Kapitalismus.

Und die fundamentalistischen Bewegungen weltweit brandmarken Menschenrechte als jüdische Erfindung zur Unterjochung anderer Völker. Auf diese Weise versuchen die Fundamentalisten die Menschenrechte so zu diskreditieren, wie das Hohmann mit dem Sozialismus macht.

Es gibt so viel zu antworten auf Herrn Hohmann und seine braunen Brüder im Geiste. Aber vielleicht ist es besser, in den Grundstein einfach einen kleinen Brief neben das Pamphlet zu legen, den Brief eines jüdischen weißrussischen Mädchens: "Lieber Vater! Vor dem Tode nehme ich Abschied von Dir. Wir möchten so gerne leben, doch man lässt uns nicht, wir werden umkommen. Ich habe solche Angst vor diesem Tod, denn die kleinen Kinder werden lebend in die Grube geworfen. Auf Wiedersehen für immer. Ich küsse Dich inniglich. Deine J."

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